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Bologna 2020 – Klare Kurskorrekturen, jetzt!

Bologna 2020 – Klare Kurskorrekturen, jetzt!

 

Das Thema Bologna wurde zur Überraschung vieler MedienvertreterInnen und politischer AkteurInnen in diesem Sommer heiss diskutiert. Gerade der Bildungsstreik und die über 200.000 Demonstrierenden haben die Gemüter erhitzt und Diskussionen über eine bessere Bildungspolitik bis weit in die Gesellschaft hineingetragen. Selbst unzählige Fachzeitschriften und Feuilletons kamen wochenlang nicht umhin, ihre Meinung zu den durchgeführten Reformen und den daraus entstandenen Schwierigkeiten abzugeben.

Es wurde deutlich, dass der seit fast zehn Jahren stattfindende Studienstrukturreformprozess nicht die Qualität von Studium und Lehre und die Betreuung des Studiums verbessert, sondern eine steigende (Über-)Belastung der Lehrenden wie auch der Studierenden hervorgerufen hat.

In den meisten Berichten der letzten Monate zum Thema Bologna-Prozess wurde die deutsche Umsetzung scharf kritisiert, da zentrale Reformziele nicht erreicht wurden. Wir Juso-Hochschulgruppen haben unsere Kritik nicht über Nacht entdeckt, sondern waren seit Beginn der Hochschulreformen an der Debatte aktiv beteiligt. Wir haben erkannt, dass eine Studienstrukturreform nur dann sinnvoll und förderlich sein kann, wenn die Studierenden und die Lehre dabei im Mittelpunkt stehen, eine ausreichende Finanzierung gesichert ist und die beteiligten Akteure sich Zeit für eine Analyse und Korrekturen nehmen. Nur unter diesen Voraussetzungen können positive Effekte erwirkt werden. Wir begrüßen die von Bologna gesetzten Ziele, haben jedoch stets auf die fehlerhafte bundesdeutsche Umsetzung hingewiesen und damit als größter Studierendenverband die Diskussion maßgeblich geprägt. Wir wollen, dass der Bologna-Prozess weitergeführt wird. Bologna 2020 muss aber mit einer neuen Stoßrichtung durchgeführt werden.

Der Bologna-Prozess sollte ursprünglich bis zum Ende dieses Jahres abgeschlossen sein. Faktisch sind wir heute von diesem Ziel noch meilenweit entfernt. Aktuell sind etwa 75 Prozent der Studiengänge in Deutschland formal auf das konsekutive System von Bachelor und Master umgestellt, die Ziele der Verbesserung der Mobilität, Flexibilisierung und internationalen Vergleichbarkeit aber sind Wunschdenken. An vielen Stellen haben konservative Kräfte lediglich die Chance genutzt, ideologische Agenden wie Studienzeitverkürzung, stärkere Zulassungsbeschränkungen und Elitenbildung im Namen von Bologna im Hochschulsystem zu implementieren. Diese Verballhornung der  Bologna-Erklärung hat dazu geführt, dass die Interessen der Studierenden hinter die Interessen der Wirtschaft zurücktreten mussten und eine wirklich studierendenfreundliche Strukturreform ausgeblieben ist.

Das CDU-geführte Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) rühmt sich auf seiner Internetseite zwar mit brillanten Ausführungen wie:

„[d]er 1999 gestartete Bologna-Prozess hat zu einer erfolgreichen Modernisierung der deutschen Hochschulen beigetragen. Im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe hatte sich Deutschland gemeinsam mit seinen europäischen Nachbarn die Aufgabe gestellt, bis zum Jahr 2010 einen europäischen Hochschulraum zu schaffen. In Deutschland haben wir die Chance genutzt, durch die größte Hochschulreform seit Jahrzehnten die Qualität von Studienangeboten zu verbessern, mehr Beschäftigungsfähigkeit zu vermitteln und die Studiendauer zu verkürzen.“[1]

Jedoch zeigen Studien, beispielsweise  des Hochschul-Informations-Systems (HIS)[2], dass sich statt eines Abbaus von Hürden im Gegenteil mehr und höhere Hürden für Studierende geschaffen wurden – sinkende Mobilität, steigende AbbrecherInnenquoten und geschlechterdiskriminierende Selektion sind nur einige der negativen Auswirkungen.

Diese Entwicklungen sind für uns Juso-Hochschulgruppen inakzeptabel und daher fordern wir deutliche Verbesserungen, die nur durch eine klare Kurskorrektur des bisherigen Prozesses zu erreichen sind. Deshalb muss eine schonungslose Analyse des bisherigen Bologna-Prozesses stattfinden, die die Schwächen mancher Ziele wie auch der Umsetzung aufzeigt und den Weg für klar formulierte Korrekturen freimacht. Mit dieser Positionierung der Juso-Hochschulgruppen wollen wir uns für die kommenden wichtigen Monate der Analyse- und Korrekturphase vorbereiten. Die GEW hat vor wenigen Wochen dafür die Expertise „Der Bologna-Prozess zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ im Auftrag der Max-Traeger-Stiftung vorgelegt, die zu diesem Analyseprozess eine hinreichende Vorlage bietet.[3] Was waren die eigentlichen Ziele von Bologna?

 

Explizit benannte Ziele

Dem Bologna-Prozess voraus ging 1997 das Lissabon-Abkommen, das Regelungen für den europäischen Hochschulraum traf, beispielsweise die prinzipielle Anerkennung aller Studienabschlüsse der Unterzeichnerstaaten untereinander sowie viele weitere Übereinkünfte, auf die später der Vertrag von Bologna und weitere Folgeverträge verwiesen. Der Bologna-Prozess, der 1999 nach einer Reihe von vorbereitenden Abkommen von mehr als 29 europäischen BildungsministerInnen beschlossen wurde, hatte hoch gesteckte und begrüßenswerte Ziele.

.So sollte durch die Hochschulreform eine Flexibilisierung des Studiums erreicht werden. Studierende sollten nicht auf ein Fach festgelegt sein, wenn sie die Hochschule betreten, sondern im Bachelor-Studiengang einen Grundstock an Kompetenzen vermittelt bekommen, der sie auf eine Vielzahl von konkreten Berufen vorbereitet. Sie sollten sich anschließend im Master auf eine wissenschaftliche  Tätigkeit vorbereiten können, indem sie sich intensiv mit einzelnen Teilbereichen der Disziplin beschäftigen. Dadurch sollten die Unübersichtlichkeit und demotivierende Konstruktion der herkömmlichen Studiengänge überwunden werden. Weiter sollten Studierende nicht an eine Hochschule gebunden sein, sondern eine Internationalisierung des Studiums gewährleistet werden. Durch vergleichbare Studiengänge und –abschlüsse sollte den Studierenden die Möglichkeit geboten werden, innerhalb Europas wesentlich einfacher die Hochschulen zu wechseln und damit ihren Horizont zu erweitern. Durch Einführung des ECTS– ein europaweit einheitliches Leistungspunktesystem - sollte dieser Wechsel erleichtert werden. Die europäische Zusammenarbeit in Forschung und Wissenschaft war ein engagiertes Vorhaben, wozu auch ein europäischer Forschungsraum etabliert werden sollte.

Nicht zuletzt sollte durch die Einführung von konsekutiven Studiengängen – also Bachelor und Master – sowie deren übersichtliche Struktur ein Beitrag zur sozialen Öffnung des Hochschulwesens geleistet werden. Studien ergaben, dass sich viele Menschen aus sozial schwächer gestellten Milieus oftmals gegen ein Studium entschieden, da ihnen die Studiengänge zu unübersichtlich, die Studiendauer zu unpräzise und lang und die Verwertbarkeit des Abschlusses zu ungewiss erschien. Daher ist ein zentrales Ziel des Bologna-Prozesses diese Unsicherheiten zu beheben und die Hochschullandschaft somit auch attraktiver für Menschen aus Familien ohne akademische Tradition zu machen.

Mit der Einführung der „Employability“ als Bestandteil für den europäischen Hochschulraum wurden Fragen der Verwertbarkeit des Studiums aufgeworfen, weil der Begriff in der deutschen Umsetzung  als Verwertbarkeit und Anpassung an den Arbeitsmarktverstanden und damit verkürzt wiedergegeben wurde. Die ökonomische Komponente der „Beschäftigungsbefähigung“ trat gegenüber emanzipatorischen bildungspolitischen Aspekten klar in den Vordergrund. Neben dieser ökonomischen Perspektive und dem unmittelbaren Zugriff des ökonomischen Systems auf die Gestaltung von Forschung und Lehre, umfasst der Begriff der „Employability“ jedoch vor allem die dauerhafte Berufsfähigkeit im Sinne einer kritischen Reflexion der beruflichen und gesellschaftlichen Praxis, bei der der Maßstab für die Qualität eines Studiums der Erwerb selbstständiger wissenschaftlicher Urteils- und Handlungsfähigkeit erhalten bleiben muss (so auch die GEW in ihrem wissenschaftspolitischen Programm).[4]

 

Weitere implizite Ziele

Neben den oben beschriebenen, in der Bologna-Erklärung explizit benannten Zielen wurden mit dem Hochschulreformprozess jedoch auch weitere Ziele implizit verfolgt. Hier ist an erster Stelle die Studienzeitverkürzung zu nennen. Durch die Einrichtung des Bachelor als Regelabschluss und die Festlegung auf sechs Semester  wurde in der BRD eine künstliche Studienzeitverkürzung erreicht. Ziel muss es aber sein, durch Optimierung des Lehr- und Lernumfelds ein besseres  Studium zu ermöglichen und nicht durch „Abschneiden“  ganzer Studienabschnitte die Verweilzeit an der Hochschule zu verringern. Zusammen mit der Verkürzung der Schulzeit von dreizehn auf zwölf Jahre sollte durch diese Maßnahme erreicht werden, dass HochschulabsolventInnen durchschnittlich drei Jahre früher auf den Arbeitsmarkt kommen und „produktiv“ sein können.

Ein weiteres implizit verfolgtes Ziel ist die wirtschaftliche Stärkung und „Konkurrenzfähigkeit“ des europäischen Raumes. Entgegen der benannten Ziele, die sich auf das Fortkommen des Individuums richten, ist dieser Faktor auf die ökonomische Kraft der Staatengemeinschaft bezogen.

Damit einher geht eine weitere Ökonomisierung der Bildung. Akademische Bildung wird unter den Prämissen des Bologna-Prozesses – auch bei den explizit benannten Zielen – gänzlich unter den Aspekt der ökonomischen Verwertbarkeit gestellt. Persönlichkeitsbildung und kritische Reflexion werden nicht ausreichend beachtet und spielen neben der ökonomischen Verwertbarkeit eine untergeordnete Rolle.

 

Umsetzung der Ziele und Absichten

Die implizit verfolgten Ziele wurden sehr gut umgesetzt. Doch was ist aus den ursprünglichen, in der Bologna-Erklärung benannten Zielen geworden? Wie wurden sie umgesetzt? Weder besteht zum geplanten Ende des Prozesses im Jahr 2010 ein gemeinsamer europäischer Hochschulraum, noch wird der europäische Austausch und die Mobilität von Studierenden ausreichend gefördert. Auch ist durch die dezentrale Umsetzung der Studienumstellung keine tatsächliche Vergleichbarkeit der Abschlüsse erreicht worden.

Die Implementierung des Bachelor/Master-Systems wurde selbst nach zehn Jahren nur zu 75 Prozent vollzogen. In den meisten Fällen war die Umstellung außerdem lediglich formaler Natur und hatte mit einer durchdachten Reform und qualitativen Verbesserungen nichts zu tun. Außerdem gibt es eklatante Missstände in der konkreten Umsetzung. Von Vergleichbarkeit, die ein Hauptziel des gesamten Prozesses war, kann kaum eine Rede sein, da die Prüfungsämter statt vergleichbarer in der Regel nur nur gleiche Studien- und Prüfungsleistungen anerkennen. Ziel war es den Hochschulen eine freie Studiengangsgestaltung ohne inhaltliche Vorgaben zu ermöglichen und nicht eine Abschottung der Hochschulen gegen StudentInnen anderer Hochschulen und Bundesländern vorzunehmen.

 

Anerkennungsschwierigkeiten

Schon innerhalb Deutschlands ergeben sich enorme Anerkennungsschwierigkeiten, wenn Studierende desselben Faches den Hochschulstandort wechseln wollen – geschweige denn sie wollten innerhalb Europas wechseln. Unterschiedliche ECTS-Verteilung, differierende Workload-Anforderungen und gänzlich unterschiedliche Konzipierungen der Studiengänge machen den Wechsel an eine andere Hochschule zu einem kaum überwindbaren Hindernislauf. Durch die unterschiedliche Konzeption der Studiengänge sind die Abschlüsse ebenfalls kaum vergleichbar – sie werden von Hochschule zu Hochschule nicht einmal als gleichwertig angesehen. Die Internationalisierung wurde nicht in dem Rahmen erreicht wie angestrebt. Die Gründe hierfür sind die eben erwähnten Anerkennungsschwierigkeiten, ökonomische Liquidität als Voraussetzung und ein enormer Zeitdruck im Bachelor, die ein Auslandssemester kaum erlauben. So scheint es, als sei die Internationalisierung nur oberflächlich geschehen, indem es nun keine Pädagogik sondern Bachelor of Education, keine Betriebswirtschaftslehre sondern Bachelor of Administration and Economics, Bachelor of Biochemistry and Cell Biology und ähnliches gibt.

 

Rückläufige Mobilität

Fraglich ist auch, ob die Mobilität der Studierenden erleichtert und erhöht wurde. Wesentliche Instrumente zur Erhöhung der Mobilität waren die ECTS-Einführung zur leichteren Anerkennung von erworbenen Studienleistungen und Qualifikationen, das Diploma Supplement und akademische Austauschprogramme wie ERASMUS und ähnliche. Wie bei  vielen Aspekten der deutschen Umsetzung wurde aber auch hier die soziale Dimension eines Studiums nicht berücksichtigt. Ohne eine ausreichende Finanzierung des Auslandsaufenthalts können sich viele Studierende ein Auslandssemester oder Studium im Ausland nicht leisten. So ist es nicht verwunderlich, dass im Studienjahr 2007/2008 laut EU-Kommission lediglich 1,15 Prozent aller Studierenden durch das ERASMUS-Programm gefördert wurden. Damit ist das Ziel der Mobilitätsförderung  weit hinter den Möglichkeiten zurück geblieben. Die HIS-Studie zur internationalen Mobilität von 2007 macht auch deutlich, dass letztendlich Bachelorstudierende die niedrigste Mobilitätsrate aufweisen, obwohl diese es häufiger nutzen möchten und versuchen.[5]

 

Erste Erfolge dank Auslands-BAföG

Seit 2001 ist dank dem Einsatz der Juso-Hochschulgruppen unter der SPD-geführten rot-grünen Bundesregierung das Auslands-BAföG erweitert worden. Konnten Studierende zuvor BAföG-Leistungen für bis zu zwei Semester erhalten, so kann nun ein Studium in den Staaten der EU bis zum Abschluss gefördert werden. Dank der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs im Jahr 2008 auch ohne eine vorgeschriebene, zuvor absolvierte Studienzeit in Deutschland. Dennoch können auch die bescheidenen Effekte des Auslands-BAföG die rückläufige Mobilität nicht ausgleichen.

 

Auslandssemester und Praktika unzureichend integriert

Möglichkeiten wie das Auslands-BAföG helfen den Studierenden nicht weiter, wenn die Studienpläne keinen Raum für Auslandssemester oder außeruniversitäre/außerwissenschaftliche Praxisbezüge ermöglichen. Der Akkreditierungsrat, der für die Akkreditierung von Studiengängen zuständig ist, hat 2006 bereits beschlossen, dass ein Studiengang mit ausreichender Ausgestaltung von Praxisanteilen, beispielsweise Praktika, studierbar sein muss. Diese Praxisanteile müssen einen betreuten Ausbildungsabschnitt darstellen, der in das Studium integriert ist – beispielsweise durch Lehrveranstaltungen begleitet – und von den Hochschulen geregelt wird. Außerdem müssen für absolvierte Praxisanteile auch Leistungspunkte vergeben werden, um diese Leistung im Studienverlauf fest zu verankern und zu honorieren. Das wird in der heutigen Bachelorlandschaft nur unzureichend umgesetzt, weshalb Studierenden entweder während des Studiums für derartige Tätigkeiten keine Zeit übrig bleibt oder sie diese in der vorlesungsfreien Zeit ohne Betreuung oder Mitgestaltung der Hochschulen eigenständig absolvieren müssen. Ein weiteres Element der Ziele bleibt damit unzureichend ausgenutzt.

 

Soziale Dimension mit Baustellen

StudienabrecherInnenquote erschreckend

Es ist nicht hinnehmbar, dass statt dem erklärten Ziel, AbbrecherInnenzahlen durch die Einführung der Bologna-Reformen deutlich zu senken, über alle Hochschularten und Fächergruppen hinweg die StudienabbrecherInnenquote bei Bachelorstudierenden heute bei 30 Prozent liegt. Der kurzfristige Anstieg der Studierendenzahlen durch doppelte Jahrgänge wird zwar in den kommenden Semestern zu einem Anstieg der absoluten Zahl der StudienanfängerInnen führen. Die soziale Zusammensetzung und der unterschrittene Wert einer möglichen Studierendenquote bleiben aber trotzdem erschreckend und sind ein klares Zeichen für die Überforderung der Studierenden durch die durchgeführten Studienstrukturreformen.

 

Prüfungsdruck statt Reflexion

In vielen Fällen wurde die Umstellung der Studiengänge nicht dafür genutzt, die bisherige Studienform kritisch zu reflektieren und qualitativ zu verbessern. Stattdessen wurde der bisherige Stoff in den kleineren Rahmen des Bachelors gepresst. Dieser Prüfungsdruck ist neben der unzureichenden Mittelzuweisung durch die Länder vor allen Dingen der ProfessorInnenschaft vor Ort anzulasten, die insbesondere mit der Konzipierung der neuen Studiengänge befasst war und sich nicht ausreichend mit einer qualitativen Studienreform auseinandergesetzt hat. Die Folge waren uneinheitliche Prüfungsvorschriften und Studienordnungen und ein immenser Arbeitsaufwand aufgrund der Studienzeitverkürzung und somit ein erhöhter Leidens- und Prüfungsdruck auf die Studierenden, während nachhaltige Beratungsangebote fehlen. Die Betreuungsrelation ist angesichts der jahrzehntelangen chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen absolut inakzeptabel. Sprechstunden sind regelmäßig überlaufen und viele finden keine/n AnsprechpartnerIn für ihre Fragen. Oftmals entstehen durch die unzureichende Betreuung, erheblichen Zeit- und Leistungsdruck und die finanzielle Situation der Studierenden auch psychische Erkrankungen, die seit dem Beginn des Bologna-Prozesses innerhalb der Studierendenschaft erheblich häufiger vorkommen.

 

Mehr Schranken als Öffnungen

Im Bereich der Flexibilisierung sind zwar Fortschritte zu verzeichnen, jedoch nicht im angestrebten Ausmaß. Oftmals werden für Masterstudiengänge bestimmte Bachelorabschlüsse vorausgesetzt. An einigen Hochschulen ist mittlerweile auch Usus, dass nur diejenigen einen Masterstudiengang beginnen können, die zuvor den Bachelor im gleichen Fach an derselben Hochschule absolviert haben. Der Bologna-Prozess ist nicht die eigentliche Ursache der sozialen Selektion in unserem Bildungssystem. Mit der Studienstrukturreform, bei der die soziale Dimension stets  gering geschätzt wurde, ist jedoch die Chance vertan worden, aktiv auf einen Abbau der Selektionsmechanismen hinzuarbeiten, weshalb sich dieser Zustand auch im neuen System verfestigt und sogar verschärft hat.

Nicht nur, dass beim Masterzugang weitere Hindernisse installiert wurden. Zusätzlich lassen sich auch noch rückläufige StudienanfängerInnenzahlen messen. Die Zahl der Studienanfängerinnen und –anfänger, deren Eltern keinen akademischen Abschluss haben, ist weiter zurückgegangen. Zudem zeigt sich, dass insbesondere Frauen durch das konsekutive System, das im Zuge des Bologna-Prozesses eingeführt wurde, benachteiligt werden. der Frauenanteil über die einzelnen Qualifizierungs- und Selektionshürden im Bildungssystem deutlich sinkt  und diese auch wesentlich seltener als ihre männlichen Kommilitonen nach einem Bachelorabschluss ein Masterstudium beginnen.

Mit der Einführung des Bachelors als erstem berufsqualifizierenden Abschluss  ist die Zahl der zulassungsbeschränkten Studiengänge deutlich gestiegen, so dass heute mehr als jeder zweite Studiengang mit einem Numerus Clausus versehen ist. Weitere Zulassungshürden wie erweiterte Auswahlverfahren, Eingangstests und Auswahlgespräche tun ihr übriges. Da der Studienbeginn sowohl der Bachelor- als auch der Masterstudiengänge in der Regel nur zum Wintersemester möglich ist, ergeben sich Leerlaufzeiten für StudentInnen ohne „normale“ Bildungsbiographie.

Zudem sind mit der Umstellung durch konservative Landesregierungen auch finanzielle Bildungshürden in Form von Studiengebühren aufgebaut worden, die Studierende in erheblicher Form belasten und Studieninteressierte  nachweislich von einem Studium abschrecken.

 

Vorbildfunktion des öffentlichen Dienstes

Für die Anerkennung des Bachelorabschlusses auf dem Arbeitsmarkt nimmt der öffentliche Dienst eine besondere Rolle ein, da er durch die eigene Einstufungspraxis eine Vorbildfunktion für weitere Branchen übernehmen kann. Diese Funktion hat der öffentliche Dienst aber seit Beginn der Studienstrukturreform nicht im Sinne der Förderung der neuen Studiengänge wahrgenommen.

Höhere Bildungsabschlüsse sind bis heute noch Grundvoraussetzung für bestimmte berufliche Laufbahnen. Für Bachelor-AbsolventInnen im öffentlichen Dienst ist es unerlässlich, im Laufe der Zeit ein Masterstudium aufzunehmen, wollen sie sich die Möglichkeit eines beruflichen Aufstiegs erhalten.

Kritik an der Akkreditierung

Das Akkreditierungssystem hat sich als Instrument der Qualitätssicherungssicherung an den Hochschulen etabliert und die Rahmenprüfungsordnungen abgelöst. Ziel ist es, durch transparente Kriterien und die Akkreditierung, vergleichbare Studiengänge  und –abschlüsse zu schaffen.

Nachdem das ursprüngliche System der Akkreditierung einzelner Studiengänge sich für die Hochschulen als zu kostspielig erwies, ging man dazu über scheinbar ähnliche Studiengänge zu Clustern zusammengefasst zu akkreditieren. Die Systemakkreditierung geht noch einen Schritt weiter und bescheinigt einer Hochschule als Ganzes die Fähigkeit ihre Studiengänge selbst zu akkreditieren.

Das Akkreditierungswesen als Ganzes ist dabei höchst ambivalent ausgestaltet. Es fehlt die maßgebliche Beteiligung von Studierenden im Akkreditierungsrat und im Akkreditierungsprozess. Es fehlt außerdem ein klarer Kriterienkatalog, um vergleichbare Studiengänge zu schaffen und die Studierbarkeit von Studiengängen zu bewerten. Mit dem Übergang zur Systemakkreditierung ist zu befürchten, dass die Hochschulleitungen abermals weitgehend von kontrollierenden Instanzen befreit werden und Studierende einen großen Teil ihres Einflusses auf die Ausgestaltung von Studiengängen verlieren.

Die Konstruktion aus Akkreditierungsrat und quasi privatwirtschaftlichen Agenturen stellt die Frage nach der objektiven Beurteilung durch die GutachterInnen, wenn die Agenturen von positiv akkreditierten Studiengängen abhängig sind. Die Akkreditierung der Agenturen durch den Akkreditierungsrat kann dieses Problem nicht gänzlich lösen.

Unsere Forderungen

Der bisherige Bologna-Prozess bedarf einer vollständigen Kurskorrektur. Obwohl der eigentliche Strukturreformprozess bis 2010 geplant war, wird dieser nun nach der Leuven-Konferenz weitergeführt und nachjustiert. Das ist einerseits erfreulich, ein „weiter so“, wie bisher darf es aber nicht geben.

Weder bringt den Studierenden, die in den vergangenen Jahren Versuchskaninchen im neuen System sein durften, ein Rückschritt in vergangene Zeiten und Probleme von Diplom und Magister etwas, noch darf der immer stärkere Druck auf Studierende wie Lehrende in dieser Form fortgeführt oder gar verstärkt werden.

Wir Juso-Hochschulgruppen stellen daher klare Forderungen an diesen weiteren Prozess. Dabei stehen für uns zentrale Themen im Vordergrund, die in jedem Falle umgesetzt werden müssen.

 

Qualitative Studienreform, jetzt!

Die bisher durchgeführte Studienstrukturreform reicht für eine tatsächliche Verbesserung der Studiensituation nicht aus. Zu einer klaren Kurskorrektur gehört deshalb eine qualitative Studienreform, die weg von dem Dogma der Lehrinhalte hin zu einer Lernendenzentrierung und Konzentration auf Kompetenzwettbewerb und learning outcomes führt. Wir fordern einen umfassenden Reflexionsprozess, der umgehend an allen Hochschulen gestartet werden muss. Hier müssen alle bisherigen Reformschritte, neu konzipierte Studiengänge und bisherige Lehrinhalte ohne Scheuklappen auf den Prüfstand kommen.

Eine inhaltliche Studienreformdiskussion muss sich demgegenüber an folgenden Fragestellungen orientieren:

  • an den Zusammenhängen zwischen der Reform der Strukturen (Studiendauer, gestufte Abschlüsse, Verhältnis Fachhochschulen Universitäten z.B.) und der inhaltlichen Reform des Studiums,
  • an den Zusammenhängen von Studienreform, Wissenschaft und Gesellschaft,
  • an der gleichberechtigten Beteiligung von Studierenden mit ihren teils zu Dozierenden gegensätzlichen Perspektiven und Interessen an der Gestaltung von Studiengängen,
  • an der Öffnung der Hochschulen durch die Gleichstellung beruflicher und wissenschaftlicher Bildung sowie der Stärkung solcher Hochschulfunktionen wie berufsbegleitender Studienangebote und berufsunabhängiger wissenschaftlicher Weiterbildung

 

Statt einer eindimensionalen Orientierung des Studiums an eng umrissenen und kurzfristig verwertbaren Berufsprofilen muss ein problemorientierter Praxisbezug die Studienangebote bestimmen. Der Ausbau interdisziplinärer Studienangebote einschließlich der Verankerung ökologischer, feministischer, emanzipatorischer, integratorischer und sozialer Fragestellungen in der Lehre ist notwendig.

Bildung wie auch Ausbildung ist dabei eine wichtige Voraussetzung für die Gestaltung des individuellen Lebens. Das Studium dient nicht der Produktion verwertbaren Humankapitals, sondern dem Erwerb von Fähigkeiten und Kenntnissen zur selbstverantwortlichen Berufs- und Lebensgestaltung. Dazu gehört für uns auch die Möglichkeit der gesellschaftlichen und politischen Mitwirkung.

Mit einer qualitativen Studienreform sollen daher mehr wissenschaftliche Fach- und Methodenkenntnisse und -kompetenzen vermittelt und dabei gleichzeitig Frage- und Kritikfähigkeit gefördert werden. Die Hochschulen als Institutionen der Integration von Wissenschaft, Bildung und Forschung sind ein wichtiger Ort, an dem über die zukünftigen Entwicklungen der Gesellschaft nachgedacht und mitgestaltet werden soll.

 

Rechtsanspruch auf Master!

Der Übergang von Bachelor auf Master darf keine weitere Selektionshürde bilden. Deshalb fordern wir Juso-Hochschulgruppen einen Rechtsanspruch auf einen Master-Studienplatz für alle Bachelor-AbsolventInnen. Nach der Umstellung der Magister-  bzw. Diplomstudiengänge auf Bachelor und Master besteht die Gefahr, dass Bachelor-AbsolventInnen ein  Masterstudiengang verwehrt wird. Damit droht eine weitere Hürde im Bildungssystem, die aufgebrochen werden muss. Nur so ist eine tatsächliche Freiheit für die Studierenden gegeben, sich nach dem Bachelor-Studium eigenständig für einen Einstieg in das Berufsleben oder das weitere Studium im Master zu entscheiden.

 

Qualität der Lehre und des Studiums

Der neue Fokus muss auf die Qualität der Lehre und des Studiums gelegt werden. Ein progressives Verständnis von Modularisierung, das sich nicht an der heutigen Praxis orientiert, muss dabei zentrales Element einer qualitativen Studienreform sein. Dieser heutigen Praxis setzen wir ein alternatives Verständnis entgegen:. Module sind in diesem Verständnis in sich abgeschlossene, konzeptorientierte Studienelemente, die in einem vorgegebenen Rahmen obligatorischer Studienanteile konsekutiv, kombiniert oder einzeln studiert werden können. In den Hochschulen müssen unter Berücksichtigung aller Statusgruppen, Gremien und insbesondere der Studierenden auf Grundlage einer modularisierten Studienstruktur unter bestimmten Rahmenvorgaben eigenständige Studienprofile entwickelt und die Durchlässigkeit zwischen den Studiengängen der verschiedenen Hochschularten erhöht werden. Dies ist ein Aspekt, um die formale Trennung der Hochschultypen zu überwinden.

 Eine solche Modularisierung ermöglicht die Integration konzept- und problemorientierter und damit interdisziplinärer Studieninhalte in bestehende Studiengänge und erlaubt Studierenden eine selbstbestimmtere Gestaltung ihres Studiums.

Ein Studium muss Interdisziplinarität und ausreichend Freiraum für Auslandssemester, Praktika aber auch ehrenamtliches Engagement bieten und die Freiheit, Bildung auch außerhalb von Verwertungszwecken erleben und erlernen zu können.

Wir Juso-Hochschulgruppen wollen, dass durch ein Studium Kompetenzen zum wissenschaftlichen Arbeiten und kritischen Denken vermittelt werden. Bildung ist für uns mehr als Wissensvermittlung für das Bestehen auf dem Arbeitsmarkt. Bildung ist der Schlüssel für gesellschaftliche und individuelle Emanzipation. Dennoch dient für viele Studierende das Studium auch der Vorbereitung auf eine Beschäftigung außerhalb der Wissenschaft. Durch gestiegene Studierendenzahlen ist dieser Teil immer größer geworden. Die Juso-Hochschulgruppen sehen hierin keinen Widerspruch. Wer durch eine forschungsbasierte Lehre wissenschaftliche Methoden zum kritischen und selbstständigen Arbeiten erlernt hat, ist auf eine Tätigkeit im wissenschaftlichen Bereich ebenso vorbereitet wie auf einen Beruf im  nicht-wissenschaftlichen Bereich. Das emanzipatorische Element von Bildung und die Befähigung zum kritischen Denken sind die zentrale Grundlage für eine gute und progressive Gesellschaft. Daher stehen diese Ziele des Studiums für uns im Vordergrund.

Progressive linke Hochschulpolitik muss  auch in Zukunft Hochschulen und mit ihnen Forschung und Lehre in die Mitte der Gesellschaft bringen und in gesellschaftliche Verantwortung stellen. Dies darf sich aber nicht auf ökonomische Belange beschränken und Praxisorientierung im Studium darf nicht nur heißen, dass berufliche und gesellschaftliche Praxis in Studienplänen berücksichtigt wird. Die Studierenden sollen auch dafür qualifiziert werden, diese Praxis auf wissenschaftlicher Grundlage kritisch zu hinterfragen.

Die Umsetzung des ECTS in der BRD muss sich einer Überprüfung der bisherigen Bemessungskriterien unterziehen. Der tatsächliche Arbeitsaufwand von Modulen und dem eigentlichen Studium wird bisher nicht ausreichend und einheitlich  widergespiegelt. Die daraus resultierenden Credit Points müssen deshalb neu ermittelt und an den tatsächlichen Arbeitsaufwand angepasst werden. Dabei kann der Abreitsaufwand nur einen Mittelwert darstellen, da sich Studienarbeit nicht in standardisierte Formen pressen lässt.

 

Soziale Dimension in den Fokus

Die soziale Dimension des Studiums und die Verbesserung der sozialen Situation von Studierenden spielen für die kommenden zehn Jahre der Korrekturphase eine zentrale Rolle. Der Bologna-Prozess kann dabei neue Freiheiten für individuelle Bildungsbiographien eröffnen. Um ein individuelles Studium für alle zu ermöglichen, bedarf es aber mehr Freiräumen zur Entfaltung eigener Interessen und akademischer Erkenntnisse. Überfrachtung der Studiengänge und Disziplinierungsmaßnahmen wie Klausuren und Anwesenheitskontrollen, sind dafür hinderlich und müssen abgeschafft werden. Wir brauchen ein offenes Studium, das studierbar gestaltet und sozial durchlässig ist. Die Abschaffung von geschlechterspezifischer Ungleichheit muss hier genauso in Angriff genommen werden, wie die Erhöhung des Anteils von Studierenden aus nichtakademischen Haushalten.

Dabei ist für eine erfolgreiche Studienreform auch die Verbesserung der Betreuungsrelation unerlässlich. Mit den neu strukturierten Studiengängen ist ein  gestiegener Bedarf nach Beratung und Betreuung entstanden. Studierende sollten und müssen regelmäßig im  Gespräch sein mit ProfessorInnen und universitären Angestellten, die sie in ihrem Studium beraten und unterstützen können. Für ein Gelingen der Studienreform müssen deshalb deutlich mehr Beratungs- und Betreuungsangebote geschaffen werden. Keine Hochschule wird daran vorbeikommen, für eine gute Umsetzung des Bologna-Prozesses auch mehr Personal einzustellen. Die Länder stehen hier in der Pflicht und müssen die notwendigen Mittel den Hochschulen bereitstellen. Die Studierendenwerke in Deutschland leisten in diesem Bereich einen wichtigen Beitrag. Sie übernehmen in den überwiegenden Fällen soziale- und Beratungsangebote für Studierende, leisten psychosoziale Arbeit, beraten beim BAföG. Wohnungs- und Essensangebote gehören ebenfalls dazu, weshalb eine Hochschule ohne die Studierendenwerke nicht vorstellbar erscheint. Auch sie müssen sowohl strukturell als auch finanziell wieder mehr gefördert werden, damit diese Angebote weiter aufrecht erhalten und ausgebaut werden können. Insbesondere darf es nicht durch verantwortungslose Kürzungen der Länder zu weiterer Belastung der StudentInnen durch höhere Beiträge kommen.

 

Selektionsinstrumente abbauen

Die Hochschulen müssen radikal geöffnet werden. Zugangshürden müssen abgebaut und Hochschulen auch für berufliche Qualifizierte geöffnet werden.

In den Nachfolgekonferenzen von Berlin, Bergen und London wurde selbst von Mitgliedsländern bekräftigt, dass ein Abbau sozialer und geschlechtsspezifischer Diskriminierungen im Hochschulsystem erreicht werden soll und dass Hochschulbildung ein öffentliches Gut darstellt, die Gestaltung eine staatliche Aufgabe bleibt.[6] Dies muss nun in konkrete Handlungen umgesetzt werden. Die Ergebnisse der regelmäßigen Sozialerhebungen des Deutschen Studentenwerks belegen, dass unser Bildungssystem zu den selektivsten unter den Industriestaaten gehört.[7]

Der Hochschulzugang muss daher nicht durch Zulassungsbeschränkungen beschränkt, sondern für weitere Gesellschaftsgruppen geöffnet werden. Hierzu zählen insbesondere auch Studierwillige mit Fachabitur, beruflich Qualifizierte, und solche mit nicht-traditionellen Bildungsbiographien. Die Hochschulen müssen dabei nicht nur strukturell, sondern auch inhaltlich geöffnet werden. Studiengänge müssen so ausgestaltet werden, dass unterschiedlichste Bildungswege und –biographien angesprochen und gefördert werden können. Die Hochschule soll sich als Ort der Bildung in der Mitte der Gesellschaft etablieren, nicht mehr als Festung der Elfenbeintürme für einige wenige.

Der Geldbeutel der Eltern darf beim Studium keine Rolle spielen. Wir lehnen daher weiterhin jegliche Formen von Studiengebühren, Kostenbeiträge für die universitäre Verwaltung oder ähnliche finanzielle Selektionsinstrumente ab.

 

Bachelor/Master neu justieren

Studiengänge nach den Kriterien "anwendungsorientiert" und "forschungsorientiert" zu unterteilen zeugt von hierarchischem Denken und ist weitgehend ideologisch konstruiert. Theorie und Praxis sind lediglich verschiedene Aspekte eines einheitlichen gesellschaftlichen Arbeits- und Lebensprozesses, der gerade in Bildungsphasen als ganzheitlicher rekonstruiert werden muss.

JedeR Studieninteressierte muss den Studiengang und das Studium wählen und absolvieren können, die er/sie möchte. Studiengänge müssen nach zu erwerbenden Kompetenzen konzipiert werden, die zu wissenschaftlichem Arbeiten und kritischem Denken befähigen und nicht nur nach dem möglichen Inhaltserwerb. Die Studierenden sollen dadurch befähigt werden, eigenständig Inhalte zu erwerben und diese kritisch zu reflektieren.

Studiengänge sind von ihrer Konzeption, ihren Inhalten und dem notwendigen Zeitaufwand her unterschiedlich. Unter anderem hat die unflexible, gängige Regelung vom sechssemestrigen Bachelor bei zahlreichen Studiengängen zu erheblichem Prüfungsstress und Leistungsdruck geführt. Es bedarf daher bei den Studienzeiten der Studiengänge deutlich mehr Flexibilität. Die Studiengänge benötigen eine deutliche Entschleunigung, um ein qualitatives, sozial durchlässiges und wissenschaftliches Studium zu ermöglichen. Dabei müssen die Bedürfnisse der jeweiligen Studienfächer beachtet und bei der Planung des Studienganges  und –verlaufs berücksichtigt werden.

 

Mobilität und Lebensbegleitendes Lernen fördern

Die Förderung der Mobilität sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene muss weiter vorangetrieben und strukturelle wie finanzielle Hürden abgebaut werden.

Dabei dürfen strukturelle Probleme und Anerkennungsschwierigkeiten keine Rolle mehr spielen. In einem gemeinsamen europäischen Hochschulraum müssen nicht die Studierenden, sondern die Hochschulen sich besser absprechen und bei der Anerkennung von erbrachten Studienleistungen im Ausland wie an der Nachbarhochschule kooperativer agieren.

Wer lebenslanges Lernen propagiert, muss auch die Voraussetzungen dafür schaffen. Den Hochschulen müssen die Mittel zur Verfügung gestellt werden, nicht nur GasthörerInnen zuzulassen, sondern Menschen jeden Alters tatsächlich zu ermöglichen, an der Hochschule weitere Qualifikationen zu erlangen.

 

Elitenbildung ist nicht akzeptabel!

Für uns Juso-Hochschulgruppen ist der in den Bologna-Dokumenten enthaltene Exzellenz-Gedanke, der in Deutschland zur Einführung der Exzellenzinitiative geführt hat, nicht akzeptabel. Wir lehnen den in dieser Initiative zugrunde liegenden Wettbewerbsgedanken weiterhin ab. Die Förderung nur einiger weniger Hochschulen verschärft die bestehenden Unterschiede. Handlungsbedarf besteht dabei genau in die andere Richtung. Allen Hochschulen muss die Optimierung ihrer Lehre ermöglicht werden, um die bereits bestehende Schieflage auszugleichen und eine flächendeckende qualitative Studienreform zu ermöglichen. 

 

Akkreditierungsagenturen bändigen – Studierendeneinfluss stärken

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern eine konsequente und paritätische Beteiligung aller relevanten AkteurInnen am Akkreditierungssystem. Der Einfluss von Studierenden und Gewerkschaften muss in der Akkreditierungsphase gestärkt werden, damit einer einseitigen Ausgestaltung  der Studiengänge, beispielsweise auf die ökonomische Verwertbarkeit, vorgebeugt werden kann.

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern auch hier eine stärkere Beteiligung von studentischen Interessen und eine konsequente Auswahl der StudentInnen über den studentischen Akkreditierungspool. Zudem müssen die Agenturen auch bei der Auswahl der anderen GutachterInnen ähnlich transparente Verfahren entwickeln, die gewährleisten, dass die GutachterInnen hinreichend qualifiziert sind.

Um privatwirtschaftliche Einflussnahme weiter zu bekämpfen muss der Akkreditierungsrat seine Kontrollfunktion stärker wahrnehmen und gerade betriebswirtschaftlich arbeitende Akkreditierungsagenturen besser überwachen.

 

Ohne ausreichende Finanzierung geht es nicht

Eine ausreichende Finanzierung des Bildungssystems ist bei diesen Forderungen von zentraler Bedeutung. Für eine qualitative Studienreform müssen deutlich mehr Mittel zur Verfügung stehen, die bessere Betreuung, Beratung und auch Ausstattung ohne Studiengebühren ermöglichen. Bachelor und Master sind sehr betreuungsintensive Studienstrukturen. Mit der derzeitigen Finanzierung ist es nicht möglich, für zwei Studiengänge statt zuvor nur einem aufzukommen, Studierende früher zum Abschluss zu führen und ein besseres Studium zu ermöglichen. Nur mit ausreichender Finanzierung kann die bisher verpasste Chance der Reflexion und Reform der Studienpläne und –inhalte nachgeholt und auf ihre Studierbarkeit neuorientiert werden.

Viele der Probleme waren bereits vor der Bologna-Konferenz 1999 vorhanden. Mit einer Kurskorrektur und Neujustierung des bisherigen Reformverlaufes kann eine wirkliche Verbesserung des Studiums erreicht werden, die weder Wirtschaft noch politische Ideologie, sondern die Studierenden und ihre sozialen Bedürfnisse im Blick hat und Verbesserungen in deren Sinne erreichen kann.



[1] Internetseite des BMBF http://www.bmbf.de/de/3336.php (3.10.2009)

[2] Internetseite des HIS http://www.his.de/presse/news/ganze_pm?pm_nr=473 (3.10.2009)

[3] Expertise zum Download: http://www.gew.de/Binaries/Binary52190/090903%C3%AFBologna-Endfassung%C3%AFfinal-WEB.pdf

[4] Siehe GEW: Wir können auch anders! Wissenschaft demokratisieren, Hochschulen öffnen, Qualität von Forschung und Lehre entwickeln, Arbeits- und Studienbedingungen verbessern. Das wissenschaftspolitische Programm der GEW, Frankfurt/Main.

[5]HIS-Studie im Internet:  https://hisbus.his.de/hisbus/docs/hisbus_internationale.mobilitaet.pdf

[6] Gulbins, Annerose (2009): 10 Jahre Bologna – Was ist vom eigentlichen Projekt übriggeblieben?, in Perspektiven ds 1/2009, Berlin

[7] Internetseite des DSW: http://www.studentenwerke.de/main/default.asp?id=02401

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