Inhalt


©

Qualität für alle statt Vertiefung der Unterschiede

Was ist Elite? Historisch gesehen

Grundlage der Idee einer Elite ist das Prinzip eines unüberbrückbaren Gegensatzes einer breiten Masse einerseits und einer gehobenen Führungsschicht andererseits. Im zugrundeliegenden Menschenbild werden Unterschiede zwischen Individuen übersetzt in eine unterschiedliche Zuteilung von Lebenschancen und Partizipationsmöglichkeiten. Manchen Menschen soll es aufgrund ihrer höher gewerteten Leistungsfähigkeit zustehen, die Übrigen zu führen. Der Missbrauch einer Elite durch die NationalsozialistInnen, die diese Idee in aller "Konsequenz" pervertierten, sorgte im Nachhinein für Unbehagen und einer politischen Ablehnung jedweder Elite. Dies wurde besonders vorangetrieben durch die Studierendenbewegung. Zeitgleich begann die Wissenschaft eine "Rettung" des Elitebegriffs, indem sie den Begriff sogenannter "Funktionseliten" prägte. Diese sollen konkurrierende Führungsgruppen mit offener Rekrutierung darstellen, da der Zugang zu diesen ausschließlich auf der persönlichen Leistung beruhe. Anfang der 90er Jahre gewann ein derart verstandener Elitebegriff wieder an Boden in der öffentlichen Diskussion. Aus allen politischen Ecken wurde der Ruf nach einer Elite wach, die vor allem auch auf der bildungs- und wissenschaftspolitischen Ebene als notwendig befunden wurde.

Die sogenannte Leistungselite

War der Elite-Begriff nach der Zeit des Nationalsozialismus tabuisiert und abgelehnt worden, so hat unsere Gesellschaft heute wohl einen weiteren Teil der "Last" ihrer Vergangenheit abgeschüttelt. Heute findet Elite durch die angebliche Notwendigkeit einer Leistungselite nicht nur große Zustimmung, sondern diese Notwendigkeit dient damit auch als Rechtfertigung sozialer Ungleichheit. Gestützt wird diese Rechtfertigung auch mit einer scheinbaren Naturgegebenheit kapitalistischen Konkurrenzdenkens und dem Verweis auf den Untergang der real existierenden Sozialismen. Denn was notwendig und unvermeidbar ist und überdies rein in der persönlichen Leistung der einzelnen gründen soll, das muss gerecht sein. So scheint es auch nur konsequent, hier eine Forderung nach mehr "Eigenverantwortung" auch auf der sozialpolitischen Ebene abzuleiten, schließlich ist so jede ihres Glückes Schmiedin. Die Forderung nach einer Elite geht deshalb meistens einher mit der Kritik einer mangelnden Leistungsorientierung des deutschen Bildungswesens sowie der gesamten Gesellschaft, die eine "Leistungsgerechtigkeit" nicht mehr garantiere. Als Konsequenz daraus wird ein neoliberaler Gerechtigkeitsbegriff propagiert, der die Lebensrisiken sowie die Verdienste individualisiert. Der "Erfolg" oder eben auch "Misserfolg" eines einzelnen Menschen wird auf diesen selbst zurückgeführt. Der Gesellschaft wird Verantwortlichkeit für das Schicksal der Einzelnen abgesprochen, womit jene auch aus einer solidarischen Verantwortung entlassen wird. Gerecht ist, wenn jede das Ihre bekommt. Das beste Beispiel hierfür ist die "Initiative Soziale Marktwirtschaft". Diese lamentiert, dass es in Deutschland zu wenig Wettbewerb, Leistungsbereitschaft, Eigeninitiative, Unternehmergeist und Risikobereitschaft gebe. Sie fordert weniger staatliche Eingriffe in der Wirtschaft, mehr private Vorsorge ("Eigenverantwortung") im sozialpolitischen Bereich, eine flexiblere Tarifpolitik und in der Bildung mehr Wettbewerb, Tempo und Effizienz. Die sozialistische/sozialdemokratische Begriffshegemonie über die Chancengleichheit/-gerechtigkeit wird aufgebrochen. Unter dem Motto "Chancen für alle" wird der Abbau des sozialen Netzes als hinzugewonnene Autonomie der einzelnen verkauft. Persönliche Leistung und Fleiß sind in diesem Gesellschaftsbild vermeintliche Aufstiegsgaranten in der Karriereleiter, der Leistungselite wird ein betont offener Zugang zugeschrieben. Doch geschieht der Elitenzugang tatsächlich ausschließlich qua persönlicher Leistung? Gibt es eine soziale Offenheit der Elite? Die Bildungsexpansion und der erhöhte Hochschulzugang, die ab den 60er Jahren möglich wurden, dienen als Argument, den persönlichen Willen zu einem hohem Bildungsabschluss sowie die Bildungsziele der einzelnen Schichten als ausschlaggebend - und somit auch als einzige Hürde zu zeichnen. Entscheidend sind demnach die Berufswünsche, die als selbstgewählt angesehen werden. Eine Notwendigkeit finanzieller Umverteilung wird somit verneint. Die kürzlich erschienene Studie der Friedrich Ebert Stiftung zur "Gesellschaft im Reformprozess" spricht allerdings eine andere Sprache. Nur 13% der Bevölkerung werden hier zu den sogenannten AufsteigerInnen gezählt, die den Sprung aus der unteren Schicht in die Mitte der Gesellschaft geschafft haben. Die restlichen Bevölkerungsgruppen sind alles in allem in ihrer jeweiligen Schicht geblieben. Und das gilt auch für die sogenannten "kritischen Bildungseliten". Es wird sogar von einer Drei-Drittel-Gesellschaft gesprochen, bei der nur dem oberen Drittel gesicherte Chancen und Lebensperspektiven zugeschrieben werden. Im unteren Drittel wird ein wachsendes Risiko erwartet, dass diese Menschen sozial und politisch abgehängt werden. Trotz Bildungsexpansion und erhöhtem Hochschulzugang scheint sich also nicht mehr Beweglichkeit zwischen den Schichten ergeben zu haben. Die einzige AufsteigerInnen-Schicht hat ihren Aufstieg zudem auch mit einer eher einfachen, formalen Schulbildung und eher erst im höheren Alter geschafft. Die darauffolgende Diskussion um mehr Bildung als einzig notwendigem Schlüssel, einem "abgehängten Prekariat" die gesellschaftliche Teilhabe nicht weiter zu versagen, leugnete nicht nur die Existenz einer Unterschicht in unserer Gesellschaft, sondern greift zu kurz, wenn gleichzeitig eine Umverteilung gesellschaftlichen Reichtums außer Acht gelassen wird.

Ein Blick auf unsere Elite

Ob von einem freien, rein nach Bildung und persönlichem Verdienst erworbenem Zugang zur gesellschaftlichen Elite gesprochen werden kann, ist mehr als fraglich. Vielmehr ist es die soziale Herkunft, die den größten Aufstiegsfaktor darzustellen scheint. Spätestens seit PISA ist die Selektivität des deutschen dreigliedrigen Schulsystems (wieder) in der öffentlichen Kritik. Die Daten der Sozialerhebungen des DSW zeigen einerseits, dass zwar im Laufe der 70er Jahre der Anteil von Studierenden aus ArbeiterInnenfamilien gestiegen ist; andererseits aber auch, dass gleichzeitig der Anteil der Kinder von BeamtInnen aus mittlerem und gehobenem Dienst rückläufig war. Die Anteile von Unter-, Mittel- und Oberschicht haben sich dabei allerdings kaum verändert. Berechnet man jedoch den allgemeinen Anstieg der AkademikerInnen-Zahlen mit ein, so ging der Anteil der Kinder aus dem gehobenen BürgerInnentum stark zurück. Von einer sozialen Öffnung der Hochschulen ab den 60er-Jahren kann also ausgegangen werden, dieser liegt allerdings auch einer Veränderung der allgemeinen gesellschaftlichen Relationen bzw. Anteilsgrößen der Schichten zugrunde (also eine breitere Mittel- sowie gehobenere Schicht). Lässt sich aber analog dazu auch eine Öffnung in den höheren Abschlüssen, wie bspw. der Promotion nachweisen? In den Jahren von 1955-1985 haben Studierende, deren Eltern aus dem GroßbürgerInnentum stammen (ca. 0,5% der Bevölkerung) 11,2% der Promotionen erlangt, das gehobene BürgerInnentum (ca. 3% der Bevölkerung) hat einen Promotionsanteil von 49,2% und die ArbeiterInnenklasse sowie die Mittelschichten (ca.96,5% der Bevölkerung) haben einen Anteil von 39,6%. Für den Jahrgang 1985 alleine zeichnet sich jedoch ein leicht besseres Bild ab - ein Indiz dafür, dass sich die Öffnung der Hochschulen schleppend auch bis hin in die höheren Bildungsabschlüsse durchsetzt. Auffällig sind zudem die erheblichen Unterschiede im Studierverhalten: Kinder aus der ArbeiterInnenklasse fangen durchschnittlich ein halbes Jahr später an zu studieren, haben häufiger vor dem Studium schon gearbeitet und sie haben weniger Hochschulwechsel und Auslandsemester als Kinder des GroßbürgerInnentums. Dies sind alles Faktoren, die sich auch auf spätere Karrierechancen niederschlagen. Aus den oben genannten Promotionsjahrgängen hat es gut jede/r Zehnte geschafft in Führungspositionen in Großunternehmen der deutschen Wirtschaft zu kommen, womit sie aber nur einen Bruchteil der dortigen Positionen besetzen. Studium und Promotion stellen also nicht nur große Selektionshürden dar, sondern diese höchsten Bildungsabschlüsse sind nicht einmal eine Garantie für den Zugang zu den sogenannten Leistungseliten auf der wirtschaftlichen Ebene. Der ausschlaggebende Faktor hierfür scheint vielmehr die soziale Herkunft zu sein. Promovierte aus dem gehobenen BürgerInnentum haben eine um 50% erhöhte Wahrscheinlichkeit, Zugang in hohe Chefetagen zu finden als diejenigen aus der ArbeiterInnenklasse. Der Nachwuchs aus dem GroßbürgerInnentum schließlich hat eine um mehr als doppelt so hohe Wahrscheinlichkeit. Selbst wenn man die schichtspezifische Wahl von mehr oder weniger karriereversprechenden Studienfächern herausrechnet, bleibt ein starker Selektionseffekt nach sozialer Herkunft erhalten. Stärker ist nur noch der geschlechtspezifische Selektionseffekt - Frauen haben eine um 90% geringere Chance als Männer, eine Führungsposition in der Wirtschaft zu erreichen; wenn sie diese überhaupt erreichen, so meist nur über den väterlichen Betrieb. Die soziale Selektivität verschärft sich mit zunehmender Höhe der beruflichen Position, in den sogenannten Spitzenunternehmen haben großbürgerliche Kinder eine fünffach höhere Chance als die durchschnittliche Bevölkerung. Die Bedeutung der sozialen Herkunft aber zeigt keine Anzeichen zu sinken, sondern sie steigt linear. Die jeweilige Schichtzugehörigkeit scheint eine "Trittsicherheit" für diejenigen zu bieten, die ihr Milieu von Kindesbeinen an kennen. Schließlich ist bei den beschriebenen Mechanismen bei einer zusätzlich forcierten Elitenbildung unserer Gesellschaft auch von einer noch höheren sozialen Selektivität auszugehen. In Deutschland wird die als Leistungselite beschriebene Führungsschicht größtenteils durch die soziale Herkunft bestimmt, damit wird eine entsprechende gesellschaftliche Ungleichheit aufrecht erhalten. Dies noch weiter zu verschärfen lehnen wir kategorisch ab. Gesellschaftliche Umverteilung sowie die Herstellung von Chancengleichheit werden in utopische Ferne gerückt. Wir Juso-Hochschulgruppen lehnen jedwede Existenz von Eliten, die als Gegensatz zu einer breiten Masse lediglich aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur Elite einen exklusiven Führungsanspruch haben sollen, ab. In einer gerechten Gesellschaft sind Gegensätze von Elite und Masse, von Führung und Geführten, überflüssig. Die Organisation einer Gesellschaft, in der wenige Stellen geschaffen werden, um die Masse zu lenken und Verantwortung für dies zu übernehmen, lehnen die Juso-Hochschulgruppen entschieden ab. Dies widerspricht dem Prinzip der Mündigkeit aller Menschen. Unser Wunsch ist dagegen eine Gesellschaft, die Chancengleichheit und Gleichberechtigung für jedes ihrer Mitglieder garantiert. Unser Verständnis von Demokratie schließt jedoch keineswegs aus, dass Menschen aufgrund demokratischer Wahlen auf Zeit Führungspositionen in Politik und Wirtschaft übernehmen. Wenngleich in der Forschung und auch der Politik die soziale Selektivität geringer ist, so sollten diese Errungenschaften doch eher verteidigt als gefährdet werden. Der Blick nach Frankreich lässt erahnen, wie sich die Verhältnisse weiterentwickeln könnten. Die dortigen AbsolventInnen der ENA (École Nationale d’Administration) haben fast exklusiven Zugang zu Spitzenpositionen nicht nur in der Verwaltung und der Politik. Selbst in der sozialistischen Partei Frankreichs rekrutiert sich das Spitzenpersonal hauptsächlich aus AbsolventInnen der ENA.

Der Umbau des Hochschulsystems

An eben diesem Vorbild Frankreich, aber ebenso sehr an Großbritannien und den USA orientiert sich der Umbau des deutschen Hochschulsystems. Diese Vorbilder sind geprägt von einem Auseinanderklaffen ihrer Hochschullandschaften in eine große Zahl "mittelmäßiger" Hochschulen, die mit wenig finanziellen Mitteln den allergrößten Teil der Studierenden ausbilden, einerseits und einige wenige Spitzenhochschulen andererseits. Diese können mit enormen finanziellen Mitteln sowohl sehr gute Forschungsergebnisse erbringen als auch einigen wenigen Studierenden ein hervorragendes Lehrangebot unterbreiten. Selbst wenn man unterstellte, dass eine Umgestaltung des deutschen Hochschulsystems in diesem Sinne ein erstrebenswertes Ziel sei, genügt ein kurzer Blick auf die Zahlen, um die Absurdität dieses Vorhabens zu verdeutlichen: US-amerikanischen Spitzenuniversitäten wie Harvard oder Stanford stehen jährlich 2 bis 2,5 Mrd. Dollar für Studierendenzahlen zwischen 11.000 und 17.000 zur Verfügung. Die großen deutschen Hochschulen müssen dagegen mit 10-20 % dieser Mittel ein Mehrfaches an Studierenden ausbilden. Auch 250 Mio. Euro jährlich für die Gewinnerinnen der Exzellenzinitiative werden an diesen Verhältnissen nicht nennenswert etwas ändern. Dies wissen auch die BefürworterInnen der Exzellenzinitiative. Worum geht es ihnen also? Um nichts weniger als den Umbau des deutschen Hochschulsystems! Zentrale Merkmale und Stärken des heutigen Systems sollen aufgegeben und durch ein von marktradikaler Ideologie geprägtes Modell ersetzt werden. Die Hochschulen sollen in jedem erdenklichen Sinne in einen Wettbewerb untereinander gesetzt werden - um das beste "Profil", die besten Forschungsleistungen, die meisten Drittmittel, die besten Studierenden etc. Aufgegeben wird das Ziel eines flächendeckenden Angebots von Hochschulen, die sich alle sowohl durch gute Forschung als auch durch ein breites und gutes Lehrangebot auszeichnen. Aufgegeben wird auch ein System des Hochschulzugangs, das möglichst vielen jungen Menschen aufgrund transparenter, nachvollziehbarer und einheitlicher Kriterien den Zugang zu Universitäten und Fachhochschulen sichert. Stattdessen wird Ziel gerichtet auf ein Zwei-Klassen-Hochschulsystem hingearbeitet, in dem es einige wenige Spitzenforschungsuniversitäten mit wenigen, angeblich hoch begabten Studierenden und viele mittelmäßige Hochschulen gibt, die für die Ausbildung des großen Rests der Studierenden zuständig sind. Gleichzeitig sollen die Hochschulen nach jeweils eigenen Kriterien die Studierenden auswählen können, die angeblich am besten zu ihnen passen. Diese Umstellung des Hochschulzugangs wird nebenbei genutzt, um unauffällig Studienplätze abzubauen.

Die Entwicklung der Exzellenzinitiative

Der SPD-Parteivorstand verabschiedete am 6. Januar 2004 als Ergebnis einer Klausurtagung die "Weimarer Leitlinien Innovation". Als Teil der "Agenda 2010" wird dort eine neue Innovationspolitik der SPD verkündet, zu der (neben vielen anderen) auch folgende Ziele gehörten: "Wir brauchen […] eine stärkere Förderung von Spitzenleistungen. Wir wollen die Struktur der Hochschullandschaft so verändern, dass sich Spitzenhochschulen und Forschungszentren etablieren, die auch weltweit in der ersten Liga mitspielen und mit internationalen Spitzenhochschulen wie Harvard und Stanford konkurrieren können." Diesen Textbaustein könnte man ebenso gut in einer Verlautbarung des CHE finden. Die Formulierung klingt zunächst harmlos, entspricht aber genau der beschrieben Zielsetzung eines Umbaus der Hochschullandschaft. Dieser Beschluss war Ursprung der Exzellenzinitiative. Bund und Länder einigten sich darauf, einen Wettbewerb mit drei Förderlinien auszuloben, für den insgesamt 1,9 Mrd. Euro zur Verfügung stehen sollten. Davon trägt der Bund 75 Prozent. Die erste Förderlinie unterstützt bis zu 40 Graduiertenschulen, an denen strukturierte Promotionsprogramme innerhalb eines breiten Wissenschaftsgebietes angeboten werden. Dafür stehen bis zu 40 Mio. Euro jährlich zur Verfügung, d.h. eine Mio. für jede geförderte Graduiertenschule. In der zweiten Förderlinie geht es um so genannte Exzellenzcluster, das sind Forschungs- und Ausbildungseinrichtungen von Universitäten, die mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen, Fachhochschulen und der Wirtschaft kooperieren. Hier stehen jährlich für bis zu 30 Cluster insgesamt 195 Mio. Euro, d.h. pro Cluster durchschnittlich 6,5 Mio. Euro zur Verfügung. Die dritte - und in der öffentlichen Diskussion über "Leuchttürme" und "Elite-Unis" zentrale - Förderlinie bezieht sich auf "Zukunftskonzepte zum Ausbau universitärer Spitzenforschung". Bis zu zehn Universitäten, die mindestens eine Graduiertenschule in der ersten Förderlinie und mindestens ein Exzellenzcluster in der zweiten Förderlinie gefördert bekommen, bekommen hier durchschnittlich 21 Mio. Euro jährlich. Dazu müssen sie zusätzlich eine schlüssige Gesamtstrategie zu einem weltweit anerkannten "Leuchtturm der Wissenschaft" vorweisen. Für diesen Bereich sind insgesamt 210 Mio. Euro jährlich eingeplant. Ergebnis der Exzellenzinitiative ist, dass in der wichtigsten, weil finanziell am besten ausgestatteten Förderlinie drei Universitäten gewonnen haben, die in Bayern und Baden-Württemberg liegen. Damit werden zwei Unions geführte Bundesländer mit Geld aus dem Bundeshaushalt dafür belohnt, dass sie jahrelang eine Hochschulpolitik betrieben haben, die einseitig Forschung gefördert hat, dass sie ihre Abiturientinnen und Abiturienten zu großen Teilen in andere Bundesländer "exportieren" und dort ausbilden lassen und damit ihrer Verantwortung für Forschung und Lehre nicht gerecht geworden sind. In den neuen Bundesländern wurde dagegen lediglich die TU Dresden mit einer Graduiertenschule und einem Exzellenzcluster gefördert. Rechnet man großzügig noch Berlin dazu, so sind es insgesamt vier ostdeutsche Graduiertenschulen, die jeweils bis zu eine Mio. Euro jährlich erhalten. Auch das Land Rheinland-Pfalz, das seit langem weit über den eigenen "Bedarf" hinaus Studierende ausbildet, ist in keiner der drei Förderlinien vertreten. Und Nordrhein-Westfalen, das zahlreiche große "Lehrhochschulen" besitzt, muss sich mit drei Graduiertenschulen (d.h. bis zu 3 Mio. Euro jährlich) und drei Exzellenzclustern (d.h. bis zu 19,5 Mio. jährlich) zufrieden geben. Mit dem Argument der Auswahl nach rein wissenschaftlichen Kriterien werden solche Einwände vom Tisch gewischt. Eine politische Einmischung verbitte man sich. Diese Argumentation lehnen wir ab. In einem demokratischen Gemeinwesen werden staatliche Mittel durch Beschlüsse von Parlamenten vergeben und nicht von angeblichen Expertengremien! Ohne Zögern wird außerdem in dieser Argumentation das Ziel aufgegeben, in allen Bundesländern Hochschulen zu haben, die hervorragende Forschung mit sehr guter Lehre verbinden. Diese Entwicklung wird massiv von der Bundesregierung, an der die SPD nach wie vor beteiligt ist, finanziell unterstützt. Beinahe 1,5 Mrd. Euro gibt der Bund für eine Hochschulpolitik aus, die in die falsche Richtung geht. Das ist schlicht inakzeptabel. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern deshalb den Stopp der Exzellenzinitiative und den Einsatz der "eingesparten" Mittel für Maßnahmen, von denen alle Hochschulen profitieren.

Elite statt Chancengleichheit auch in der Studienfinanzierung

Aber die Exzellenzinitiative ist nicht der einzige Baustein der Politik, die zu einem radikalen Umbau unserer Hochschullandschaft führen soll. Die Union setzt - gemeinsam mit der FDP - auch in der Studienfinanzierung auf Elitedenken statt Chancengleichheit. In bisher sieben Bundesländern wurden Studiengebühren eingeführt, die zu einer Verschärfung der sozialen Selektion führen werden. Über kurz oder lang werden die "Elite-Unis" den Anspruch erheben, höhere Gebühren als andere Hochschulen erheben zu dürfen. Studiengebühren von bis zu 2.500 Euro pro Semester werden hinter vorgehaltener Hand bereits heute diskutiert. Gleichzeitig wird das BAföG schleichend ausgehöhlt und die Förderung angeblich hochbegabter Studierender ausgebaut. Die Bundesbildungsministerin betreibt auch hier ganz offen eine Politik, die auf Eliteförderung anstelle der Herstellung von Chancengleichheit durch eine Bedarfs deckende Studienfinanzierung für alle setzt. Wir Juso-Hochschulgruppen lehnen diese Politik entschieden ab.

Hochschulzugang à la carte?

Ein wichtiger Baustein des Umbaus sind außerdem die systematischen Veränderungen beim Hochschulzugang. Schon das aktuelle HRG, dessen Aufhebung aufgrund der Föderalismusreform unmittelbar bevorsteht, gesteht den Hochschulen ein Recht zur Auswahl von bis zu 60 Prozent der Studierenden zu. Falls der Bund von seinem Recht zur Regelung des Hochschulzugangs keinen Gebrauch machen sollte - was mit dieser Bundesbildungsministerin durchaus sein kann - wäre es den Ländern möglich, diese Regelung noch auszuweiten. Die Richtung ist jedenfalls klar: Weg von einem Hochschulzugang, der - so mangelhaft und kritikwürdig er sein mag - zumindest den Versuch unternimmt, bundesweit eine gerechte Verteilung von Studienplätzen zu sichern. Hin zu einem System, bei dem Hochschulen freie Hand haben, welche Bewerberinnen und Bewerber sie annehmen und nach welchen Kriterien sie dies tun. Die vielerorts geplanten Auswahlgespräche werden dazu führen, dass ProfessorInnen als Angehörige gehobener Schichten solche InteressentInnen bevorzugen, die ebenfalls diesen Schichten angehören. Dabei werden habituelle Kriterien eine starke Rolle spielen. Außerdem ist absehbar, dass die "Elite-Unis" ihre Kriterien für die Auswahl kontinuierlich verschärfen werden, um damit die angeblich besten Studierenden herauszufiltern. Diese neue Form des Hochschulzugangs wird nebenbei genutzt, um Studienplätze abzubauen bzw. vielmehr einfach unbesetzt zu lassen. Dabei setzten die Hochschulen darauf, dass Studieninteressierte sich bei mehreren Unis oder Fachhochschulen bewerben und auch mehrere Zusagen bekommen. Wenn sie dann jedoch - was oftmals der Fall ist - die anderen Hochschulen nicht informieren, dass sie den angebotenen Studienplatz nicht annehmen werden, können die Hochschulen diesen unbesetzt lassen. Diese Möglichkeit wird gern genutzt, um mit der Überlastung von Lehrveranstaltungen Schluss zu machen. Sie führt aber faktisch zu einem Abbau von Studienplätzen, der dem aktuellen Bedarf - eigentlich bräuchte es dringend deutlich mehr Studienplätze - diametral entgegensteht. Außerdem führen Auswahlgespräche dazu, dass Personal der Hochschulen durch die Durchführung dieser Tests gebunden wird statt anderweitig für Lehre und Forschung eingesetzt werden zu können.

Hochschulautonomie

Eine Entwicklung, die die aktuelle hochschulpolitische Situation entscheidend prägt, ist die immer größere Autonomie der einzelnen Hochschulen und der Verlust an staatlichen Einflussmöglichkeiten. Mit dem Argument, nur durch Differenzierung und Wettbewerb für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet zu sein, fordern die Universitäten immer mehr Rechte zur eigenen Entscheidung ein. Wenn aber Hochschulen selbständig über die Schließung von Fachbereichen, über die Einstellung von Studienfächern und über die inneruniversitäre Mittelverteilung entscheiden können, so unterstützt dies den Trend zu einem Zwei-Klassen-Hochschulsystem. Denn die "Elite-Unis" und solche, die es werden wollen, können einzelne, forschungsstarke Bereiche massiv ausbauen und andere vernachlässigen, während solche Hochschulen, die Studierenden in allen Bereichen eine gute Lehre bieten wollen, ihre - voraussichtlich sinkenden - finanziellen Mittel gleichmäßig verteilen müssen und so zur Mittelmäßigkeit verdammt sind. Wir Juso-Hochschulgruppen halten es für falsch, dass der Staat sich selbst der Möglichkeit beraubt, wichtige Standards im Hochschulsystem aufrecht zu erhalten. Profilbildung beispielsweise ist auch in enger Abstimmung mit einem Wissenschaftsministerium möglich. Dazu bedarf es nicht der Autonomie in dem Maße, wie sie heute teilweise umgesetzt. Vor allem darf Hochschulautonomie nicht bedeuten, dass der Kampf um zu knappe finanzielle Mittel an die Hochschulen verlagert wird.

Chancengleichheit und Qualität für alle statt Zwei-Klassen-System

All diese Bausteine ergeben zusammen eine Politik, die auf eine Vertiefung der Unterschiede in der Hochschullandschaft setzt. Ein von Wettbewerbs- und Elitedenken beherrschtes Modell soll systematisch durchgesetzt werden. Wir Juso-Hochschulgruppen lehnen dies entschieden ab. Wir fordern stattdessen:
  • Chancengleichheit muss das zentrale Ziel bildungs- und hochschulpolitischer Entscheidungen sein. Dies setzen wir dem Elitegedanken entgegen, den wir grundsätzlich ablehnen, weil er systematisch auf Ungleichheit setzt und diese noch verstärken möchte.
  • In allen Bereichen - von der Studienfinanzierung bis zum Hochschulzugang - muss der Paradigmenwechsel hin zum Elitedenken verhindert werden. Wir fordern eine starke Studienfinanzierung für alle und eine Öffnung des Hochschulzugangs anstelle von Hochbegabtenförderung und hochschuleigenem Auswahlrecht.
  • Die Autonomie von Bildungseinrichtungen ist im Grundsatz eine richtige Idee. So, wie sie aktuell umgesetzt wird, lehnen wir sie jedoch ab. Staatlicher Einfluss muss in zentralen Punkten - beispielsweise dem Hochschulzugang - erhalten bleiben. Gleichzeitig darf Autonomie nicht zur Delegation des Kampfes um zu knappe Finanzmittel nach unten dienen. Hochschulautonomie muss immer einhergehen mit der Stärkung demokratischer Gremien, die durch VertreterInnen aller an den Hochschulen vertretenen Gruppen besetzt sind.
  • Bildung als öffentliches Gut muss staatlich bedarfsdeckend finanziert werden. Wir fordern ein gebührenfreies Studium und lehnen Studiengebühren in jeder Form ab.
  • Die Stärke des deutschen Hochschulsystems, in der Breite auf hohe Qualität in Forschung und Lehre zu setzen, muss erhalten werden. Wir fordern deshalb den Stopp der Exzellenzinitiative und die Verwendung der Mittel für Maßnahmen, die allen Hochschulen zugute kommen. Dabei müssen Forschung und Lehre gleichermaßen berücksicht.

Diesen Artikel teilen: