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Studierenden mit Kind ein gleichberechtigtes Studium ermöglichen

Vorbemerkung: Als Studierende mit Kind werden im Folgenden alle Studierenden mit mindestens einem Kind bezeichnet. Studium mit Kind ermöglichen Im Jahr 2006 hatten nur ca. 7% der Studierenden ein oder mehrere Kinder.1 In der entsprechenden Altersgruppe der Gesamtbevölkerung war der Anteil 2006 deutlich höher.2 Dieser Wert ist seit 1991 relativ konstant. Unter diesen Studierenden sahen wiederum lediglich ca. 60 % Studium und Kind als vereinbar an.1 Diese Daten zeigen ganz deutlich, dass die Attraktivität und Durchführbarkeit des Studierens mit Kind deutlich verbessert werden muss. Dazu müssen zum einen die Probleme derer, die bereits mit Kind studieren, ernst genommen und gelöst werden. Außerdem muss denen, die sich vorstellen können, mit Kind zu studieren, dieser Schritt erleichtert werden, indem die Unsicherheiten und Hürden, die sich aus der Entscheidung ergeben, ausgeräumt werden. Finanzierungssicherheit und Bürokratieabbau Studierende mit Kind haben im Schnitt einen deutlich höheren Zeitaufwand für Erwerbstätigkeit als Studierende ohne Kind (ca.10 Std./Woche bzw. ca.7 Std./Woche). Das Einkommen der Studierenden mit Kind beträgt lediglich ungefähr das 1,3-fache des Einkommens von Studierenden ohne Kind. Nicht einmal die Hälfte der Studierenden mit Kind hält die Finanzierung des eigenen Lebensunterhalts für gesichert, bei den Studierenden ohne Kind sehen fast zwei Drittel ihre Finanzierung als gesichert an.[1] Eine zusätzliche Hürde bei der Finanzierung des Lebensunterhaltes ergibt sich daraus, dass Studierende mit Kind für den eigenen Lebensunterhalt BAföG und für den des Kindes Sozialhilfe beantragen müssen. Der neu eingeführte Kinderbetreuungszuschlag beim BAföG stellt zwar bereits eine deutliche Verbesserung dar, reicht aber alleine noch nicht aus, um die finanzielle Situation grundlegend zu verbessern. Allerdings müssen auch Studierende, die aktuell keinen Anspruch auf BAföG haben, einen Anspruch auf den Kinderbetreuungszuschlag erhalten. Zudem fordern wir, nicht nur für Studierende mit Kind, seit langem eine deutliche Erhöhung der BAföG-Regelsätze. Langfristig benötigen wir allerdings eine Studienfinanzierung, die sich am tatsächlichen Bedarf der Studierenden orientiert und alters- sowie elternunabhängig über die gesamte Zeit des Studiums als Vollzuschuss gewährt wird. Gleichzeitig muss eine Entbürokratisierung bei der Antragsstellung vorgenommen werden. So muss es beispielsweise möglich sein, den Antrag auf Sozialhilfe für das Kind gemeinsam mit dem BAföG-Antrag beim BAföG-Amt einzureichen, welches dann die weiteren Verwaltungsvorgänge für beide Anträge koordiniert. Dabei muss sichergestellt werden, dass dies nicht zu Lasten der Studierenden oder Studierendenwerke geht. Teilzeitstudium und Flexibilisierung des Studiums 2006 studierten deutlich mehr Studierende mit Kind als ohne Kind bereits de facto in Teilzeit, was die besondere Wichtigkeit der Möglichkeit eines regulären Teilzeitstudiums verdeutlicht. Mehr als die Hälfte der Studierenden mit Kind gab an, Seminare oder Vorlesungen nicht besuchen zu können, weil sie zu ungünstigen Zeiten angeboten werden.1 Daher setzen wir uns für ein Teilzeitstudium ein, dass in allen Studiengängen und Hochschulen verpflichtend angeboten werden muss. Neben der Sicherstellung der Studienfinanzierung müssen die Studienabläufe so flexibel gestaltet werden können, dass Studierende ihren Zeitaufwand für das Studium jedes Semester flexibel an ihre Möglichkeiten anpassen können. Gleichzeitig muss darauf geachtet werden, das  Veranstaltungen, die zum Pflichtteil des Studiums gehören, nicht nur zu Zeiten angeboten werden, die studentischen Eltern schon von vornherein ausschließen, beispielsweise nach 18 Uhr oder am Wochenende. Auf Wunsch Studierender mit Kind sollten die Zeitpunkte von Veranstaltungen ggf. auch flexibel angepasst werden können, um ihnen eine Teilnahme zu ermöglichen. Um eine flexiblere Gestaltung der Studienzeiten zu ermöglichen, fordern wir außerdem einen deutlichen Ausbau der E-Learning Angebote überall dort, wo sie sinnvoll eingesetzt werden können, sowie eine stark Erweiterung der online verfügbaren Lehrmaterialen. Kinderbetreuung Einen weiteren wichtigen Faktor für Studierende mit Kind stellt die Verfügbarkeit von Betreuungseinrichtungen dar, die ihnen eine äquivalente Teilnahme an Veranstaltungen, Prüfungsvorbereitung und Teilhabe am studentischen Leben ermöglichen. Jedoch konnten 2006 nur etwas mehr als die Hälfte der Studierenden ihren Kindern die gewünschte Form der Betreuung zukommen lassen. Fast die Hälfte aller Studierenden mit Kind gab 2006 an, Probleme gehabt zu haben, einen Kinderbetreuungsplatz zu finden. Für mehr als drei Viertel dieser Studierenden bedeutete dies eine Verlängerung ihres Studiums.1 Um diesen Problemen entgegenwirken zu können, fordern wir einen nachfragegerechten Ausbau von qualitativ hochwertigen Kitaplätzen, die hochschulnah, beispielsweise durch die Studierendenwerke, welche hierfür finanziell abgesichert werden müssen, zur Verfügung gestellt werden. Zusätzlich bedarf es der Schaffung von ausreichenden Kurzzeitbetreuungsangeboten an den Hochschulen mit einer entsprechenden Gegenfinanzierung durch die öffentliche Hand. Darüber hinaus fordern wir unter anderem auch für studentische Eltern mit schulpflichtigen Kindern einen flächendeckenden Ausbau an tatsächlichen Ganztagsschulen. Infrastruktur, Unterstützungs- und Beratungsangebote Der Beratungsbedarf von Studierenden mit Kind ist, besonders bei finanzierungsbezogenen Themen, höher als bei den Mitstudierenden ohne Kind. Trotzdem konnte 2006 nicht einmal die Hälfte aller Studierenden mit Kind angeben, dass es an ihrer Hochschule ausreichende Beratungsangebote gibt. Deutlich weniger als ein Drittel der befragten Studierenden mit Kind gab an, dass infrastrukturelle Angebote wie Spielflächen, Wickel-, Still- und Aufenthaltsräume zur Verfügung standen.1 Aufgrund dieser Missstände fordern wir einen deutlichen Ausbau an guten Betreuungsangeboten mit speziell geschultem Personal sowie die Schaffung von ausreichenden infrastrukturellen Angeboten, die den Bedürfnissen studentischer Eltern gerecht werden. Insbesondere fordern wir verstärkt Angebote für alleinerziehende Studierende mit Kind. Dort, wo es kommunale Beratungseinrichtungen, Angebote durch die Studierendenwerke oder Beratungsstellen der Studierendenschaften gibt sollten diese Angebote enger mit denen der Hochschule vernetzt und aufeinander abgestimmt werden. Sensibilisierung und Information Für Studierende mit Kind und besonders für die Studierenden, die gerne Kinder bekommen möchten, ist auch eine Sensibilisierung aller Mitglieder der Hochschule von Nöten. Sowohl Hochschulleitung und Lehrpersonal als auch Mitstudierenden ist die Situation, in der sich Studierende mit Kind befinden, oft einfach nicht bewusst. Unser Ziel ist es, dass alle Akteure der Hochschulen die individuellen Bedürfnisse dieser Gruppe wahrnehmen und anerkennen. Nur so lässt sich der Alltag an den Hochschulen so gestalten, dass Menschen mit Kind gleichberechtigt studieren können. Entscheidend ist hierbei auch die grundsätzliche Anerkennung der Entscheidung, während oder vor dem Studium ein Kind zu bekommen. Darüber hinaus fordern wir Hochschulen und Studierendenwerke, dort wo dies noch nicht der Fall ist, dazu auf, ausreichend über die bereits bestehenden Angebote für Studierende mit Kind zu informieren.
  [1] Sonderauswertung „Studieren mit Kind“ der 18. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks 2 Bericht über die Sondererhebung 2006 "Geburten in Deutschland" des Statistischen Bundesamtes

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