Inhalt


©

Studienkonten sind Studiengebühren

Die geplante Einführung von Studienkonten in den sozialdemokratisch regierten Bundesländern NRW, RLP und SH zeigt, dass die Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn die Chance vertan hat, ein bundesweites generelles Gebührenverbot im Hochschulrahmengesetz durchzusetzen. Studienkonten sind eine versteckte Form von Studiengebühren, die wir als Juso-Hochschulgruppen in jeder Form entschieden ablehnen. Wie jede Art der Gebührenerhebung schreiben auch Studienkontenmodelle soziale Ungleichheiten im Bildungserwerb fort und sind somit nicht mit den sozialdemokratischen Grundwerten Chancengleichheit und Gerechtigkeit vereinbar. In einer Gesellschaft, in der Bildung und Weiterbildung immer entscheidender für die Lebenschancen der Menschen werden, sind Studiengebühren der falsche Weg. Im Gegenteil, unser Bildungssystem muss durchlässiger werden, um soziale Barrieren konsequent abzubauen. Die Juso-Hochschulgruppen fordern Edelgard Bulmahn daher nachdrücklich auf, ein bundesweites generelles Gebührenverbot im HRG festzuschreiben. Nur so können weitere Alleingänge der Länder verhindert werden und endlich ein Schritt für mehr soziale Gerechtigkeit getan werden. Wie bei jeder Art von Studiengebühren blendet auch das Studienkontenmodell die Rahmenbedingungen eines Studiums aus. Wegen der mangelnden staatlichen Transferleistungen sind die meisten Studierenden gezwungen, neben dem Studium einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Die schlechte Ausstattung der Hochschulen mit personellen und materiellen Ressourcen führen ebenso zu einer Verlängerung des Studiums wie die oft mangelhafte Organisation der Studiengänge an den Hochschulen. Die Einführung von Studiengebühren jeder Art - also auch die Einführung von Studienkonten - verschärft die Problematik nur. Studiengebühren müssen von Studierenden durch zusätzliche Erwerbsarbeit verdient werden, was die Studiendauer weiter erhöht. Im folgenden seien einige besonders kritischen Punkte des Kontenmodells genannt: Das Studienkontenmodell zielt auf eine administrative Verkürzung der Durchschnittstudienzeit von derzeit rund 13 Semestern auf 10 Semester (Regelstudienzeit plus 20%). Die Zugrundelegung der Regelstudiendauer spiegelt dabei deutlich den Nichtbezug auf die Studienrealitäten wieder. Dabei werden materielle und organisatorische Studienbedingungen, die nicht von den Studierenden zu verantworten sind, ausgeblendet. Die Juso-Hochschulgruppen verweisen in diesem Zusammenhang erneut auf die zu geringen staatlichen Transferleistungen wie BAföG und schlechte personelle und materielle Ausstattung der Hochschulen. Nach dem Beschluss der Länder-Finanzminister vom 20.09.2001, die staatlichen Hochschulausgaben einzufrieren, sehen die Juso-Hochschulgruppen keine Verbesserung der Studienbedingungen. Damit wird das Versagen staatlicher Bildungspolitik auf die Studierenden abgewälzt. Die soziale Selektion und Ausgrenzung wird durch das Studienkontenmodell fortgeschrieben. Studierende aus sozial schwachen Familien sind überproportional häufig unter so genannten Langzeitstudierenden vertreten. Dies geht aus der 16. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes hervor. Grund dürfte hier vor allem die zusätzliche Erwerbsarbeit sein, denen Studierende aus niedriger sozialer Herkunft nachgehen müssen. In einer Gesellschaft, in der Weiterbildung einen immer höheren Stellenwert bekommt ist es nicht zu verantworten, die Möglichkeit zur kostenlosen Weiterbildung an ein schnelles Studium zu koppeln. Dadurch werden benachteiligte Gruppen, die etwa gezwungen sind während des Studiums zu arbeiten und dadurch kein Guthaben ansparen können weiterhin am Bildungserwerb behindert. Insofern trägt auch ein Studienkontenmodell zur Reproduktion sozialer Ungleichheiten bei. Wie Menschen ohne Hochschulstudium an der Weiterbildung partizipieren können wird im vorliegenden Modell nicht angeführt. Außerdem wird ein Neigungs- oder Fachrichtungswechsel faktisch stark eingeschränkt. Zusätzliche Veranstaltungen und zu wiederholende Veranstaltungen reduzieren das Guthaben. Dies kann zur Verstärkung der sozialen Schere führen. Es entspricht zudem nicht dem sozialdemokratischen Grundsatz des lebenslangen Lernens, dass das Restguthaben auf dem Konto mit dem 55. Lebensjahr entfällt. Dadurch wird ein kostenloses Studium im Alter verhindert. Die Einführung des Studienkontenmodells ist an eine so genannte "leistungsorientierte" Mittelvergabe für die Hochschulen geknüpft. Im vorgeschlagenen Modell werden staatliche Zuschüsse an die in der Regelstudienzeit realisierten Semesterwochenstunden gebunden. Dies führt unmittelbar zu einer Erhöhung des Drucks auf die Studierenden. Individuelle Biographien werden dem Verwertungsdruck und den Finanzierungsbedarf der Hochschulen geopfert. Daran anschließend verstärkt die Einführung der Studienkontenmodelle die Reduktion des Lernprozesses auf eine reine Stoffvermittlung. Mit anderen Worten verstärkt die Einführung des Studienkontenmodells die Tendenz, ein hochkomplexes Studium, welches die gesellschaftliche Entwicklung kritisch begleiten und produktiv voranbringen soll, auf einen rein technokratischen Aspekt der Stoffvermittlung zu reduzieren. Die Reproduktion von Wissen wird nicht mehr unter einem emanzipatorischen Aspekt gesehen. Das Studienkontenmodell soll außerdem dazu führen, dass Studierende vermehrt FH- und BA-Studiengänge nachfragen. Das ist vor allem deshalb kritisch zu bewerten, da diese Studiengänge bisher kaum inhaltlich überzeugen können. Die Studienkontenmodelle sind ein weiterer Versuch, Kurzstudiengänge wie den Bachelor zu erzwingen. Nur mit Kurzstudiengängen können Studierende Guthaben für spätere Weiterbildung ansparen. Betrachtet man das Studienkontenmodell zusammen mit dem im Februar 2001 vorgelegten Berichtes des von der Landesregierung NRW eingesetzten Expertenrates, so wird deutlich, dass es um eine Entleerung des Studiums geht. Das Studienkontenmodell birgt darüber hinaus die Gefahr einer schrittweisen Einführung "regulärer" Studiengebühren durch sukzessives Absenken des Studienguthabens. Anstatt die Studienbedingungen durch eine bessere Organisation und eine qualitativ hochwertige Studienreform zu verbessern wird der jetzige Studieninhalt auf die Regelstudienzeit zusammengestrichen. Um eine hohe Qualität der Bildung an den Hochschulen zu gewährleisten muss jedoch der andere Weg gegangen werden: Durch eine Studienreform müssen die Angebote verbessert werden, dann sinkt auch die Verweildauer an den Hochschulen. Neben den skizzierten politischen Problemen stellt sich auch die Frage der Durchführbarkeit. Der immense zusätzliche Verwaltungsaufwand bindet Ressourcen der Hochschulen, die in Forschung und Lehre besser verwendet werden können. Durch den Aufbau eines solchen Systems ist zudem die Möglichkeit, ein derartiges Modell wieder abzuschaffen, wesentlich erschwert. Auch stellt sich die Frage, wie man die Teilnahme der Studierenden an Seminaren und Vorlesungen überprüfen will. Alleine schon aus Praktikabilitätsgründen ist das Studienkontenmodell sehr fragwürdig. Die Juso-Hochschulgruppen bleiben bei der Ablehnung von Studiengebühren jeglicher Art. Studiengebühren sind als bildungs- und gesellschaftspolitische Instrument ungeeignet.

Diesen Artikel teilen: