Inhalt


Wider der Exzellenz - Hochschulfinanzierung für alle statt Leuchtturmprojekte für Eliten!

In diesem Sommer verkündete Wissenschaftsministerin Anja Karliczek welche Hochschulen den Status Exzellenz-Universität erhalten und die nächsten sieben Jahre gefördert werden. Unter den Hochschulen vier Standorte in Baden-Wüttenberg und zwei in Bayern. Über die Hälfte der Förderung geht also nach Süddeutschland. In Nordrhein-Westfalen werden mit Aachen und Bonn zwei Hochschulen gefördert. Außerdem wird Hamburg und Berlin gefördert. Damit wurde in Ostdeutschland nur an eine einzige Hochschule der Status Exzellenz-Universität vergeben.

Ins Leben gerufen wurde das Förderprogramm, um die Hochschulen auch durch den Bund zu fördern und den Wissenschaftsstandort Deutschland zu stärken. Die Exzellenzinitiative (heute: Exzellenzstrategie) gibt es seit 2005. Bis heute gab es vier Vergaberunden in denen sich Hochschulen für die Förderung bewerben konnten. Die Förderung kommt dann denjenigen Hochschulen zugute, die von der Vergabekommission ausgewählt werden.

Zunächst umfasste das Programm drei Förderlinien. Die Graduiertenschulen, bei denen die Förderung und Forschung von Doktorant*innen entscheidendes Kriterium ist, interdisziplinäre Exzellenzcluster und Zukunftskonzepte, bei denen die Ausrichtung der Hochschule entscheidend ist. In der vierten und bisher letzten Runde fielen die Förderlinien Graduiertenschule und Zukunftskonzepte weg und die Förderlinie Exzellenzcluster blieb alleinig bestehen.

Unsere Kritik

Grundsätzlich ist es wünschenswert, dass der Bund sich an den Kosten für die Bildung beteiligt und die Länder nicht alleine stehen lässt. Gerade wenn man die Unterschiede in den Länderhaushalten und in den Lebensverhältnisse betrachtet, sind ausgleichende Mechanismen im Bildungssystem unerlässlich, um mittelfristig eine Angleichung der Lebensverhältnisse im gesamten Bundesgebiet zu erreichen.

Dafür ist die Exzellenzstrategie allerdings kein geeignetes Mittel. Hochschulen in Deutschland sind massiv unterfinanziert. Die Grundfinanzierung ist an allen Hochschulen zu niedrig. Digitalisierung, Infrastruktur, prekäre Arbeitsbedingungen und überfüllte Veranstaltungen sind nur einige Stellen, an denen dies täglich zu sehen ist. Wo nicht einmal das finanzielle Grundniveau an allen Hochschulen gesichert werden kann, ist es ein falscher Schritt verfügbares Geld in einige wenige, vermeintlich „exzellente“ Universitäten zu investieren. Weiterhin zeigt sich mit Fortschreiten des Programms immer drastischer, dass diese wenigen Hochschulen ungleichmäßig im Bundesgebiet verteilt sind. So befindet sich nur eine der elf geförderten Hochschulen in der vierten Runde in Ostdeutschland. In Baden-Wüttemberg hingegen werden vier Hochschulen gefördert, in Bayern sind es zwei Hochschulen. Die Exzellenzstrategie fördert also geradezu die Ungleichheit der Lebensverhältnisse. Des Weiteren wird ein Konkurrenzkampf zwischen Universitäten und Hochschulen gefördert und interdisziplinäre und Hochschulübergreifende Forschung dadurch verhindert. In wirtschaftlich starken Regionen bilden sich Leuchtturm-Hochschulen, nicht nur durch die zusätzlichen Mittel, sondern auch durch die Titel Exzellenz-Uni, der die Unis im Kampf um die besten Wissenschaftler*innen und um Drittmittel noch attraktiver macht und dafür sorgt, dass andere Unis weiter abgeschlagen werden. Mittelfristig wird dies zu einem Zwei-Klassensystem deutscher Hochschulen führen. Es steht zu befürchten, dass auch das Studium an nicht „exzellenten“ Hochschulen zweitklassig wird und, dass dort erlangte Abschlüsse weniger Wert sind. Das ist eine Entwicklung, die zu verhindern ist. Hinzu kommt, dass das Bewerbungsverfahren enorme Ressourcen bindet, die dann nicht für gute Lehre eingesetzt werden können. Betrachtet man die Förderkriterien, werden die wahren Probleme auch gar nicht adressiert. Überfüllte Hörsäle, schlechte Lehre, prekäre Verhältnisse im Mittelbau stehen der Förderung nicht im Weg.

Zudem geht das Konzept von einzelnen Exzellenzuniversitäten vollkommen am deutschen Bildungssystem vorbei. Die Stärke im vorliegenden System liegt insbesondere in der Breite, in vielen besonders guten Fakultäten und Fachbereichen an vielen verschiedenen Universitäten. Die Exzellenzstrategie ist hier besonders destruktiv.

Hin zu einer freien Wissenschaft

Für uns Juso-Hochschulgruppen steht fest: Wir brauchen eine solide, gerechte Grundfinanzierung der Hochschulen. Dabei muss es oberstes Ziel sein, die Defizite in der Lehre aufzuholen, Sanierungsstaus abzubauen und das Prekariat im Mittelbau zu beenden. Dafür müssen alle Hochschulen dauerhaft durch den Bund mitfinanziert werden. Es müssen Sondermittel zur Verfügung gestellt werden, um dringend notwendige Sanierungen durchzuführen. Sind Hochschulen nicht in der Lage, so zu planen, dass sie das Risiko von Festanstellungen tragen können, so muss der Bund das Risiko übernehmen und dementsprechend handeln. Zeitverträge dürfen nicht länger die Regel sein in der Wissenschaft. Erst nach einer soliden Grundfinanzierung aller Hochschulen sollte über Spitzenförderung nachgedacht werden.

Genau darum muss das Konzept Exzellenzstrategie erst politisch neu diskutiert und dann abgeschafft werden. Um entstehende Ungleichheiten zu verhindern, um das Geld dort zu investieren, wo es gebraucht wird, nicht dort wo es glänzt, um zu verhindern, dass Hochschulen in ewiger Vorbereitung auf den Exzellenzwettbewerb untergehen, soll die Exzellenzstrategie durch ein gerechtes, solidarisches Fördersystem abgelöst werden. Gerade jetzt, wo der aktuelle Wettbewerb zu Ende gegangen ist, ist der Zeitpunkt diese Diskussion zu führen, ohne, dass jemand befürchten muss die Wettbewerbsentscheidung zu beeinflussen.

Unsere Vision von gerechter Hochschulfinanzierung ist solidarisch und eine gemeinsame Leistung von Bund und Ländern. Nur so kann freie Wissenschaft existieren.

Zurück