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Erasmus für alle? Dann auch wirklich!

ERASMUS steht als Inbegriff für grenzenlose Mobilität in Europa, für ein Semester voller neuer Erfahrungen, Entdeckungen und Abenteuer. Rund 8% der Studierenden studieren ein oder mehr Semester im Ausland, davon 35% mit Hilfe des ERASMUS-Programms. Das Mobilitätsprogramm ist ein wichtiger Bestand zum interkulturellen Austausch innerhalb der EU sowie auch zum internationalen Austausch in Bildung und Wissenschaft. Das  bekannte Programm für Studierende stellt weitere Mobilitäts-Programme der Europäischen Union, die grenzüberschreitenden Bildungsaustausch fördern, leicht in den Schatten. Doch auch für Schülerinnen und Schüler (COMENIUS), für Auszubildende (LEONARDO DA VINCI), Lehrerinnen und Lehrer, in der Erwachsenenbildung (GRUNDTVIG) oder für Forschung und Lehre (JEAN MONNET) gibt es europäische Förderprogramme. Alle europäischen Bildungsprogramme sollen gemeinsam zu mehr Mobilität und grenzüberschreitendem Lernen beitragen. Dazu kommt das Programm „Jugend in Aktion“, das den interkulturellen Austausch von jungen Menschen in nicht formaler Bildung international fördert. Mit dem Beschluss des strategischen Rahmens „Europa 2020“ durch den Europäischen Rat im Jahr 2010 rückte das Thema Bildung wieder stärker in den Vordergrund. Dazu zählt auch eine Mobilität von Lernenden zwischen den Ländern, die der Idee von lebenslangem Lernen gerecht wird. Im November vergangenen Jahres hat die Europäische Kommission darauf aufbauend einen Vorschlag für ein neues EU-Programm gemacht, das sowohl allgemeine als auch berufliche Bildung, aber auch nicht formale Bildung in den Bereichen Jugend und Sport unter sich vereinen soll. Unter dem Motto „ERASMUS für alle“[1] sollen die bisherigen Programme zusammengefasst und das Gesamtbudget bis 2020 um 70% auf 19 Milliarden Euro aufgestockt werden, 25% davon sollen alleine auf den Bereich Hochschulbildung fallen. Neben der Zusammenführung und der Aufstockung des Budgets sollen  weitere Elemente geändert werden. Für Master-Studierende soll eine Garantie für ein Studiendarlehen während eines Studienaufenthalts im Ausland eingerichtet werden. Das soll für den Master die Stipendien, die für Auslandssemester während des Bachelors weiter bestehen sollen, ersetzen. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern schon lange Zeit, dass auch auf europäischer Ebene das Thema Bildung stärker in den Fokus politischen Handelns gerückt wird. Die Förderung internationaler Mobilität in einem lebenslangen Lernprozess entspricht unserer Idee von Bildung. Deshalb begrüßen wir die Bestrebungen, die bestehenden Programme zu bündeln und dadurch zugänglicher und übersichtlicher zu gestalten. Ebenso begrüßen wir die Aufstockung des Budgets für Bildungsmobilität. Mobile Elite? So sehr wir die Grundidee der Reformen auch mittragen: Die Ausgestaltung des ERASMUS für alle-Programms fördert weiter die soziale Selektion beim Auslandsstudium. Dafür sorgt vor allem das Instrument von Garantien für Studiendarlehen für Masterstudierende: Statt eines Mobilitätszuschlags, wie er bisher für alle Studierenden und in Zukunft nur noch für Bachelor-Studierende gezahlt werden soll, ist für Master-Studierende lediglich eine Kreditbürgschaft geplant. Sie sollen also ihr Auslandsstudium durch Verschuldung finanzieren. Die Mobilitätsstipendien sollen nur noch für Bachelor-Studierende zur Verfügung stehen. Bachelor- und Masterstudierende dürfen beim Auslandsstudium nicht ungleich behandelt werden! Immer mehr Studierende entscheiden sich erst in höheren Semestern, also eher im Masterstudium als während des Bachelors, für Auslandssemester[2]. Das darf nicht zu finanziellen Nachteilen führen. Erwiesenermaßen schrecken spätere Schulden vor allem Menschen aus sozial und finanziell schwachen Elternhäusern ab[3]. Die Unsicherheit und der Druck, später einen gut bezahlten Job zu bekommen und die Schulden schnell wieder zurückzahlen zu können, wirkt sich damit negativ auf die Entscheidung für ein Auslandsstudium aus und sorgt im Zweifel für einen Verzicht auf einen Auslandsaufenthalt. Der durchschnittliche monatliche Mobilitätszuschlag in allen Erasmus-Ländern (27 Eu-Staaten sowie Norwegen, Island, Liechtenstein und Türkei) lag im Jahr 2009/2010 bei 236 Euro[4]. Das reicht bei weitem nicht aus, um ein Auslandsstudium zu finanzieren. Laut 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks finanzieren die meisten Studierenden einen Auslandsaufenthalt aus verschiedenen Quellen. Der größten Teil wird durch die Eltern bzw. die Partnerin oder den Partner getragen: 75% der Studierenden im Ausland werden durch sie unterstützt. Rund die Hälfte finanziert sich auch durch eigenen Verdienst und Ersparnisse, BAföG erhalten immerhin rund 30% der Studierenden im Ausland. EU-Stipendien, zu denen auch die ERASMUS-Stipendien zählen, empfangen 40%.[5] Diese Zahlen legen nahe, was auch die Sozialerhebung zeigt: Während rund 20% der Studierenden aus hoher sozialer Herkunftsgruppe ein Auslandsstudium machen, liegt diese Quote für Studierende aus sozial schwächeren Gruppen nur bei 11%. ERASMUS für alle finanzierbar machen! Auslandserfahrungen dürfen nicht durch den sozialen oder finanziellen Hintergrund bestimmt werden. Wer mehr Studierende für ein Auslandsstudium begeistern will, muss sie auch entsprechend ihrer Möglichkeiten unterstützen. Wir fordern deshalb, dass der Vorschlag der Europäischen Kommission für Kreditbürgschaften als Unterstützung für Masterstudierende bei den Diskussionen im Rat der Europäischen Union und im europäischen Parlament zurückgenommen wird. Stattdessen sollen Stipendien in Form von Zuschüssen auch für Masterstudierende weiterhin bestehen. Außerdem wollen wir, dass der ERAMSUS-Mobilitätszuschuss nicht nur ein nettes Taschengeld für Studierende im Ausland darstellt, sondern wirklich zu dem aufgewertet wird, was er sein soll: Eine notwendige finanzielle Unterstützung zur Ermöglichung von Auslandsaufenthalten. Dazu muss die Höhe der Zuschüsse deutlich erhöht werden. Nationale Programme wie das Auslands-BAföG sind dabei unverzichtbar und müssen stärker mit den europäischen Programmen verbunden werden. In diesem Zusammenhang fordern wir, Auslands-BAföG als Vollzuschuss und elternunabhängig zu gewähren. Wir wollen, dass alle die Möglichkeit bekommen, während ihres Studiums einen Auslandsaufenthalt zu machen. Diese Entscheidung darf weder vom Willen oder der Möglichkeit der Eltern, diesen auch zu finanzieren, noch von Angst vor Verschuldung abhängen. Das Auslands-BAföG stellt noch immer nur einen geringen Anteil an der Studienfinanzierung im Ausland dar. Es muss aber zum entscheidenden Instrument in der Auslandsstudienfinanzierung werden. Nur so können gleiche Chancen auf ein Auslandsstudium für alle geschaffen werden. Das ERASMUS-Programm unterstützt die Studierenden zusätzlich und ermöglicht somit den interkulturellen Austausch. Der ERASMUS-Mobilitätsbeihilfe kommt demnach die Aufgabe zu, entstehende Mehrkosten im Ausland zu decken. Die Beitragsbemessung muss Unterschieden im Preisniveau zwischen Herkunfts- und Zielort berücksichtigen. Nur so können teurere Universitätsstädte für Erasmusstudierende aus Regionen mit niedrigem Einkommensniveau zugänglich gemacht werden. Die europäischen Bildungsprogramme sind höchst erfolgreich und leisten einen enormen Beitrag zum interkulturellen Austausch. Die Programme zu bündeln und zu stärken ist sinnvoll. Doch Ziel dieser Programme sollte die Teilhabemöglichkeit für alle Menschen sein. Deshalb: Erasmus für alle ? Dann auch wirklich!
[1]      Europäische Kommission, 2011: Erasmus für alle: Das EU-Programm für allgemeine und berufliche Bildung, Jugend und Sport: http://ec.europa.eu/education/erasmus-for-all/doc/com_de.pdf [2] Deutsches Studentenwerk, 2010: Internationalisierung des Studiums – Ausländische Studierende in Deutschland – Deutsche Studierende im Ausland. Ergebnisse der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. http://www.studentenwerke.de/pdf/Internationalisierungbericht.pdf, S. 58 [3]Autorengruppe Bildungsberichterstattung, 2010, Bildung in Deutschland 2010. http://www.bildungsbericht.de/daten2010/bb_2010.pdf, S. 290. [4]European Commission, 2011: The Erasmus Programm 2009/2010. A statistical overview. S. 12. [5]Deutsches Studentenwerk, 2010: Internationalisierung des Studiums – Ausländische Studierende in Deutschland – Deutsche Studierende im Ausland. Ergebnisse der 19. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. http://www.studentenwerke.de/pdf/Internationalisierungbericht.pdf, S. 65.

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