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Akkreditierung

Studienreform durch Akkreditierung?

Mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen haben KultusministerInnen und HochschulrektorInnen zugleich ein neues System der "Qualitätssicherung" auf den Weg gebracht: Eigens hierfür gegründete Akkreditierungsagenturen sollen neue Studiengänge nach eigenständig entwickelten Kriterien auf fachlich-inhaltliche Mindeststandards überprüfen und damit bundesweit gültigen Rahmenprüfungsordnungen überflüssig machen. Ein Akkreditierungsrat akkreditiert wiederum die Agenturen und beobachtet deren Akkreditierungspraxis. Die Entscheidung darüber, was angeboten und studiert werden darf, wird damit aus dem öffentlichen Gremiensystem auf einen (regulierten) Markt privatwirtschaftlich organisierter Agenturen übertragen. Nachdem das Akkreditierungssystem in seiner dreijährigen "Probezeit" auf die Einführung von Bachelor-/ Masterstudiengängen beschränkt war, inzwischen aber deutlich geworden ist, dass eine zeitnahe Ablösung aller herkömmlichen Studiengänge durch das Bachelor-/ Mastersystem nicht zu erwarten ist, soll das Akkreditierungssystem nun auch auf Diplom- und Magisterstudiengänge ausgeweitet werden.

Maßstäbe der Hochschulreform

Unstrittig ist, dass umfassende Reformen von Studium und Lehre auf der Tagesordnung stehen. Das Bildungssystem zählt zu den konservativsten gesellschaftlichen Systemen in Deutschland. Dies gilt auch für den Hochschulbereich: im Kleid der stark abgeschwächten Gruppenuniversität treten uns nach wie vor die Strukturen der alten Ordinarienuniversitäten entgegen. Dass sich diese überholte Form der Hochschulorganisation in der Krise befindet, ist für die Juso-Hochschulgruppen wenig überraschend. Der steigende gesellschaftliche Bedarf an Qualifikation erfordert nicht nur eine Öffnung der Hochschulen, sondern hat auch die Auseinandersetzungen um die Inhalte wissenschaftlicher Bildung zugespitzt. Die derzeitigen Reformen versuchen Bildung und Wissenschaft als Ware zu definieren, deren Tauschwert die Menschen mit ihrer Arbeit verkaufen und deren Gebrauchswert im Produktionsprozess konsumiert wird. Damit sollen Wert und Funktion von Bildung und Wissenschaft nicht gesellschaftlich, das heißt demokratisch durch alle, sondern am Markt, der durch die Ungleichheit der an ihm Teilnehmenden gekennzeichnet ist, festgelegt werden. Dadurch werden die an der Ordinarienuniversität noch autoritär festgelegten Ausgrenzungsmechanismen in den nur formal freien Markt verlegt. Die Juso-Hochschulgruppen treten dementgegen dafür ein, für jede und jeden gleiche Möglichkeiten zu schaffen, ihre/seine Studien-, Arbeits- und Lebensbedingungen zu gestalten. Ziel eines Studiums ist nicht die Erfüllung gesellschaftlicher Maßstäbe, sondern die Fähigkeit, gesellschaftliche Entwicklung bewusst und aktiv mitzugestalten. An diesem Maßstab sind auch die aktuell angestrebten Hochschulreformen zu messen.

Kritische oder affirmative Wissenschaft?

Nimmt man den Grundsatz von Bildung und Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung ernst, dann müssen demokratisch organisierte gesellschaftliche Gruppen wie zum Beispiel die Gewerkschaften stärker als bisher in die Auseinandersetzungen um Ziele, Inhalte und Methoden von Bildung und Wissenschaft eingebunden werden. In Frage steht hierbei das Verhältnis von Hochschulen und Gesellschaft. Im Akkreditierungssystem werden einseitig die Hochschulen auf den Prüfstand gestellt, den Maßstab bildet der gesellschaftliche status quo bzw. die daran gemessene Effektivität der Hochschulen. Die umgekehrte Hinterfragung und Bewertung gesellschaftlicher Entwicklung und gesellschaftlicher Anforderungen durch die Wissenschaft, das heißt die gesellschaftskritische Funktion der Hochschulen, findet dagegen keinen Platz. Der vermeintlich flexible Akkreditierungsmarkt verewigt demnach das Bestehende. In ihrer Gutachterfunktion innerhalb des "Qualitätssicherungssystems" sollen die beteiligten Gruppen – ProfessorInnen, ArbeitgeberInnen, ArbeitnehmerInnen und Studierende – letztlich nur zwei Möglichkeiten haben, ein Studiengangkonzept zu kommentieren: "Erfüllt die Anforderungen" oder "erfüllt die Anforderungen nicht"; top oder flop. Sie sind nicht Teil eines Prozesses, in dem Studiengänge kontinuierlich weiterentwickelt und neu gestaltet werden, sondern auf eine Ja / Nein – Entscheidung (ggf. mit Auflagen) reduziert. Sie treten als Kontrolleure auf – nicht als Diskussionspartner in der wissenschaftspolitischen Auseinandersetzung.

Schlussfolgerungen und Studentischer Akkreditierungspool

Ein flächendeckendes, regional gleichwertiges sowie vielseitiges Bildungssystem, produktive bundesweite Studienreformdiskussionen, verbindliche Standards und eine verlässliche Grundlage für die Mobilität von Studierenden können nur von einem staatlich finanzierten, öffentlich realisierten und demokratisch verfassten System geleistet werden. In diesem Sinne werden die Juso-Hochschulgruppen das Akkreditierungssystem kritisch begleiten und auf eine Demokratisierung der Verfahren hinwirken. Die Gründung des Studentischen Akkreditierungspools begrüßen die Juso-Hochschulgruppen als Vorstoß zur Demokratisierung des Akkreditierungssystems. Sie werden sich daher weiterhin am Studentischen Akkreditierungspool beteiligen. Der Pool ist für die Juso-Hochschulgruppen nicht nur ein Instrument zur Besetzung von Gremien und Gutachterkommissionen im Akkreditierungssystem; er ist Ort politischer Auseinandersetzungen. Wir erwarten von allen am Pool beteiligten Gruppen eine aktive Auseinandersetzung mit Studienrefominhalten und -kontroversen. Anspruch an den Akkreditierungspool ist, dass er studentische Kriterien für Akkreditierungsagenturen und neue Studiengänge erarbeitet. Von allen durch den Pool Entsendeten erwarten wir, dass sie in die Diskussionen des Pools eng eingebunden sind und sich auf die in der politischen Auseinandersetzung entwickelten Kriterien beziehen. Die Juso-Hochschulgruppen werden sich für eine Demokratisierung des Studentischen Akkreditierungspools einsetzen. Den formulierten Ansprüchen entsprechend werden die Juso-Hochschulgruppen im nächsten Halbjahr auf Grundlage bisheriger Beschlüsse erste Akkreditierungsstandards formulieren. Diese Standards werden sich inhaltlich am Bekenntnis der Juso-Hochschulgruppen zu den Werten des Demokratischen Sozialismus und dem Anspruch von Bildung und Wissenschaft in gesellschaftlicher Verantwortung orientieren. Dabei ist für uns selbstverständlich, dass Studiengänge nicht lösgelöst von ihren Rahmenbedingungen akkreditiert werden können. Wir werden daher beispielsweise die Akkreditierung von kostenpflichtigen Studiengängen nicht unterstützen.

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