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Klassische Bildungswege aufbrechen – Beruflich Qualifizierte an die Hochschulen bringen!

Wir Juso-Hochschulgruppen treten dafür ein, dass alle Studierwilligen auch die Möglichkeit zum Studieren erhalten. Dazu gehören für uns offene Hochschulen, die auch unabhängig vom klassischen Weg über das Abitur erreichbar und fest in der Gesellschaft verankert sind. Darüber hinaus stehen wir ein für selbstbestimmte Bildungswege. Der Weg an die Hochschule darf nicht durch die vorherigen Entscheidungen, eine berufliche Laufbahn einzuschlagen, versperrt bleiben. Im Sinne des lebenslangen Lernens sollen individuelle und auch weniger traditionelle Bildungsbiographien gefördert und unterstützt werden. Das bedeutet, dass ein Übergang von beruflicher zu akademischer Bildung nahtlos möglich sein muss. Für uns ist klar, dass berufliche und akademische Bildung kein „besser“ oder „schlechter“ trennt, sondern durch die Öffnung der Hochschulen vor allem die individuellen Interessen der Lernenden verfolgt werden sollen. Ein Studium bedeutet für uns nämlich nicht, einen „höheren“ Abschluss zu erlangen, sondern wissenschaftlich zu arbeiten, kritisches Denken und die persönliche Entwicklung zu fördern. Der Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte muss endlich verbessert und erleichtert werden! Bereits 2009 haben sich die Kultusministerinnen und Kultusminister der Länder darauf geeinigt, welche Voraussetzungen beim Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte erfüllt sein sollen. Diese einheitlichen Bedingungen konnten bis jetzt nicht zu einheitlichen Regelungen in den Ländern führen. Noch immer gelten von Land zu Land unterschiedliche Vereinbarungen zu Voraussetzungen und zum Zulassungsverfahren. Wenn beispielsweise eine ausgebildete Schreinerin mit drei Jahren Berufserfahrung das verwandte Fach Holztechnik studieren will, müsste sie in Baden-Württemberg eine Zulassungsprüfung ablegen, während sie im Nachbarland Rheinland-Pfalz ohne Prüfung zugelassen würde[1]. Uneinigkeit herrscht auch bei der Zulassung zu weiterbildenden Masterstudiengängen für Meisterinnen und Meister. Während das in Bremen geht, ist es in Niedersachsen nicht möglich. Die formalen Möglichkeiten des Übergangs vom Beruf an die Hochschule führt also nicht automatisch dazu, dass mehr beruflich Qualifizierte an die Hochschulen kommen. Der Anteil von StudienanfängerInnen im Dritten Bildungsweg, also ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung, ist in den letzten Jahren zwar leicht angestiegen und lag 2008 bei 1,1% (im Vergleich: 1995 waren es 0,5%). Trotzdem ist diese Zahl mehr als inakzeptabel und auch der internationale Vergleich zeigt, dass Deutschland in Sachen offene Hochschulen stark hinterherhinkt. Berufliche und Akademische Bildung gleichstellen! Die jüngsten Diskussionen um den „Deutschen Qualifikationsrahmen“ (DQR) haben die Dringlichkeit und die Brisanz des Themas um die Bedeutung von akademischer gegenüber beruflicher Bildung noch einmal verdeutlicht. Wir lehnen eine ungleiche Gewichtung zu Ungunsten der beruflichen Bildung entschieden ab. In der Diskussion um den DQR und insbesondere durch die Ausklammerung der allgemeinen Schulabschlüsse zeigte sich sehr deutlich, dass wir noch immer weit entfernt von einer Gleichstellung von Bildungswegen sind. Erklärtes Ziel soll es sein, Durchlässigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung herzustellen. Hierzu ist es notwendig, dass der DQR alle Arten von Bildungsabschlüssen umfasst und die Allgemeine Hochschulreife auf Niveau 4 eingeordnet wird. Formalitäten reichen aber nicht aus, vielmehr muss auf allen Ebenen die Verknüpfung von beruflicher und akademischer Bildung vorangebracht werden und ein Umdenken weg von einer vermeintlichen Abgrenzung der beiden Bildungsbereiche erfolgen.  Die in den letzten Jahren gestiegenen Studierendenzahlen und der sich weiterhin abzeichnende Anstieg an StudienanfängerInnen ist ein erfreuliches und gutes Zeichen. Der Trend einer gestiegenen Studierneigung muss genutzt und auch auf beruflich Qualifizierte ausgeweitet werden. Überdies sind mit den steigenden Studierendenzahlen vielfältige Herausforderungen verbunden, die zu einigen Problemen im Hochschulbetrieb geführt haben. Überfüllte Seminare, knappe Wohnheimplätze oder überlaufene Mensen können allerdings nicht als Argumente angeführt werden, die einen Ausschluss beruflich Qualifizierter an akademischer Bildung plausibel machen könnten. Wir fordern, dass endlich ausreichende Kapazitäten geschaffen werden, die jedem und jeder Studierwilligen – ob mit Abitur oder beruflicher Bildung – ein optimales Studium ermöglichen. Daneben sind aber auch die Hochschulen gefragt, die vor Ort die Rahmenbedingungen schaffen müssen, die es beruflich Qualifizierten abseits von formalen Kriterien ermöglicht, ein Studium aufzunehmen. Wir wollen eine „Kultur der offenen Arme“, die an den Hochschulen noch viel zu wenig gepflegt wird. Alle Studierenden, egal, ob sie vorher berufstätig waren, direkt von der Schule kommen oder eine ganz andere Vorgeschichte haben, sollen an der Hochschule willkommen sein. Nur wenn die Angebote für StudienanfängerInnen mit beruflicher Vorerfahrung gut sind, werden sie auch angenommen werden. Sowohl die Forschung als auch die Lehre müssen sich öffnen und neue partizipative und individuelle Lehrformen etabliert werden, damit eine heterogene Studierendenschaft als Chance genutzt werden kann. Es gibt viele Beispiele für Programme, die mit bestimmten Übergangsmaßnahmen dafür sorgen, dass Menschen, die aus der Praxis kommen, erfolgreich studieren können. Diese müssen weiter gefördert und vorangebracht werden. Und natürlich können Hochschulen und Studierende, die direkt aus der Schule kommen, von den praktischen Erfahrungen der beruflich qualifizierten lernen und profitieren. Individuelle Anforderungen in den Mittelpunkt stellen! Beruflich Qualifizierte haben zu Recht ganz spezielle Anforderungen und Bedürfnisse, wenn sie eine akademische Laufbahn anstreben. Bereits vor dem Studium ist es daher wichtig, beruflich Qualifizierte über die Möglichkeiten einer akademischen Ausbildung und über relevante Rahmenbedingungen wie Finanzierung, Studienorganisation und Studienverlauf zu informieren. Gerade aufgrund der sehr unterschiedlichen Regelungen in den Bundesländern und der unterschiedlichen Angebote an den Hochschulen in Bezug auf Teilzeitstudium, Zulassungskriterien etc. ist es wichtig, dass es vor Ort zentrale Anlaufstellen für Informationen gibt, die auch für Fragen zu weiteren Formen der Weiterbildung zuständig sind. Hier können Informationen und Kompetenzen der Berufs- und Studienberatung zusammenfließen und Beratung über die ganze Bandbreite in beruflicher und akademischer Ausbildung bündeln. Daneben muss über die Möglichkeiten und Perspektiven eines Studiums informiert werden und es sollen verstärkt Programme auf den Weg gebracht werden, die auf die wissenschaftliche Weiterbildung von beruflich Qualifizierten zielen. Hochschulen sollen im Rahmen von Studienberatungen spezielle Angebote schaffen, deren Öffnungszeiten auch für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erreichbar sind und die spezielle Informationen für diese Zielgruppe vermitteln. Eine Vernetzung zu weiteren Beratungsstellen, zum Beispiel den BAföG-Ämtern oder zu anderen Hochschulen, ist dabei unabdingbar und muss deutlich gestärkt werden. Mit Studienbeginn muss der Übergang von der Praxis in das Studieren organisiert und aufgefangen werden. Ein Studium unterscheidet sich in seinem Wesen stark von einer beruflichen Ausbildung. Genauso wie alle anderen StudienanfängerInnen auch ist deshalb gerade zu Studienbeginn eine Phase der Eingewöhnung, des Erlernens wissenschaftlichen Arbeitens und Beratung bei der Studienorganisation notwendig. Wir Juso-Hochschulgruppen vertreten das Konzept einer Studieneingangsphase für alle StudienangfängerInnen. Sie soll sich über die ersten zwei Semester erstrecken. Beruflich Qualifizierte bringen ganz eigene Kompetenzen und individuelles Vorwissen mit. Das muss sowohl bei der Anrechnung von Leistungen als auch im weiteren Studienverlauf berücksichtigt werden. Die Heterogenität von Lerngruppen auch an den Hochschulen ist eine Chance und muss auch als solche genutzt werden. Während die Einen mehr Wissen und Erfahrungen aus der Praxis oder aus vorangegangenen Bildungserfahrungen mitbringen, können die Anderen vielleicht besser theoretisch und wissenschaftlich arbeiten. Die jeweiligen Stärken zu nutzen muss Aufgabe und Ziel von offenen Hochschulen sein. Dazu müssen Lehr- und Lernkonzepte weg von starrem Frontalunterrichten und festen Prüfungsformen hin zu solchen, die individuelle Stärken auffangen und selbstbestimmtes und eigenständiges Lernen anleiten, entwickelt werden. Außerdem muss ein flexibles Studium ermöglicht werden, das Berufstätigen auch ein paralleles Studium erlaubt. Beruflich Qualifizierte haben nicht immer Interesse daran, vollkommen aus dem Beruf auszusteigen. Teilzeitstudiengänge sowie E-Learning und Blended-Learning[2] müssen stärker in den Studienalltag integriert und weiterentwickelt werden. Nur so kann es gelingen, dass ein Studium auch ohne Aufgabe des bisherigen Berufs möglich wird. Nicht zuletzt dadurch lässt sich eine bessere Verknüpfung von Theorie und Praxis erreichen. Die Umsetzung endlich anpacken! Seit Jahren haben sich die rechtlichen Rahmenbedingungen stetig verbessert. Praktisch ist der Anteil beruflich Qualifizierter jedoch kaum gestiegen. Damit endlich etwas passiert, sollen Zielvereinbarung zwischen Ländern und Hochschulen getroffen werden. Ziel muss es dabei sein, den Anteil von Studierenden ohne schulische Hochschulzulassungsberechtigung an den Hochschulen schrittweise zu erhöhen. Die Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte ist seit Jahren viel beachtet und viel diskutiert. Getan hat sich aber noch immer wenig. Vor allem bei der Vereinheitlichung von Regelungen zum Hochschulzugang besteht Nachbesserungsbedarf. Auch die Ausgestaltung muss durch mutigere Schritte verbessert und die Möglichkeiten für beruflich Qualifizierte deutlich ausgeweitet werden. Eine Beschränkung auf fachbezogene Studiengänge lehnen wir ab. Es zeigt sich aber gerade durch die kaum wahrnehmbare Entwicklung des Anteils an beruflich Qualifizierten an Hochschulen, dass eine rein formale Öffnung nicht ausreicht. Beratungsangebote, Informationen, Unterstützung und Ermutigung von beruflich Qualifizierten sind dringend notwendig, um mehr beruflich Qualifizierte zu einem Studium zu ermutigen. Wir müssen das Konzept des lebenslangen Lernens viel stärker in der Gesellschaft verankern und ständige Weiterbildung ermöglichen. Klassische Bildungswege müssen aufgebrochen werden, stattdessen müssen flexible, individuelle und stetige Lernprozesse etabliert und gestärkt werden. Nur so kann eine soziale Öffnung der Hochschulen auch wirklich umgesetzt werden.
[1]Vgl. Banscherus, Ulf, 2011: Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte. Historische Entwicklung, aktuelle Situation und Perspektiven. Vortrag bei der GEW Projektgruppe Soziale Öffnung der Hochschulen [2]„Blended Learning (oder Integriertes Lernen) bezeichnet eine Lernform, bei der eine Verknüpfung von traditionellen Präsenzveranstaltungen und modernen Formen von E-Learning angestrebt wird.“, Beschluss „E-Learning – Vorteile und Chancen nutzen, aber Risiken erkennen und Gefahren vermeiden!“, BKT November 2010 in Mainz. 

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