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Wohin mit weltwärts? Ein kritischer Blick auf den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst

Im Jahr 2008 wurde das internationale Freiwilligenprogramm weltwärts ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Seit Beginn des Programms sind über 34000 Jugendliche und junge Erwachsene als Freiwillige in Länder des sogenannten „Globalen Südens“ entsendet worden. Zum zehnjährigen Jubiläum des Programms 2018 bezeichnete Entwicklungsminister Gerd Müller das Programm als „echte Erfolgsgeschichte“. Doch die Kritik am Programm, seinem Anspruch und seiner Wirklichkeit, reißt nicht ab. Im Zentrum der Kritik stehen die postkolonialen Mechanismen, die in dem Programm wirken und lange unzureichend reflektiert worden sind, die Frage nach seinem tatsächlichen entwicklungspolitischen Nutzen sowie die soziale Selektivität von weltwärts.

Freiwilligendienste spielen heute eine bedeutende Rolle in den Bildungswegen vieler junger Menschen. Als Juso-Hochschulgruppen geht es uns deshalb darum, uns ebenfalls kritisch mit dem Wirken der internationalen Freiwilligenarbeit und ihrer Rolle in der globalen Entwicklungszusammenarbeit sowie der Bildungswege Einzelner auseinanderzusetzen. Der Anspruch ist dabei nicht, die persönliche Motivation Einzelner zu kritisieren oder gar zu verurteilen, sondern die politische Gestaltung der Freiwilligenprogramme und ihre strukturellen Bedingungen kritisch zu hinterfragen. Weltwärts als staatlich organisiertes und finanziertes Programm steht dabei im Zentrum dieser Auseinandersetzung.

weltwärts – eine Einführung

Der entwicklungspolitische Freiwilligendienst weltwärts wurde 2008 von der damaligen Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) ins Leben gerufen und besteht nun seit über 10 Jahren. Als Entsendeorganisationen sind über 200 gemeinnützige Organisationen aus Deutschland am Programm beteiligt, hinzu kommen entsprechende Partner*innenorganisationen in den Einsatzländern. Bei diesen Einsatzländern handelt es sich ausschließlich um Länder des „Globalen Südens“. Finanziert wird das Programm zu 75 Prozent durch das Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit. Die restlichen Kosten haben die Entsendeorganisationen zu tragen, wofür sie regelmäßig bei den entsendeten Freiwilligen um Spenden bitten. 

Die Teilnehmer*innen des Programms müssen zwischen 18 und 28 Jahre alt sein, über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder aber über die Fach- bzw. allgemeine Hochschulreife verfügen. Jährlich entsendet weltwärts ca. 3500 Freiwillige für jeweils zwischen 6 und 24 Monate. Im Rahmen der Süd-Nord-Komponente des Programms können seit 2013 auch (2018: 640 Freiwillige) junge Menschen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa einen Freiwilligendienst mit weltwärts in Deutschland absolvieren. Die Komponente soll laut dem BMZ zu mehr Gleichberechtigung im Programm führen und dazu beitragen, dass weltwärts seinen Anspruch als entwicklungspolitischer Lern- und Austauschdienst konsequent erfüllt.

Ein rassismuskritischer Blick auf weltwärts

Ganz grundsätzlich gilt es zunächst, sich kritisch mit den abstrakten globalen Dynamiken, die im weltwärts-Freiwilligendienst wirken und die ihren Ursprung auch heute noch im Kolonialismus haben, auseinanderzusetzen. Im Wissen, dass diese Auseinandersetzung an dieser Stelle bei weitem nicht abschließend geführt werden kann, will dieser Antrag nur einen Ansatzpunkt eines rassismus- und kolonialismuskritischen Blicks auf welwärts darlegen. 

Weltwärts funktioniert momentan unter den Vorzeichen einer klaren, kolonial tradierten Hierarchie: Aus dem „Globalem Norden“ kommen mit einer großen Selbstverständlichkeit Freiwillige in den „Globalen Süden“ ohne, dass die Einsatzländer darum gebeten hätten - und bekommen für ihr Engagement Verantwortung und Anerkennung entgegengebracht. Die postkolonialen Zusammenhänge, die dies so selbstverständlich erscheinen lassen, werden spätestens dann offenbar, wenn man sich vorstellt, beispielsweise Tansania entsendete mit derselben Selbstverständlichkeit jährlich über 3000 Freiwillige als Aushilfslehrer*innen, Betreuer*innen oder Krankenpfleger*innen nach Deutschland und die Absurdität dieses Gedankens erkennt.

Das von Überlegenheitsdenken eingefärbte Selbstbild vieler Freiwilliger als „Helfer*innen“ in „armen Ländern“ sowie auch weltwärts Außendarstellung sind ebenfalls Ausdruck dieser Hierarchie.

Die Hierarchie besteht auch in finanzieller Hinsicht. Die meisten Gelder, die für weltwärts zur Verfügung gestellt werden, verbleiben in deutscher Hand, die meisten bezahlten Stellen des Programms sind in Deutschland angesiedelt und von Deutschen besetzt. Deutsche Pädagog*innen und Entsende-Organisationen werden für die Begleitung der Freiwilligen bezahlt. Freiwillige erhalten während ihres Dienstes ein monatliches Taschengeld und teilweise werden Rückkehrer*innen in ihrem weiteren entwicklungspolitischen Engagement unterstützt. Demgegenüber werden die Dienste im Einsatzland, wie Mentor*innentätigkeiten und die Unterbringung bei einer Gastfamilie, kaum benannt bzw. ausreichend entlohnt.

Die Kritik an den postkolonialen Hierarchien, die im weltwärts-Programm wirken,ist freilich nicht loszulösen aus einer Debatte über Entwicklungszusammenarbeit im Generellen, wo diese genauso wirken. Doch selbst wenn man innerhalb der Logik heutiger Entwicklungspolitik argumentiert, ist der entwicklungspolitische Nutzen des Programms mehr als fraglich. Während es diese historisch tradierten Hierarchien zwischen Ländern des globalen Nordens und Südens zu berücksichtigen gilt, muss auch festgestellt werden, dass eine derartig strukturiertes Entwicklungshilfe-Gefälle wie hier skizziert insbesondere auch auf Grund materieller und ökonomischer Unterschiede beruht. Die Beziehungen zwischen den Ländern dieser beider Hemisphären werden auch konkret auf dem großen Wohlstandsgefälle, das die beschriebenen Entwicklungshilfe-Strukturen bedingt. Dass dieses Gefälle natürlich auch auf neo- und postkolonialen Strukturen beruht und im Sinne einer internationalistischen Strategie zu bekämpfen ist, ist selbstverständlich.

Wer entwickelt hier eigentlich wen?

Es zeigt sich, dass unter einem beachtlichen finanziellen Aufwand junge, zum Großteil nicht fachlich ausgebildete Menschen entsendet und beispielsweise in Schulen, Krankenhäusern oder Waisenhäusern eingesetzt werden. Statt einer entwicklungsstrategischen Ressourcenumverteilung, erleben Einsatzländer also einen nicht unerheblichen Zuwachs an unqualifizierten Menschen – welche oftmals nicht sinnvoll eingesetzt sind.. 2011 etwa gab ein Viertel der von weltwärts entsandten an, die eigene Stelle als „gar nicht oder kaum für einen Freiwilligen geeignet“ zu empfinden. Darunter fallen sowohl Fälle von Unter- als auch Überforderung der Freiwilligen.

Die Weltwärts-Förderleitlinien verlangen von den Entsende- und Partnerorganisationen zwar die Garantie, dass den Einsatzländern durch die Beschäftigung deutscher Freiwilliger kein Nachteil erwächst – etwa durch den Wegfall von Arbeitsstellen für ausgebildete Einheimische. Inwieweit dies immer garantiert sein kann, ist jedoch fraglich. Hinzu kommt, dass die Kehrseite dieser Garantie bedeutet, dass Freiwillige nur solche Arbeiten verrichten dürfen, die nicht zwingend notwendig sind. Dies führt dann wiederum dazu, dass ein großer Aufwand für die Einsatzstellen bereits durch die Schaffung alternativer Arbeitsstellen oder die Einarbeitung und Betreuung der Freiwilligen entsteht. Teils mangelnde Sprachkenntnisse und die Eingewöhnung in unbekannte Lebensumstände verschärfen diesen Aufwand für die Einsatzstellen zusätzlich. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass kurzfristige Freiwilligendienste diesen Effekt weiter verstärken: Sechsmonatige Dienste inklusive Einarbeitungs- und Urlaubszeit, wie sie bei weltwärts möglich sind, lassen keine intensive Auseinandersetzung zu, sondern fördern nur den Aufwand der aufnehmenden Einsatzstellen.

Der Aufwand, welcher hinter der Organisation der Freiwilligenarbeit steht, mündet oft in einem eher einseitigen Lernprozess des*der Freiwilligen. Eine Umverteilung von Wissen, Erfahrung und Lebenschancen als ein Ziel von Entwicklungszusammenarbeit, wird also oftmals verfehlt. Vielmehr fördert ein Freiwilligendienst mit weltwärts die Freiwilligen selbst und stellt eine regelrechte Investition in die eigenen Lebensläufe dar. Die Freiwilligen – so das von weltwärts kommunizierte Selbstbild - erlernen im Zuge ihres Engagements Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Anpassungsgabe usw. – allesamt Eigenschaften, die im Sinne kapitalistischer Verwertungsmechanismen die Bildungs- und Karrierechancen fördern. Die Ungleichheit der Lebenschancen manifestiert sich, der entwicklungspolitische Nutzen für die Einsatzländer bleibt fraglich.

Unter anderem, um dieser Kritik entgegenzuwirken, ergänzte das BMZ weltwärts 2013 um die sogenannte Süd-Nord-Komponente, welche jungen Menschen aus „Schwellen- und Entwicklungsländern“ einen Freiwilligendienst in Deutschland ermöglichen soll. Pro Jahr stehen finanzielle Mittel für ein Kontingent von bis zu 800 Freiwilligen, die nach Deutschland kommen, bereit. Die Zahl der Teilnehmer*innen betrug jedoch von 2013 bis 2018 insgesamt nur 1500 und ist damit gegenüber den Teilnehmer*innenzahlen aus Deutschland (3500 pro Jahr) gering.

Und auch Einreise- und Visaablehnungen haben in der Vergangenheit immer wieder dazu geführt, dass nicht-deutsche Freiwillige am Ende doch nicht am Austausch- und Freiwilligenprogramm teilnehmen konnten. Als Gründe für die Einreiseverweigerungen wurden beispielsweise „Zweifel an Motivation und Rückkehrbereitschaft“ genannt, mangelnde Sprachkenntnisse oder, dass der Freiwilligendienst nicht in die „Lebensplanung des Antragsstellers“ passe. Argumentationsweisen wie diese lassen berechtigten Zweifel daran, inwieweit die Süd-Nord-Komponente des weltwärts-Programms als echte entwicklungspolitische Zusammenarbeit auf Augenhöhe wahrgenommen und genutzt wird, statt als bloße Image-Maßnahme, um der oben genannten Kritik auszuweichen.

Zuletzt bleibt fraglich, ob die neue Komponente wirklich einen Beitrag zu einem breiten gesellschaftlichen Austausch leisten kann, oder nur Jugendliche aus den oberen Schichten der Austausch-Länder bevorteilt. 

Für wen geht es weltwärts?

Dieser Kritik der sozialen Selektivität kann sich auch die weltwärts Nord-Süd-Komponente nicht erwehren. Zwar wurde weltwärts einst mit dem Anspruch ins Leben gerufen, als staatlich finanziertes Programm eine Alternative zu den bisherigen oft teuren und ein hohes Maß an Selbstorganisation erfordernden internationalen Volunteering-Angeboten zu sein und auch sozial schwächeren und Jugendlichen ohne Abitur offen zu stehen. Erhebungen über die an internationalen Freiwilligendiensten teilnehmenden Menschen haben jedoch gezeigt, dass noch immer 97 Prozent der weltwärts-Klientel Abitur und vermehrt eine „sehr hohe und bildungsaffine soziale Herkunft“ haben.

Hervorgerufen und verstärkt wird dieses Phänomen sicher durch die Auswahlkriterien von weltwärts. So steht das Programm (Fach-) Abiturient*innen ab 18 Jahren ohne weiteres offen. Personen, die „nur“ über eine mittlere Reife verfügen, müssen zusätzlich eine abgeschlossene Berufsausbildung oder „vergleichbare Erfahrung“, wie etwa ein Praktikum oder ein Freiwilligendienst in Deutschland, vorweisen. Denn diese Regelung lässt außer Acht, dass ein internationaler Freiwilligendienst sich viel natürlicher an den Schulabschluss anschließen lässt, als an den Abschluss einer Berufsausbildung, wenn bereits Überlegungen wie beispielsweise die Übernahme in den Betrieb eine Rolle spielen und Interessierte dann ggf. davon abhalten, Deutschland für mindestens ein halbes Jahr zu verlassen. Das alternative Voraussetzen eines bereits absolvierten Freiwilligendienstes oder eines vergleichbaren Praktikums kann hier nur schwer Abhilfe schaffen, da dies in aller Regel bereits mit finanziellem Aufwand verbunden wäre und es sehr fraglich ist, ob insbesondere finanziell schwächere junge Menschen die Möglichkeiten haben, diese Hürden auf sich zu nehmen, um sich überhaupt erst einmal für einen weltwärts-Freiwilligendienst zu qualifizieren. Da es sich bei den Freiwilligen ohnehin zum größten Teil um unqualifizierte Personen handelt, und es ja gerade nicht sein darf, dass Freiwillige qualifizierte Arbeiter in den Einsatzländern ersetzen, ist nicht ersichtlich, warum ein*e (Fach-)Abiturient*in für die Arbeiten, die die Freiwilligen verrichten, per se und ohne Ansehung der künftigen Tätigkeit mehr qualifiziert ist, als ein*e gleichaltrige*r Haupt- oder Realschulabsolvent*in. Abgesehen davon soll jungen Arbeiter*innen natürlich auch weiterhin die Möglichkeit eines Freiwilligendienstes mit weltwärts gegeben werden. Dann kommt es aber vor allem darauf an, diese entsprechend anzusprechen und durch Kommunikation und Kooperation mit den Arbeitsstellen gegebenenfalls die Möglichkeit einer Auszeit vom Beruf zu schaffen. Die Möglichkeit der Bewerbung für einen Freiwilligendien mit weltwärts sollte grundsätzlich allen Menschen offen stehen. Eine starre Altersuntergrenze ist aus verschiedenen, vor allem rechtlichen Gründen notwendig. Die willkürliche Obergrenze schließt dagegen ohne eine solche Begründung systematisch Menschen aus. Erfahrungen anderer Freiwilligendienstträger*innen zeigen, dass auch ältere Menschen Interesse an Freiwilligendiensten haben – Recht auf Lebenslanges Lernen heißt auch Berücksichtigung der Bewerbungen älterer Menschen für eine kritische Selbstreflexion und eine Bewusstseinserweiterung durch einen Freiwilligendienst.

Zwar betont weltwärts auf seiner Homepage, Behinderungen und Einschränkungen sowie chronische Krankheiten seien kein Ausschluss-Kriterium für einen Freiwilligendienst im Ausland und wendet auf betroffene Menschen auch andere Altersgrenzen für die Teilnahme am Programm an, der Anteil behinderter oder chronisch kranker Menschen unter den internationalen Freiwilligen ist dennoch verschwindend gering. Einsatzstellen bleiben auch deshalb unbesetzt, weil die Barrierefreiheit der weltwärts-Freiwilligendienste in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit nicht ausreichend und an den richtigen Orten hervorgehoben wird. Eine Veränderung in der Ansprache von Menschen mit chronischen Krankheit und/oder Behinderung muss mit dem Ausbau der Barrierefreiheit einhergehen.

Auch das (nicht obligatorische aber immer klar formulierte) Erfordernis, den eigenen Freiwilligendienst durch Spenden aus einem selbst aufgebauten Spender*innenkreis an die Entsende-Organisation mitzufinanzieren, schreckt insbesondere finanziell schlechter gestellte Interessierte in einem nicht zu unterschätzenden Maße von einem internationalen Engagement ab.

wohin soll’s mit weltwärts gehen?

Wie hier fragmentarisch dargestellt, ist die Kritik am internationalen Freiwilligendienst weltwärts so breit gestreut wie komplex. Diese Kritik mündet nicht selten in der Forderung danach, das Programm abzuschaffen. Als Juso-Hochschulgruppen schließen wir uns dieser Forderung an dieser Stelle nicht an. Wir setzen uns stattdessen weiterhin kritisch mit dem Programm auseinander und erkennen auch positive Aspekte von weltwärts an: Das Programm verfügt grundsätzlich über das Potential, junge Menschen für globale Zusammenhänge, für postkoloniale Verteilungsungerechtigkeiten, für historische Schuld und für globalen Rassismus zu sensibilisieren. Gerade im Nachgang eines internationalen Freiwilligendienstes lässt sich beobachten, dass viele junge Menschen politisiert und sensibilisiert sind und sich entsprechend zivilgesellschaftlich oder politisch – auch im Hinblick auf die Reformierung entwicklungspolitischer Freiwilligendienste - engagieren.

So gründeten vor allem ehemalige weltwärts-Freiwillige 2012 – um nur ein Beispiel zu nennen - den Verein Zugvögel e.V., welcher Partnerstrukturen im Globalen Süden aufgebaut hat und seither Freiwilligendienste für junge Menschen aus Ecuador, Mexiko, Nepal, Ruanda und Uganda in Deutschland organisiert. Damit leistet der Verein einen wesentlichen Beitrag zur Gleichberechtigung im Freiwilligenaustausch.

Dieses Sensibilisierungs- und Politisierungspotential muss jedoch noch breiter an junge Menschen herangetragen werden und sich dann auch im Willen zu strukturellen und politischen Reformen des Programms niederschlagen. Die ausgeführte Kritik an weltwärts lässt sich auch auf andere Freiwilligendienste, wie IJFD oder kulturweit, ausweiten. Diese sind zwar keine dezidiert entwicklungspolitischen Freiwilligendienste, werden aber sehr häufig ebenfalls in Ländern des Globalen Südens abgeleistet. Somit sollte ein kritischer Blick auch auf diese Programme gerichtet werden.

Deswegen lauten unsere Anforderung an die Weiterentwicklung von weltwärts:

Als entwicklungspolitischer Freiwilligendienst muss weltwärts auf Augenhöhe agieren und funktionieren. Die Finanzierung von weltwärts trägt das Etikett „Entwicklungshilfe“. Eine ehrliche Diskussion, inwieweit die Mittel eher in die Profilierung von Lebensläufen fließen, muss fortlaufend geführt werden. Die Konsequenz dieser Diskussion wird eine Anpassung in der Finanzierungsstruktur von weltwärts sein.

  • Kolonial tradierte Geber*innen-Nehmer*innen-Strukturen und damit das ökonomische Ungleichgewicht zwischen Staaten des globalen Nordens und Südens müssen aufgebrochen werden und das gesamte Programm muss fortlaufend unter rassismus- und kolonialismuskritischen Aspekten reflektiert und reformiert werden. 
    • Langfristig muss die Süd-Nord Komponente der Nord-Süd-Komponente gleichgestellt werden.
      • Finanzielle Ressourcen, die für den Ausbau der Nord-Süd Komponente vorgesehen waren, müssen entsprechend umgewidmet werden.
      • Die Kriterien für die Vergabe von Visa und Einreisegenehmigungen müssen gerecht und transparent gestaltet werden und den Anspruch der Gleichberechtigung der Partner*innenländer widerspiegeln.
  • Die Freiwilligen selbst müssen ihre Rolle immer wieder (rassismus-)kritisch reflektieren und dabei durch Vor- und Nachbereitungsseminare unterstützt werden. Hierbei muss ein Selbstverständnis der Freiwilligen vermittelt werden, nicht als „Geber*innen“ armen Ländern zu helfen, sondern im Rahmen eines kulturellen und persönlichen Lerndienstes selbst etwas zu empfangen. Aus einer kritischen Betrachtung der Dauer von weltwärts-Freiwilligendiensten sollten längerfristige Dienste gestärkt hervorgehen. Sechs Monate inklusive Einarbeitungs- und Urlaubszeit reichen nicht für eine intensive Auseinandersetzung im Einsatzland und bedeuten vergleichsweise großen Aufwand für die aufnehmenden Einsatzstellen. Bewusstseinswandel statt Freiwilligentourismus!
  • Es braucht weiterhin ein entsprechendes Umdenken von weltwärts selbst in seinem Selbstbild, seiner Außendarstellung und in der Ansprache der Freiwilligen.
  • Die Kommunikation zwischen den Entsende-Organisationen und den Partner*innenorganisationen in den Austausch-Ländern muss verlässlich und gerecht stattfinden.
  • Die Beschäftigung von Freiwilligen darf den Einsatzstellen und der einheimischen Bevölkerung nicht zum Nachteil gereichen.
    • Freiwillige sollten nur da eingesetzt werden, wo sie auch wirklich sinnvoll sind und unterstützend wirken können.
    • Bei der Auswahl der Einsatzstellen muss sorgfältig geprüft werden, ob sie sich für Freiwilligenarbeit eignen. Es darf weder zu Überforderung noch zu Konkurrenz um Arbeitsstellen oder zu einer Unterforderung der Freiwilligen kommen, welche den Einsatzstellen zusätzlichen Betreuungsaufwand bereitet.

Die soziale Selektivität von weltwärts muss bekämpft werden! Hier sind besonders die Entsende-Organisationen in der Pflicht, eine heterogene Gruppe von Menschen anzusprechen. Heterogenität meint auch Alter bzw. Generation. Eine Altersobergrenze als Ausschlussgrenze für den Freiwilligendienst mit weltwärts zu definieren, schließt systematisch Menschen aus. Gleichzeitig ist diese Grenze bei weltwärts im Vergleich besonders restriktiv. Die Grenze von 28 Jahren sowie die von 35 Jahren für Menschen mit Behinderung und/oder chronischer Krankheit sollte ersatzlos gestrichen werden. Bei der Zuweisung von Bewerber*innen zu Einsatzstellen sollte der individuelle Einzelfall entscheiden.

  • Die Teilnahmevoraussetzungen für Menschen ohne (Fach-)Abitur sollten dahingehend verändert werden, dass ein Schulabschluss und das Erreichen des 18. Lebensjahrs ausreichen und dass eine Berufsausbildung oder Praktika und vorherige Freiwilligendienste nicht mehr erforderlich sind.
  • Abgesehen davon ist es dennoch wünschenswert, dass auch Auszubildende bzw. Berufstätige von dem Angebot eines internationalen Freiwilligendienstes angesprochen werden. Hier braucht es eine entsprechende Veränderung der Öffentlichkeitsarbeit und Ansprache von weltwärts und vor allem der Entsende-Organisationen.
  • Gleiches gilt bei der Ansprache von Menschen mit Behinderungen und/oder chronischer Krankheit. Damit sie einen Internationalen Freiwilligendienst als Option für sich erkennen können, braucht es neben einer Erhöhung der Mittel zum Ausbau der Barrierefreiheit durch das BMZ vor allem eine Veränderung in der Information über barrierefreie Freiwilligendienste.
  • weltwärts und die Entsende-Organisationen sollten in ihrer Kommunikation sensibel sein für die abschreckende Wirkung von Spende-Forderungen auf finanziell schwächer gestellte Menschen.
  • Auch für die Süd-Nord-Komponente des Programms muss sichergestellt sein, dass nicht nur den privilegiertesten Menschen der jeweiligen Länder eine Teilnahme an weltwärts möglich ist.

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