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Debatte: BAföG als Vollzuschuss? Ja, bitte!

Sollten sich die Juso-Hochschulgruppen für eine Studienfinanzierung mit Darlehensanteil aussprechen? Kontextlos und als Vision? Auf keinen Fall!

Als das BAföG 1971 von der Regierung Willy Brandts eingeführt wurde, hatte es aus gutem Grund keinen Darlehensanteil – wie andere Sozialleistungen ihn in der Regel ja ebenfalls nicht kennen. Die Gesetzesbegründung formulierte: "Der soziale Rechtstaat, der soziale Unterschiede auszugleichen hat, ist verpflichtet durch Gewährung individueller Ausbildungsförderung auf eine berufliche Chancengleichheit der jungen Menschen hinzuwirken. Er hat dem einzelnen die Ausbildung zu ermöglichen, die seiner Neigung, Eignung und Leistung entspricht." [1] Das Ziel lautet also, soziale Unterschiede auszugleichen. Warum spricht das für eine Studienfinanzierung mit starkem Zuschussanteil und gegen Kreditregelungen? Aus vier Gründen! 1) Studienkredite stellen keinen endgültigen sozialen Ausgleich her. Natürlich lösen sie das Problem fehlender Liquidität, welche Studierende aus weniger begüterten Elternhäusern von einem Studium abhalten könnte. Dafür treffen die Studienschulden die ehemaligen Studierenden aber in einer besonders prekären Lebensphase. Statt mit Existenz- oder Familiengründungen müssten sie sich mit Zinsen und Tilgung herumschlagen. Ihre besser gestellten KommilitonInnen können ohne Schulden an die gesellschaftlichen Schlüsselpositionen durchstarten, die den verschuldeten BerufseinsteigerInnen wieder einmal verwehrt blieben. 2) Schulden schrecken ab. Empirische Studien sind eindeutig: Gerade in den sogenannten bildungsfernen Schichten ist die Aversion gegen Verschuldung, ist die Verschuldensangst besonders hoch. Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes zeigt, dass viele Studierende aus diesem Grund auch das BAföG verschmähen, obwohl dies bei einem unverzinsten Darlehensanteil, der mit einem Zuschuss in gleicher Höhe kombiniert wird, wirtschaftlich irrational ist.[2] Mit der Aussicht auf Schulden werden sich die AbiturientInnen aus bildungsfernen Schichten öfter gegen ein Studium entscheiden und damit anderen SchulabgängerInnen die Ausbildungsplätze streitig machen. Verlieren wird in diesem Verdrängungswettbewerb nicht der Gymnasiast oder die Gymnasiastin, sondern Hauptschülerinnen und Hauptschüler. 3) Kredite üben falschen Druck aus. In das BAföG wurde ab 1974 vor allem aus ordnungspolitischen Gründen ein Darlehensanteil eingeführt, der mit der Zeit stieg. Er sollte mit dem Damoklesschwert drohender Verschuldung einen Anreiz für ein schnelles Studium setzen. Eine Überlegung, die heute angesichts zunehmender Verschulung des Studiums und enormer Opportunitätskosten mehr als aus der Zeit gefallen wirkt. Wer unter hohem Druck studiert, wird nicht nach rechts und links schauen können, sondern dem Strom folgen müssen. Innovationen werden abnehmen, denn sie entstehen nur, wenn man es sich leisten kann auch einmal gegen den Strom zu denken. Die Juso-Hochschulgruppen können sich nicht glaubhaft für eine sinnvolle Studienreform mit angemessener Studiendauer einerseits und für Schuldendruck andererseits einsetzen. 4) Der Preis zählt. Schließlich darf man eines nicht übersehen. Ein Darlehen anstelle eines Zuschusses verteuert das Studium schlicht. Auch wenn man sie ablehnt, die humankapitalisische Theorie ist in diesem Punkt eindeutig. Wenn man mehr Studierende für ein Studium gewinnen will, muss das Studium für junge Menschen finanziell attraktiv sein. Je teurer ein Studium durch fehlende Unterstützung wird, desto attraktiver werden alle Alternativen. Attraktive Alternativen entwickeln. Das muss für die Juso-Hochschulgruppen auch in Zukunft das Ziel sein. Darlehen können in bestimmten Fällen Unvorhersehbares abfedern. Als Regelleistung sind sie kein Zukunftsmodell. Im Rahmen des bedarfsabhängigen BAföG muss die Umwandlung des Darlehensanteils in einen Zuschuss der nächste Schritt sein. Weitere können folgen. Aber insbesondere einem Trugschluss darf man dabei nicht erliegen: Studiendarlehen etwa für mehr Elternunabhängigkeit einzutauschen. Was ist gewonnen, wenn Unabhängigkeit gegenüber den Eltern mit der neuen Abhängigkeit gegenüber den Kreditgebern erkauft wird? Nur wer attraktive alternative Politikangebote formuliert, kann für Mehrheiten und gesellschaftlichen Wandel kämpfen. Wer nur für staatliche Darlehen und damit für ein paar Prozentpunkte weniger Zinsen gegenüber normalen Bankdarlehen kämpft, hat schon verloren.
[1] Bundestagsdrucksache VI/1975, S. 19 [2] 19. Sozialerhebung des DSW, S. 224

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