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Wissenschaft durch die Gesellschaft, für die Gesellschaft!

Ein Großteil der Hochschulen werden in Deutschland vom Staat finanziert. Auch wenn die Finanzierung an vielen Stellen nicht ausreicht, soll so sichergestellt werden, dass die Hochschulen ihre Aufgabe frei und gut erfüllen können. Dabei rückte in den letzten Jahren der Begriff »Citizen Science« immer wieder ins Blickfeld der Hochschulen. Wie werden wissenschaftliche Ergebnisse kommuniziert und wie können Bürger*innen in den wissenschaftlichen Prozess eingebunden werden? Wie können die zugrundeliegenden Forschungsdaten zur eigenständigen Analyse frei verfügbar gemacht werden? Gerade in einer Zeit von vermehrten Klimaleugner*innen und aufsteigendem Rechtspopulismus ist es wichtig, die Mauer des akademischen Elfenbeinturms einzureißen und die Ergebnisse der Wissenschaft mehr in die Gesellschaft zu tragen.

Abgesehen von teilweise von Drittmittelgeber*innen geförderten Projekten zur Wissenschaftskommunikation an verschiedenen Hochschulen stellt sich die Frage, wie beispielsweise. Bürger*innen auf die Ergebnisse der Forschung an Hochschulen zugreifen können. Wer sich einen aktuellen Artikel z.B. zu neuen Erkenntnissen über die Folgen des Klimawandels ansehen will, der*die muss häufig 30 bis 40 Euro oder auch deutlich mehr zahlen. Für Monografien und Sammelbände werden teilweise sogar Preise von mehreren hundert Euro verlangt.

Und das alles, obwohl die Forschung an Hochschulen in Deutschland über die Gesellschaft als Ganzes finanziert wird. Das Problem liegt hier in der Publikationskultur. Zum einen geht es im Wissenschaftsbereich viel um die Reputation der Wissenschaftler*innen. Selbst wenn Wissenschaftler*innen nicht in den einschlägigen Verlagen publizieren möchten, haben sie in der Realität meist keine Wahl. Wer in seinem*ihrem Fach(bereich) etwas werden will, der*die muss meistens in einem der wenigen reputationsstarken Journals publizieren. Durch die prekären Beschäftigungsverhältnisse vor allem im akademischen Mittelbau und den zu 90 Prozent befristeten Arbeitsverträgen, die wissenschaftliche Mitarbeiter*innen und Doktorand*innen  haben, müssen sie sich dieser Konvention häufig beugen, um eine Chance zu haben, in ihrer Karriere weiter zu kommen. Und auch gestandene Professor*innen können meistens nicht einfach so frei publizieren. zum anderen sind die verschiedenen Varianten des Open Access-Publizierens und die verbundene Reputation auch abhängig von der Art der Publikation und Fachrichtung. Während bspw. In der Informatik Open-Access-Konferenz-Proceedings als Erstveröffentlichung bereits zur Reputation beitragen, ist dies in klassischen Geisteswissenschaften weniger verbreitet. Auch die Möglichkeit der Open-Access Publikation als Zweitveröffentlichung ist weniger verbreitet. Zum anderen bieten Verlage auch Leistungen an, die für den wissenschaftlichen Betrieb wichtig sind. Das bedeutet also, wenn wir den Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen, die von der Gesellschaft gestützt und ermöglicht worden sind und wenn wir der Aufgabe einer transparenten Wissenschaftskommunikation nachkommen wollen, müssen wir Open Access Angebote schaffen und gleichzeitig die wissenschaftlichen Standards und Leistungen der Verlage erhalten.

Verlage ja! Monopole nein!

Welche Leistungen müssen also Verlage erbringen, die wir erhalten wollen? Zum einen garantieren seriöse Verlage ein (Peer) Review-Verfahren. An diesen Verfahren lässt sich selbst zwar Kritik üben und es bleibt die Frage, welche genaue Art dieses Review-Verfahrens angewendet wird, doch zunächst ist ein Review-Verfahren für eingereichte Artikel ein wichtiges und gutes Werkzeug, um eine Qualitätskontrolle in der Wissenschaft zu etablieren. Zum anderen geht es um eine Kuration der verschiedenen Journals, um im Vorhinein Struktur in die Publikationsflut zu bringen. Verlage also einfach abzuschaffen, ist nicht der richtige Weg. Was wir schaffen müssen, ist, dass die Verlage, in denen publiziert wird, in gesellschaftlicher Hand sind und durch eben jene gestützt werden, sodass diese die Ergebnisse als Open Access anbieten können. Was wir daher fordern ist:

  • Eine Verpflichtung zur Erstveröffentlichung von Forschungsergebnissen und –daten in Verlagen in öffentlicher Trägerschaft, wie Universitäts- oder Fachgesellschaftsverlagen, welche ihre Angebote der Öffentlichkeit unentgeltlich zur Verfügung stellen.
  • Diese Verlage besser auszustatten und die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen.

Das Problem mit der Karriere.

Für Nachwuchswissenschaftler*innen ist es nicht unbedingt möglich, sich den Ort, an dem sie publizieren, frei auszusuchen. Eine Verpflichtung würde zwar Wissenschaftler*innen in Deutschland diese Entscheidung abnehmen und dadurch den Druck auf sie verringern, aber durch eine solche Verpflichtung würden Wissenschaftler*innen aus Deutschland in Internationalen Journals nicht repräsentiert sein. Diese Sorge entspringt dabei weniger aus Angst um die deutschen Hochschulen, sondern eher aus Solidarität mit den Nachwuchswissenschaftler*innen. Um eine Chancengleichheit herzustellen fordern wir daher,

  • dass die oben genannten Maßnahmen in eine Europäische Verordnung umgesetzt werden.

Eine europäische Lösung des beschriebenen Problems kann die Konkurrenz zwischen Wissenschaftler*innen verringern. Hinzu kommt, dass so auch eine breitere Vernetzung von Wissenschaft innerhalb der EU möglich ist. Was jedoch passieren kann, ist eine verschärfte Konkurrenz zwischen den Hochschulen. Es gibt jetzt schon renommiertere Hochschulen wie bspw. die Sorbonne in Paris gegenüber bspw. der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Dies könnte durch eine mögliche Exzellenzförderung von ein paar ausgewählten »Europäischen Hochschulen« noch verschärft werden. Die Maßnahmen müssen daher von

  • einer breiten Förderung und einer besseren Vernetzung der europäischen Hochschulen flankiert werden.

Das Problem mit den Drittmitteln.

Auch wenn Wissenschaft eigentlich nicht von Drittmitteln abhängig sein sollte, ist das momentan — und wird es wahrscheinlich auch in Zukunft — nicht der Fall sein, dass Hochschulen eine ausreichende Grundfinanzierung durch Bund und Länder erfahren. Das Argument, dass Projekte, die durch Drittmittel möglich gemacht worden sind und an staatlichen Hochschulen durchgeführt worden sind, von den oben genannten Maßnahmen ausgenommen werden, ist jedoch zu kurz gedacht. Selbst wenn wissenschaftliche Stellen und auch Gerätschaften durch Drittmittel bezahlt worden sind, steht ein Großteil der Infrastruktur durch staatliche Finanzierung zur Verfügung. Das reicht von den Gebäuden, die meistens zu den Liegenschaften der Länder zählen, hin zur Verwaltung, die Forschung an Hochschulen erst ermöglicht.

Eine internationalistische Perspektive.

Eine weitere Perspektive, die in der Überlegung einer Open Access Publikationskultur eine Rolle spielt, ist die internationalistische. Ein Beispiel: Forschung an tropischen Krankheiten, findet häufig an Hochschulen, Universitäten und Instituten in den »Industrieländern« statt. Die Ergebnisse dieser Forschung werden ebenfalls in Journals veröffentlicht. Universitäten und andere Einrichtungen außerhalb dieser Industrieländer müssen also, um auf die für sie wichtigen Daten zuzugreifen, diese Journals abonnieren. Würden die Ergebnisse - wie sie es zum Teil schon werden- als Open Access veröffentlicht, und so kostenfrei zur Verfügung gestellt, dann wäre es für die betroffenen und meist ökonomisch schwachen Regionen einfacher, an die benötigten Daten zu kommen.

Auch weitere internationale und interdisziplinäre Forschung, wird durch einen einfachen Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen erleichtert. Die unentgeltliche Publikation von wissenschaftlichen Ergebnissen, die durch die Gesellschaft ermöglicht werden, ist also eine Form internationaler Solidarität!

Open-Access Angebote tragen zu einer verbesserten Wissenschaftskommunikation bei, reduzieren den Konkurrenzkampf zwischen Nachwuchswissenschaftler*innen und können internationale und interdisziplinäre Forschung erleichtern.

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