Inhalt


©

Studium für alle: Zugang öffnen, Studieneingangsphase reformieren

Die Juso-Hochschulgruppen kritisieren den Kompromiss der Kultusministerkonferenz (KMK) zum Hochschulzugang vom 6. März 2003. Grundtenor dieses Kompromisses ist es, die Hochschulen ihre Studierenden in Zukunft verstärkt selbst auswählen zu lassen. Sowohl die Richtung als auch die Details der jetzt vorgeschlagenen Änderungen geben aus Sicht der Juso-Hochschulgruppen Grund zur Besorgnis. Sie stehen unseren Forderungen nach einem selbst bestimmten und emanzipatorischen Studium sowie einem gleichwertigen Bildungsangebot diametral entgegen. Wir fordern die Bundesregierung sowie die SPD-regierten Bundesländer auf, sich gegen eine Festschreibung dieser veränderten Zulassung im Hochschulrahmengesetz (HRG) einzusetzen. Die Juso-Hochschulgruppen wollen keinen Erhalt der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) um ihrer selbst willen. Dass die ZVS einen Mangel verwaltet, ist unbestritten, verursacht haben ihn aber die Länder durch eine kontinuierliche Unterfinanzierung der Hochschulen. Seit dem Hochschulöffnungsbeschluss in den 70er Jahren müssen die Hochschulen eine große Überlast organisieren. Grundsätzlich halten wir die Beschränkung des Hochschulzugangs für falsch, denn mit jeder Zugangsbeschränkung werden auch Bildungs- und Berufschancen potentieller Studienanfänger und Studienanfängerinnen beschnitten. Die Antwort auf die ZVS ist daher nicht der kurzsichtige Ruf nach ihrer Abschaffung, sondern die Forderung, sie durch Hochschulausbau überflüssig zu machen. In der gegenwärtigen Situation ist eine Abschaffung der ZVS lediglich ein - noch dazu schlechtes - Herumdoktern an Symptomen.

Keine Selbstauswahl durch die Hochschulen

Die Selbstauswahl soll nach Willen der Befürworter und Befürworterinnen in folgenden weiteren Hochschulzugangshürden ihre Ausprägung finden: Notengewichtung, Bewerbungsgespräche, Eingangstests, Motivationsschreiben, der Forderung nach praktischer Berufserfahrung oder absolvierten Auslandsaufenthalten und dem Nachweis ehrenamtlichen bzw. sozialen Engagements. Wir beurteilen die Selbstauswahl generell und all diese Kriterien kritisch, da wir in ihnen Ausschlusskriterien sehen, die Studierwilligen die Aufnahme eines Hochschulstudiums erschweren. Außerdem geht mit diesen zusätzlichen Zulassungsprüfungen eine Abwertung des Abiturs einher, die den mit dem Abitur verbundenen Anspruch auf einen Studienplatz aushöhlt. Das Selbstauswahlrecht der Hochschulen reiht sich dabei in die Bestrebungen, einen Bildungsmarkt zu etablieren ein. Auf diesem Bildungsmarkt konkurrieren Hochschulen mit den unterschiedlichsten Profilen um die Studierenden. Diese Seite des Verfahrens wird über Studienkonten oder andere Formen der Gebühren abgewickelt. Die andere Seite ist die Konkurrenz der Studierenden um die besten Hochschulen, die nun ihrerseits aus dem Pool der sich Bewerbenden wählen können. Die parallel ablaufenden Verfahren führen zu einer stark differenzierten und fraktionierten Bildungslandschaft. Eine solche Bildungslandschaft führt zum einen zu der Konsequenz, dass Bildungsbiographien schon zu einem früheren Studienzeitpunkt festgelegt werden, als das bisher der Fall war. Die BeführworterInnen eines solchen Modells gehen von einer Ware Bildung aus, die von den Studierenden en bloc gekauft wird. Die Hochschulen suchen sich nun die Studierenden aus, die vermeintlich zu ihnen passen. Die Realität weicht allerdings von dieser imaginierte Welt ab. Flexible Bildungsbiographien sind Alltag und Schwerpunktsetzungen können sich im Laufe eines Studiums durchaus ändern. Leider wird es nicht so sein, dass der neukonstruierte Bildungsmarkt den realen Verhältnissen und Möglichkeiten gerecht wird, sondern er wird die Studierende zu konformen Verhalten zwingen. Die dahinter stehende Logik, die Hochschulen suchen sich nur noch die Studierenden aus, die zu ihnen passen und verringern so die Quote der Abbrechenden entlarvt sich von selbst. Wer potentielle Problemfälle von vorneherein aussortiert, kann keinen großen Bildungsanspruch haben. Die bei der Auswahl angewandten Verfahren sind aus unserer Sicht höchst fragwürdig. Weder ein einmaliges Auswahlgespräch mit einem Professor oder einer Professorin (respektive Dozentin oder Dozenten) noch ein Multiple-Choice-Test dürften den Anforderungen an ein aussagekräftiges Auswahlverfahren gerecht werden. Die Selbstauswahl der Hochschulen ist mit enormen Kosten verbunden. Baden-Württemberg hat hierzu bereits angekündigt, es den Hochschulen frei zu stellen, einen Teil dieser Kosten auf die Bewerberinnen und Bewerber abzuwälzen. Niedersachsen plant, die Kosten durch Einsparungen bei der Studienberatung zu kompensieren. Die Einführung weiterer "Verwaltungskosten" auf diesem Weg ist grundsätzlich abzulehnen.

Studium für alle!

Ein Gesamtkonzept des Hochschulzugangs muss andere Elemente beinhalten. Die Juso-Hochschulgruppen setzen der Beschränkung des Hochschulzugangs die Neukonzeption der Studieneingangsphase und die Öffnung der Hochschulen für Menschen mit und langfristig auch ohne Berufsabschluss entgegen. Der Übergang von der Schule an die Hochschule ist mit vielschichtigen Problemen verbunden, die durch eine veränderte Auswahl der Studierenden nicht einmal tangiert werden. Genau diese Probleme gilt es aber zu lösen, wenn Abbrecherquoten und lange Studienzeiten gesenkt werden sollen. Dazu muss die Studienberatung in der Schule ausgebaut werden und die Studieneingangsphase neu gestaltet werden. Den Kern einer neuen Studieneingangsphase bildet ein deutlich ausgeweitetes Beratungsangebot, kombiniert mit sowie Tutoren- und Mentoringprogrammen.

Weitere Elemente einer neu zu strukturierenden Studieneingangsphase könnten darstellen:

  • Vorbereitung auf das Fachstudium/fakultätseigener Bestandteil an der Studieneingangsphase (Fachveranstaltung)
  • Vermittlung eines kritischen Wissenschaftsanspruchs/kritische Hinterfragung des Erlernten im gesamtgesellschaftlichen Kontext
  • Frühzeitiger kritischer Praxisbezug
  • die verstärkte Vermittlung von Methodenkompetenzen/Kernkompetenzen (Erarbeiten und Präsentieren von Referaten und Hausarbeiten, Vermittlung von Fremdsprachen- und PC-Kenntnissen sowie Grundlagen der Mathematik,...)
  • Interdisziplinarität, die über das Besuchen von Veranstaltungen unterschiedlicher Fachrichtungen hinausgeht, und z.B. im Zuge von Projektarbeiten stattfindet.
Bei der Reform der Studieneingangsphase muss darauf geachtet werden, dass diese unter keinen Umständen Selektionsmechanismen z.B. in Form einer Abschlussprüfung enthält, die den Übergang in das Fachstudium reglementieren bzw. einschränken. Die Reform der Studieneingangsphase sollte mit der Öffnung der Hochschulen für Menschen ohne Abitur einhergehen. Diese sollen durch diese erste Phase des Hochschulstudiums integriert und in ihrer Studierfähigkeit mit den Abiturientinnen und Abiturienten auf ein gleiches Niveau gebracht werden. Die Juso-Hochschulgruppen fordern die Landesregierungen auf, den Ausbildungsabschluss dem Abitur gleichzustellen und die Hochschulzugangsberechtigung unabhängig vom angestrebten Studiengang/vom erlernten Ausbildungsberuf/vom Schulabschluss zu erteilen. Wir lehnen zusätzliche, verpflichtende Vorkurse für diese Gruppe von Studierenden ab, befürworten aber eine Differenzierung der Studieneingangsphase nach Umfang, Intensität und Betreuung. Die Juso-Hochschulgruppen erarbeiten auf Grundlage dieses Beschlusses ein Alternativmodell zur Hochschulzulassung, das den Anforderungen einer emanzipatorischen Bildung und einer qualitativen Studienreform gerecht wird.

Diesen Artikel teilen: