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Kritische Praxisorientierung – Teil einer progressiven Studienreform

Studienreform – ein alter Hut? Das Schlagwort Studienreform bestimmt die hochschulpolitische Debatte seit vielen Jahrzehnten. Immer wieder haben verschiedene Akteure in der Hochschulpolitik Vorschläge zur Neuordnung des Studiums und dessen Inhalten gemacht. Als Beispiel können die Vorschläge des Wissenschaftsrates und die Studienreformdiskussion der 70er Jahre dienen. Die Studienreformdebatte der 70er Jahre wurde von studentischer Seite und von Seiten der Gewerkschaften vor allem mit dem Ziel einer verstärkten Praxisorientierung geführt, die das Studium und die Wissenschaft stärker mit der gesellschaftlichen Realität verzahnen sollte. Gegen eine vermeintlich zweckfreie Wissenschaft wurde die Orientierung von Wissenschaft an gesellschaftlichen Verhältnissen und die Auseinandersetzung mit ihr ins Feld geführt. Dieser Anspruch scheiterte jedoch unter anderem an einer zu technokratischen Umsetzung und letztlich am Willen des Gesetzgebers, eine wirkliche Reform der Studieninhalte zu ermöglichen. In der neueren Zeit erlebt die Debatte um Praxisorientierung unter dem Stichwort Employability ein Comeback. Mit der Bologna-Erklärung wurde nicht nur der Anspruch von einheitlichen Studienabschlüssen festgeschrieben, sondern auch eine Beschäftigungsfähigkeit der AbsolventInnen, die in der Lage sein sollten, mit europäischen Abschlüssen grenzübergreifend Berufe zu ergreifen. Die Frage nach der Beschäftigungsfähigkeit von AbsolventInnen stellt sich durch gesellschaftliche Veränderungen, die auch an einem Hochschulsystem nicht spurlos vorbeigehen (können). Bereits mit der ersten Ausweitung der StudienanfängerInnenzahlen in den 70er Jahren wurde offensichtlich, dass nicht mehr die meisten AbsolventInnen  eine wissenschaftliche Laufbahn einschlagen können. Die Frage des Übergangs in den Arbeitsmarkt stellte sich damit automatisch. Zudem unterliegt die Arbeitswelt ständigen Veränderungen, mit denen die AbsolventInnen eines Studiums fortwährend konfrontiert werden. Alte Berufsbilder lösen sich auf während anderswo neue entstehen und gleichzeitig verändern sich die Anforderungen der Arbeitswelt an Qualifikationen. Auf beides muss die Konzeption eines Hochschulstudiums reagieren. Employability als Sackgasse der Praxisorientierung Das Employability-Konzept, wie es in Deutschland interpretiert und umgesetzt wurde, zielte vor allem auf das Erlangen von Wissen und Kenntnissen, die unmittelbar berufsrelevant sind. Letztlich bildeten sich hier dieselben Diskussionslager heraus, die sich bereits in den 70er Jahren finden lassen. Die engere Interpretation dieses Ansatzes zielt darauf ab, wissenschaftliche Erkenntnisse im Studium zu reduzieren zu Gunsten von Wissen, das die AbsolventInnen direkt befähigt, am Produktionsprozess in einem eng umrissenen Berufsfeld teilzunehmen. Da das gesamte Wissen einer Gesellschaft sich beständig erweitert bzw. durch neue Erkenntnisse erneuert, muss auf die so genannten „soft skills“ ein größerer Wert gelegt werden, so die Argumentation der BefürworterInnen. Die Hochschulen haben dies bspw. in Form von Berufsfeldseminaren oder Rhetorik- bzw. Präsentationsseminaren verwirklicht. Unter den bestehenden Verhältnissen in der Gesellschaft stellt sich die Frage, zu welchem Zweck die Praxiskompetenzen erworben werden. Trainings in Rhetorik und Präsentation können darauf abzielen, sich selber oder das eigene Anliegen besser zu verkaufen als andere. Teamarbeit kann dann auch heißen, sich möglichst effektiv gegen andere Sichtweisen durchzusetzen. Was unter der Vermittlung von „soft skills“ zu verstehen ist, ist abhängig von der gegenwärtigen gesellschaftlichen Deutungshoheit. Die Finanzkrise hat uns gezeigt, dass die Rufe kritischer WirtschaftswissenschaftlerInnen nicht gehört wurden, weil sie nicht zum Mainstream gehörten. Nur eine kritische Herangehensweise an das eigene Fach und die gesellschaftlichen Verhältnisse kann langfristige Analysen und Lösungsvorschläge hervorbringen. Wir Juso-Hochschulgruppen sehen in der gegenwärtigen Interpretation des Employability-Konzepts kaum geeignete Ansätze, die Diskussion um die Praxisorientierung des Studiums voranzubringen. Das Verständnis von Praxisorientierung muss deutlich über die Annahmen des Employability-Begriffes hinausgehen. Statt der Konzentration auf kurzfristige Berufsvorbereitung und der Vermittlung von Strategien der Selbstvermarktung bzw. des Bestehens im Konkurrenzkampf um Arbeitsplätze muss für uns vielmehr der Grundgedanke einer solidarischen Gesellschaft und emanzipatorischen Bildung stehen. Auswege aus der Studienreformkrise? Gleichzeitig hat sich im Bildungsstreik gezeigt, dass sich Studierende mit ihrem Ruf nach einer Studienreform gegen konservative hochschulpolitische Positionen abgrenzen müssen. Der Ausweg aus der aktuellen Misere des Hochschulsystems kann nicht in der Glorifizierung alter Verhältnisse liegen. Eine zweckfreie Wissenschaft unter dem Stichwort Elfenbeinturm, die sich aus der Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse heraushalten will, ist genauso reaktionär wie das Versteifen auf die Frage der Studienabschlüsse. Die Bologna-Reform hat statt einer Studienreform nur eine Studienstrukturreform hervorgebracht. Aufgabe einer progressiven Hochschulpolitik muss es sein, da weiterzumachen, wo die Bologna-Reform stehen geblieben ist. In den 12 Thesen zum Studium der Zukunft haben wir deutlich gemacht, dass im Vordergrund eines Studiums die Befähigung zur kritischen Analyse und Weiterentwicklung gesellschaftlicher Lebens-, Arbeits- und Produktionsweisen stehen muss. Wissenschaft, die ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft gerecht werden will, muss AbsolventInnen in die Lage versetzen, kritisch mit den Verhältnissen um sie herum umzugehen. Emanzipation bedarf eines freien Studiums. Statt einen objektiven Bildungsbegriff, der Bildung als Übertragung von Wissen auf Studierende durch Lehre versteht, vertreten wir einen subjektiven Bildungsbegriff: „Bildung ist die an eigenen Interessen und Fragestellungen ausgerichtete Beschäftigung mit der Wissenschaft, nicht zuletzt zur Heranbildung eigener Positionen. Dazu müssen die entsprechenden Rahmenbedingungen geschaffen werden. Der Employability setzen wir Juso-Hochschulgruppen den Gedanken einer kritischen Praxisorientierung entgegen. Die Reformbemühungen im Zuge der Bologna-Reform müssen auf Hochschul-, Landes- und Bundesebene zu einer Überprüfung der Curricula unter Beteiligung von Studierenden, Lehrenden, Gewerkschaften, ArbeitgeberInnen und zivilgesellschaftlichen Initiativen wie z.B. Umweltverbänden führen, und diesen Grundgedanken in den Studienplänen konsequent verankern. Studienreformbemühungen neu beleben – Eckpunkte einer kritischen Praxisorientierung Wir Juso-Hochschulgruppen fordern daher eine echte Studienreform, die die Praxisorientierung des Studiums in den Mittelpunkt stellt. Hierfür setzen wir folgende Eckpunkte: Kritisch-reflexiver Praxisbegriff Ins Zentrum der Bemühungen zur Studienreform muss ein kritisch-reflexiver Praxisbegriff treten. Statt der Fokussierung auf verwertbares Wissen muss eine dauerhafte Fähigkeit entwickelt werden, sich kritisch mit der eigenen Umwelt zu beschäftigen. Studierende haben ein legitimes Interesse daran, nach ihrem Studium einen Beruf zu ergreifen. Sie sollen darauf auch bestmöglich vorbereitet werden. Allerdings darf diese Vorbereitung nicht zu Lasten von wissenschaftlicher Beschäftigung gehen und nicht eine Anpassung an die Berufspraxis werden. Wir wollen, dass AbsolventInnen sich in der Arbeitswelt zu Recht finden, einen Platz in der Erwerbswelt finden und diese sowie ihre Umwelt gleichzeitig einer kritischen Überprüfung unterziehen. Leitmotiv dieser Vorbereitung und des Handelns muss ein solidarischer Umgang in einer solidarischen Gesellschaft sein. Mit diesem Anspruch ist ein Studium auch berufsqualifizierend, ohne es an bestimmten Abschlüssen festzumachen. Ausbildung von Persönlichkeit als Aufgabe eines Studiums Studium ist nicht nur Aneignung von Wissen, sondern unter anderem auch Persönlichkeitsbildung. Diese findet aber nicht automatisch und voraussetzungslos statt, so wie es manchmal fälschlicherweise interpretiert wird. Ziel eines Studiums und Aufgabe einer Hochschule muss es daher sein, die Persönlichkeitsbildung im Rahmen des Studiums aktiv zu fördern. Wir wollen, dass Menschen sich nicht nur Wissen aneignen können und befähigt werden, in Kontexten zu denken und zu handeln, sondern dass sie aktiv Stellung beziehen mit einer eigenen Meinung zu dem, was sie lernen, und zu ihrer Umwelt. Diese Haltung muss in der Lehre verankert, ermöglicht und eingefordert werden, statt von den Studierenden eine „Vertheoretisierung“zu verlangen. Darüber hinaus spielt auch die Organisation von akademischer Selbstverwaltung eine wichtige Rolle. Sie muss die Meinungsbildung befördern und in Konsequenz die Meinungen von Studierenden berücksichtigen. Verknüpfung von Studium und Praxis Wir halten es für wichtig, dass Studierenden die Möglichkeit gegeben wird, Studium und Praxis miteinander zu verknüpfen. Diese Verknüpfung soll individuell gestaltbar sein und sich somit auf unterschiedliche Zeiträume und Bereiche erstrecken können. Es müssen die entsprechenden Freiräume geschaffen werden, die allen Studierenden ermöglichen, Praktika oder andere praxisnahe Elemente nach eigenem Ermessen in ihr Studium zu integrieren. In bestimmten Studiengängen können Praktika zwar verpflichtender Bestandteil, sollen aber dennoch flexibel und individuell gestaltbar sein. Grundsätzlich sollen Praktika der Orientierung dienen und nicht zu einer Ausnutzung der PraktikantInnen führen. Daher fordern wir zusätzlich eine Vergütung bei Praktika von einer Länge ab 6 Wochen. Neue Lehr- und Lernformen Wir Juso-Hochschulgruppen haben uns vielfach mit dem Bereich Gute Lehre befasst und weitreichende Vorschläge zur Verbesserung der Lehrqualität vorgelegt. Für eine kritische und praxisorientierte Hochschullehre sind vor allem Projektstudien, studierendenzentriertes, forschendes und forschungsbasiertes Lernen notwendig. Wir brauchen eine Abkehr von einseitigem Frontalunterricht hin zur Bearbeitung von praktischen Fragestellungen in Kleingruppen. Darüber hinaus kann die Vermittlung der so genannten „soft skills“ wie Teamarbeit und Präsentationsfähigkeit in diesen Formen solidarisch untereinander geübt werden, statt abgekoppelt, klischeehaft und isoliert in anderen Veranstaltungen „vermittelt“ zu werden. Interdisziplinäre Perspektiven implementieren Kritische Reflexion und Analyse erfordert vor allen Dingen die Fähigkeit, über den eigenen „Tellerrand“ hinauszublicken. Wir schlagen daher eine verstärkte Einbindung interdisziplinärer Veranstaltungen in alle Studiengänge vor, um jeder/jedem Einzelnen zu ermöglichen, die eigenen Studieninhalte aus einem fächerübergreifenden Blickwinkel zu betrachten und zu hinterfragen. Eine solche Form echter „Universal-„bzw. „Allgemeinbildung“ würde das Individuum in die Lage versetzen, sein fachspezifisches Wissen und das eigene Interesse daran in den gesamtgesellschaftlichen Kontext einordnen und an der positiven Entwicklung selbiger mitwirken zu können. Beteiligung von gesellschaftlichen Gruppen an der Umsetzung Diese Eckpunkte, für die wir Juso-Hochschulgruppen uns einsetzen, müssen als Leitfaden für eine echte Praxisorientierung des Studiums dienen. Diese darf aber nicht an einer technokratischen Umsetzung scheitern. Sie muss öffentlich und transparent diskutiert werden. Die Inhalte eines Studiums und die Leistungen einer Hochschule sind Themen, die nicht nur Ministerialbürokratie oder Hochschulangehörige betreffen, sondern eine gesamte Gesellschaft. An den Bemühungen um eine Studienreform müssen deshalb gesellschaftliche Gruppen wie Gewerkschaften, ArbeitgeberInnen und zivilgesellschaftlichen Initiativen beteiligt werden. Was die Qualität eines Studiums ausmacht bestimmt die gesamte Gesellschaft, nicht die Hochschule allein. Wir fordern und fördern hierfür eine offene Diskussion. Diese Auffassung von Qualität ist nicht statisch. Was Hochschulen leisten müssen und AbsolventInnen aus ihrem Studium mitnehmen sollen, entwickelt sich dynamisch mit einer Gesellschaft und deren Lebens-, Arbeits- und Produktionsweisen. Jede Studienreform und jede Ausgestaltung der Praxisorientierung ist deshalb nie abgeschlossen, sondern ein fortwährender Prozess der Überprüfung und erneuten Reform.

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