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Gegen die Ausbeutung der „Generation Praktikum“

I.

Praktika sollten herkömmlich dazu dienen, Personen im Rahmen ihrer Aus- oder Weiterbildung Einblicke in die Arbeitswelt zu verschaffen und sie auf diese Weise über Berufe zu informieren oder für Berufe weiter zu qualifizieren. Dieses Ziel des Praktikums wird immer häufiger verfehlt. PraktikantInnen, deren Tätigkeit nicht oder nur gering vergütet wird, werden als billige Arbeitskräfte missbraucht und ausgebeutet, während sie selbst keine wesentlichen neuen Erfahrungen mehr sammeln können. Dabei besteht jedenfalls in bestimmten Wirtschaftszweigen ein faktischer Zwang, solche Praktika sogar nach einem Studienabschluss abzuleisten: zum einen, da dies von Unternehmen erwartet wird, zum andern, da ohne solche Beschäftigung eine „Lücke im Lebenslauf“ entstehen würde, die später Unternehmen von einer Einstellung des arbeitslos Gewesenen abschrecken kann. Ferner werden PraktikantInnen teilweise mit einer tatsächlich nicht bestehenden Aussicht auf Übernahme in ein Arbeitsverhältnis geködert. Es wird sogar die vorherige Ableistung eines Praktikums zur Bedingung für die spätere Aufnahme eines Arbeitsverhältnisses gemacht. Dieses Problem stellt sich für alle PraktikantInnen gleichermaßen. Diese Entwicklung zeitigt eine Reihe dramatischer Folgen: 1.      Arbeitsplätze werden durch Praktikumsstellen ersetzt. Das belastet nicht nur den Arbeitsmarkt und die Sozialversicherungen, sondern ist auch ein kalter Raub von ArbeitnehmerInnenrechten. 2.      Die PraktikantInnen müssen ihren Lebensunterhalt aus einer anderen Quelle als Lohn finanzieren. Sie geraten dadurch in zusätzliche Abhängigkeiten, sei es, dass sie von ihren Eltern unterstützt werden müssen, sei es, dass sie neben einem (Vollzeit-)Praktikum zusätzlich noch einer Erwerbstätigkeit nachgehen müssen („Jobben“). Insgesamt ergibt sich eine unbeständige Lebenssituation, die auch das soziale Gefüge gefährdet. 3.      Soweit Eltern PraktikantInnen unterstützen müssen und selbst kein Kindergeld mehr beziehen, kommen die elterlichen Leistungen nur den Unternehmen zugute, denen die PraktikantInnen ihre Arbeitskraft kostenlos zur Verfügung stellen. Die Eltern subventionieren somit praktisch die Unternehmen. II. Alle Wege zur Lösung dieses Problems müssen dabei ansetzen, den unangemessenen Einsatz von PraktikantInnen einzudämmen. Grundsätzlich gilt dabei für uns Juso- Hochschulgruppen:
Ein generelles Verbot unbezahlter Beschäftigung für PraktikantInnen muss gesetzlich festgeschrieben werden. Praktika unter 4 Wochen und sind hiervon ausgenommen. Bei Verlängerung eines bis zu vierwöchigen Praktikums bzw. Abschluss eines Anschlussvertrages in derselben Organisation, muss das Praktikum rückwirkend vergütet werden. Ferner braucht es ein bundeseinheitliche Gesetz, das Qualitätsmerkmale eines Praktikums festschreibt, um so „Ausbeutungs- und Ausnutzungspraktika“ zu verhindern. Mindestanforderungen sind dabei für uns:
  • Qualifizierte inhaltliche Einbindung des/der PraktikantIn in die Organisation.
  • Konkrete Ausgestaltung der Ausbildung im Praktikum durch Festlegung der Inhalte und Benennung einer/ eines BetreuerIN;
  • Maximale Praktikumsdauer von sechs Monaten mit der Möglichkeit der einmaligen Verlängerung um die gleiche Zeit;
  • Die Vergütung orientiert sich an der üblichen Vergütung vergleichbarer ArbeitnehmerInnen.
  • Ferner findet der gültige Tarifvertrag und ggfs. Betriebsvereinbarungen  auch auf das PraktikantInnen- Verhältnis Anwendung;
  • Die Arbeitszeit wird auf maximal 35h/Werkwoche beschränkt, der Urlaubsanspruch beträgt 2 Tage/ Monat;
  • Die/ der PraktikantIn hat Anspruch auf Lohnfortzahlung im Krankheitsfall;

Werden diese Kriterien nicht eingehalten, können PraktikantInnen Beschwerde beim Betriebsrat/ Personalrat einlegen. Sollte dessen Vermittlung kein Erfolg haben/ oder kein Betriebsrat/ Personalrat vorhanden sein, kann das Arbeitsgericht eingeschalten werden. Wenn sich ein Zwang zur Ableistung von Praktika daraus ergibt, dass andernfalls Arbeitslosigkeit eintreten und den Lebenslauf lückenhaft machen würde, bieten sich Weiterbildungsmaßnahmen als Alternative an. In jedem Fall müssen PraktikantInnen durch ihre BeraterInnen in Schulen, Universitäten und Arbeitsagenturen besser über ihre bereits bestehenden Rechte, wie z.B. das Recht auf ein Arbeitszeugnis, informiert werden. Das Engagement der Gewerkschaften für die PraktikantInnen ist zu unterstützen. Gleichwohl sollten die Gewerkschaften nicht nur an der Aufklärungsarbeit beteiligt sein, sondern auch aktiv für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen eintreten. Die Gewerkschaften könnten etwa für die Einbeziehung von PraktikantInnen in Tarifverträge streiten, denn die Solidarität der ArbeitnehmerInnen untereinander ist hier in besonderem Maße gefordert.

III.

Die Juso-Hochschulgruppen fordern aus diesen Gründen, 1.      dass die SPD, ihre Abgeordneten, der Deutsche Bundestag, sowie alle Bundesbehörden a.      einen Vergütungsanspruch für Praktika, die vier Wochen überschreiten, festschreibt, b.      eine Pflicht der Praktikumsgeber festschreibt, PraktikantInnen über ihre Rechte aufzuklären, und diese Pflicht mit einem Bußgeldtatbestand bewehrt, c.      das Verbot festschreibt, für die Begründung eines Arbeitsverhältnisses eine zunächst unentgeltliche Arbeitsleistung als Bedingung zu verlangen, und d.      Weiterbildungsmaßnahmen stärker fördert, 2.      dass der Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen a.      einen entsprechenden Antrag bei den Bundes-Jusos zum Beschluss einreicht und b.      in Zusammenarbeit insbesondere mit dem DGB, den lokalen Hochschulgremien sowie deutschen und europäischen Interessenvertretungen von PraktikantInnen auf eine stärkere Vernetzung der Evaluierungsplattformen hinarbeitet, 3.      dass die SPD PraktikantInnen nur entsprechend dem DGB-Leitfaden für ein faires Praktikum beschäftigt. Die Juso-Hochschulgruppen setzen sich vor Ort an den Hochschulen gemeinsam mit dem DGB für die Einrichtung von DGB-Campusbüros ein.

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