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Konsequente Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte

I. Situationsanalyse

Die StudienanfängerInnenquote liegt in Deutschland mit 37% immer noch weit hinter dem OECD-Durchschnitt von 56% zurück. Das lässt sich zum einen auf die niedrige AbiturientInnenquote zurückführen, zum anderen aber auch darauf, dass Menschen ohne Abitur in Deutschland nur in Ausnahmefällen den Weg an die Hochschule finden. Nur 0,6 Prozent der Neueinschreibungen an den Universitäten und 1,9 Prozent an Fachhochschulen entfallen auf beruflich Qualifizierte ohne Abitur.

Zwar gibt es seit Jahren in allen Bundesländern unterschiedliche Möglichkeiten für beruflich Qualifizierte ohne Abitur ein Studium zu beginnen, allerdings sind diese Regelungen bisher sehr uneinheitlich. Im März 2009 haben sich die Kultusminister der Bundesländer jetzt endlich auf einheitliche Voraussetzungen geeinigt, mit denen man in allen Bundesländern eine Hochschulzugangsberechtigung erhält. Es gilt jetzt, diese Regelungen auf Länderebene schnellstmöglich umzusetzen. Allerdings ist immer noch ein Fachwirt, Meister oder vergleichbarer Abschluss notwendig, um ein Studium freier Wahl beginnen zu können, so dass weiterhin vielen beruflich Qualifizierten die Möglichkeit eines Studiums verwehrt bleibt.

Außerdem zeigen die niedrigen Zahlen, dass augenscheinlich eine formale Möglichkeit nicht ausreicht, den beruflich Qualifizierten wirklich den Weg an die Hochschulen zu ermöglichen. Undurchsichtige Regelungen, Zulassungstests, fehlendes Wissen über entsprechende Möglichkeiten sowie Probleme bei der Anerkennung bereits erbrachter Leistungen sind mögliche Hürden auf dem Weg zum Studium. Wir  brauchen endlich einheitliche und unkomplizierte Regelungen für den Übergang von beruflicher Bildung zur Hochschule. Auch fehlende Möglichkeiten für ein Teilzeitstudium sowie eine unsichere Studienfinanzierung wirken häufig abschreckend. Damit tatsächlich mehr Berufstätige den Weg an eine Hochschule finden müssen sich dort also auch die Rahmenbedingungen ändern.

 

II. Chancengleichheit für beruflich Qualifizierte

Bildung ist der Schlüssel für Chancengleichheit. Zudem haben wir Bildung auch immer als Möglichkeit für gesellschaftliche und individuelle Emanzipation und Partizipation begriffen. Dies bedeutet, dass Bildung auch allen zur Verfügung stehen muss und es keinen Grund gibt, Menschen von einem Hochschulstudium fern zu halten. Im Gegenteil: Wir Juso-Hochschulgruppen wollen die Bedingungen schaffen, allen den Weg zu Bildung – inklusive der Hochschulen – zu ermöglichen. Bildung ist unter ihrer sozialen und integrativen Bedeutung zu betrachten und nicht unter dem Gesichtspunkt der angeblich bestimmbaren Verwertbarkeit auf dem Arbeitsmarkt.

Beruflich Tätige haben im Verlauf ihrer Ausbildung, ihrer Berufspraxis und durch Fortbildungen Erfahrungen gesammelt und Kenntnisse erworben, die sich oftmals mit den gelehrten fachlichen Inhalten an den Hochschulen decken. Dennoch bestehen im System angelegte unterschiedliche Ausrichtungen von beruflicher und akademischer Ausbildung, die berücksichtigt werden müssen. So zielt die berufliche Ausbildung in Deutschland oftmals im Schwerpunkt auf die Vermittlung von Fachwissen ab, während bei einer Hochschulbildung, neben dem Fachwissen, die Vermittlung von wissenschaftlichem Arbeiten und Forschen betont wird. Die Antwort darauf kann aber nicht sein, beruflich Qualifizierte nur unter erschwerten Bedingungen und Zusatzleistungen an die Hochschulen zu lassen. Jeder und jedem muss das Recht auf eine möglichst umfassende Bildung gegeben werden. 

Für Studierende mit Berufsausbildung und –erfahrung muss es daher möglich sein, nicht nur ein Hochschulstudium ihrer Wahl aufnehmen zu können, sondern sich auch bereits erworbene Kenntnisse anrechnen zu lassen. Nur mit einem durchdachten Konzept kann eine Mobilität und Anerkennung der erworbenen Kompetenzen auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene gewährleistet werden. Die Erarbeitung eines möglichen Konzeptes muss unter Einbeziehung und in Zusammenarbeit mit Betroffenen und deren Interessenvertretungen geschehen.

Die Vergabe von Abschlüssen sowie die Anerkennung von Leistungen sind zu starr an schulische und berufliche Institutionen gekoppelt. Diese Hierarchien der Bildungsabschlüsse dürfen nicht länger den individuellen Bildungsweg vorschreiben. Aus diesem Grund muss die Durchlässigkeit und Anschlussfähigkeit von beruflicher Bildung zu allgemeiner Bildung ermöglicht werden, so dass Übergänge und Quereinstiege ohne Barrieren vorgenommen werden können. Dies geht nur über eine bundesweit einheitliche Öffnung der Hochschulen für beruflich Qualifizierte.

 

III. Unsere Anforderungen an eine Hochschulöffnung für beruflich Qualifizierte

Entgegen dem aktuellen Stand stehen wir auch für einen allgemeinen Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte ohne Aufstiegsfortbildung. Es ist nicht nachvollziehbar, weshalb beruflich Qualifizierte ohne Fachwirt, Meister oder vergleichbarem Abschluss in der Wahl ihres Studiengangs eingeschränkt werden. Wir stehen für eine freie Wahl des Studiengangs für alle – auch für beruflich Qualifizierte. Dies darf nicht von Noten, Alter, Wohnort oder anderen Kriterien abhängig gemacht werden oder mit so genannten Hochschulzugangsprüfungen, Probestudium oder Auswahlgesprächen gekoppelt sein, da diese nicht in der Lage sind eine Eignung der Studierwilligen für ein Hochschulstudium festzustellen. Sie sind ausschließlich ein Instrument zur sozialen Selektion. Vielmehr ist es an der Zeit, die von uns geforderte Studieneingangsphase für alle StudienanfängerInnen an den Hochschulen zu etablieren. Die ersten beiden Semester sollen Studierende durch individuelle Lernformen und kleinere Lehrveranstaltungen einen Überblick über Studium, Wissenschaft und Fachbereiche erhalten. Nach diesem Jahr erfolgt der Einstieg in das gewünschte Studienfach. Die in der Zeit der Studieneingangsphase erworbenen Studienleistungen werden selbstverständlich anerkannt.

So können sich die StudienanfängerInnen mit beruflicher Bildung gemeinsam mit den (Fach-)AbiturientInnen an der Hochschule orientieren, ohne Zeitdruck die Lehreigenheiten einer Hochschule kennenlernen und sich überlegen, welchen Studiengang sie bevorzugen oder ob sie auf ein Hochschulstudium verzichten.

Um nicht nur die Durchlässigkeit von Ausbildung oder Beruf und Studium zu gewährleisten, sondern auch eine Mobilität zwischen den Hochschulen zu ermöglichen, muss die Öffnung der Hochschulen bundesweit und einheitlich und darauf aufbauend europakompatibel erfolgen. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern eine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung beim Hochschulzugang – selbstverständlich auch für beruflich Qualifizierte.  

Des Weiteren müssen sich die bestehenden aktuellen Gesetze sowie die einzelnen Hochschulen den Studierenden besser anpassen. Studierende mit unterschiedlichen Bildungs- und Erwerbsbiografien erfordern unter anderem eine Anpassung des BAföG. Durch die gewünschte zunehmende Mobilität zwischen Beruf und Studium ist es unabdingbar endlich die Altersgrenze im BAföG abzuschaffen und das BAföG auf einen bedarfsgerechten Satz zu erhöhen. Durch den teilweise späteren Einstieg ins Hochschulstudium darf den Studierenden mit Berufserfahrungen kein Nachteil entstehen. Grundsätzlich muss das BAföG „lebenslange Bildung“ fördern.

Zudem müssen an den Hochschulen die Angebote ausgebaut werden, die eine Vereinbarkeit von Familie und Studium ermöglichen. Den zunehmend individualisierten Lebensläufen muss auch durch die Möglichkeit eines Teilzeitstudiums Rechnung getragen werden.

Nur durch eine progressive Studiengestaltung und einer bundeseinheitlichen Öffnung der Hochschulen, die eine identische Regelung für Universitäten und Fachhochschulen vorsieht, kann gewährleistet werden, dass mehr Menschen auch mit beruflicher Bildung den Weg an die Hochschulen wählen.