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Hochschulzugang öffnen. Mehr Durchlässigkeit im deutschen Bildungssystem

Bedeutung von Bildung

An der Schwelle zur Informations- und Wissensgesellschaft nimmt Bildung wieder eine zentrale Rolle in der gesellschaftlichen Diskussion ein. Die Internationalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft und die aus der rasanten Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien hervorgehenden Veränderungen stellen an die Menschen heute neue Qualifikationsanforderungen. Bildung stellt hier eine wichtige Grundlage für das Entstehen neuer Arbeitsplätze dar. Gleichzeitig bietet eine größtmögliche Teilhabe an Bildung die Chance, die Vermittlung demokratischer Werte zu intensivieren mit dem Ziel, ein toleranteres und menschenwürdigeres Umgehen miteinander zu erreichen. Sie ist der Schlüssel für die Emanzipation des Einzelnen, für die Fähigkeit, das Leben weitgehend selbst zu bestimmen und sich mit gesellschaftlichen Prozessen kritisch auseinanderzusetzen. Gerade weil Bildung die Zukunftschancen des Einzelnen und der Gesellschaft entscheidend beeinflusst, ist eine umfassende Bildungsbeteiligung aller Menschen die zentrale Forderung der Juso-Hochschulgruppen und unserer Ansicht nach die zentrale gesellschaftliche Aufgabe der nächsten Jahre.

Barrieren im Bildungssystem

Verschiedene Barrieren verschließen den Zugang zu Bildung für weite Teile der Bevölkerung. Das Problem einer mangelhaften Bildungsbeteiligung von Kindern aus sozial schwächeren bzw. bildungsfernen Familien hat die erste Bildungsreform der 70er Jahre trotz großer Anstrengungen nicht gelöst. Die entscheidenden Hürden sind heute, genauso wie früher beim Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule und von der Schule zur Hochschule zu finden. Um Abhilfe zu schaffen, müssen bereits im Schulsystem Maßnahmen getroffen werden, die eine weitere gesellschaftliche Spaltung verhindern. Die Korrelation von sozialer Herkunft und Bildungsbeteiligung macht deutlich (siehe 15. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, 1998), dass gleiche Startchancen nicht bestehen. Sicherlich hat es in der Vergangenheit Chancenausgleichseffekte gegeben. Doch gingen damit gestiegene Qualifikationsanforderungen einher, so dass letztlich nur eine Verschiebung der sozialen Hierarchien bewirkt werden konnte. So erreichen von 100 Kindern aus der unteren sozialen Herkunftsgruppe nur 33 die gymnasiale Oberstufe, sogar nur 8 nehmen eine Studium auf. Dem gegenüber erreichen von 100 Kindern aus der hohen sozialen Herkunftsgruppe 84 die gymnasiale Oberstufe und 72 studieren. Um die Zugangschancen Benachteiligter zu erhöhen, sind daher besondere Anstrengungen notwendig. Wir fordern die Einführung von Ganztagsschulen und eine Erhöhung des dortigen pädagogisches Personals. Die Schulen müssen in die Lage versetzt werden, die Schülerinnen und Schüler nach ihren Fähigkeiten und Neigungen gezielt zu fördern und auch Interesse zu wecken. Projektorientierung, die Vermittlung von sozialen Kompetenzen, Kritikfähigkeit und der Umgang mit (neuen) Medien sind entsprechend in den Lehrplan zu integrieren. Lernschwache Schülerinnen und Schüler und Jugendliche mit fremder Muttersprache sollen hierbei stärker als bisher durch gezielte Angebote unterstützt werden. Schließlich kann nur eine soziale Öffnung der Bildungseinrichtungen eine Benachteiligung bestimmter sozialer und kultureller Gruppen begrenzen.

Öffnung des Hochschulzugangs

Aufgrund der Notwendigkeit gut qualifizierter und gebildeter Menschen für die Gesellschaft fordern die Juso-Hochschulgruppen, die Durchlässigkeit im Bildungssystem zu erhöhen und die vorhandenen Barrieren zu beseitigen. Die Tatsache, dass nur 28% eines Jahrgangs sich für die Aufnahme eines Studiums entscheiden, während in anderen Staaten der EU dieser Anteil bei 40% liegt, macht deutlich, wie groß der Nachholbedarf im deutschen Bildungssystem ist. Eine signifikante Erhöhung dieser Quote ist unter den heutigen Rahmenbedingungen kaum möglich, da Kinder aus bildungsnahen Schichten überwiegend heute schon studieren und die Hürden für Menschen aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten erheblich sind. Da sich diese Hindernisse voraussichtlich nur mittelfristig aufheben lassen, müssen parallel zur Reform der Schulen die Bedingungen an den Hochschulen entscheidend verändert werden. Im Mittelpunkt stehen hier die Reform der Studienfinanzierung und eine weitreichende Öffnung des Hochschulzugangs für Menschen, die nicht die Allgemeine Hochschulreife erworben haben. Angesichts des heutzutage vielfach beklagten Mangels an AkademikerInnen, der Diskussion über das Anwerben von Fachkräften aus dem Ausland (Greencard), der geringen Quote von Studierenden im Vergleich zu anderen Industrienationen (wie z.B. Japan, USA und GB) und der Prognose der KMK über sinkende Studierendenzahlen ist eine Erhöhung der Hochschulzugangsberechtigten nicht nur aus emanzipatorischen Gründen sondern auch aus wirtschaftlicher Notwendigkeit dringend sicherzustellen.

Studienfinanzierung

Eine ausreichende finanzielle Absicherung der Existenz ist eine der Grundbedingungen für ein selbstbestimmtes und erfolgreiches Studium. Doch hier besteht in Deutschland massiver Handlungsbedarf. Heute arbeiten über 2/3 der Studierenden neben ihrem Studium. Nur ein geringer Anteil macht dies, um nützliche berufliche und praktische Erfahrungen zusätzlich zu erwerben bzw. sich einen erhöhten Lebensstandard zu leisten. Der überwiegende Anteil arbeitet, um sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Belege hierfür finden sich unter anderem in der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks. Finanziell schwächergestellte Studierende können sich nicht mit der gleichen Intensität ihrem Studium widmen wie finanziell abgesicherte Studierende. Es erwachsen damit weitere Ungleichheiten:
  • weniger Zeit zur Persönlichkeitsentwicklung, für Freizeit und soziale Kontakte
  • weniger Zeit für die Erbringung der an sie gestellten Anforderungen
  • häufigerer Abbruch des Studiums
  • längere Studienzeiten und damit berufliche Nachteile auf dem Arbeitsmarkt
Daher ist für die Juso-Hochschulgruppen ein weiterer Ausbau des BAföG unabdingbar. Der Anstieg der Gefördertenzahlen von 15 auf über 20 % durch die kürzlich beschlossene BAföG-Reform der Bundesregierung ist ein erster wichtiger Erfolg, der aber keineswegs ausreichend ist und weitere Anstrengungen zur Erhöhung der Empfangsberechtigten erfordert. Gleichzeitig fordern die Juso-Hochschulgruppen die Einführung eines vom Einkommen der Eltern unabhängigen Sockel für alle Studierende. Hiermit soll die Unabhängigkeit der jungen Menschen und damit ihr eigenverantwortliches Handeln gefördert werden. Studiengebühren, die gerade von konservativen und neoliberalen Kräften gefordert werden, lehnen wir strikt ab. Gebühren erhöhen die sozialen Selektionsmechanismen, von denen besonders finanziell schwächergestellte Jugendliche betroffen werden. Außerdem darf bezweifelt werden, dass die eingenommenen Gelder tatsächlich den Hochschulen zu Gute kommen würden. Schließlich sind Gesellschaft und Wirtschaft von vielen, gutqualifizierten Menschen abhängig; daher steht Bildung in gesellschaftlicher Verantwortung. Generelle Öffnung aller Hochschulformen für FachabiturientInnen mit abgeschlossener Lehre Aufgrund der Selektivität des deutschen Bildungssystems erreicht ein großer Teil der jungen Menschen nicht die Allgemeine Hochschulreife. Deshalb müssen verstärkt weitere Möglichkeiten geschaffen werden, die neben dem direkten (normalen) Weg des Abiturs den Zugang zu Hochschulen eröffnen. Ein wichtiger Schritt kann hier die Öffnung der Universitäten für FachabiturientInnen darstellen. Bisher berechtigt der Abschluss eines Fachabiturs nur zur Aufnahme eines Studiums an einer Fachhochschule. Hier besteht jedoch nicht die Gelegenheit zur Durchführung einer Promotion und Habilitation (bzw. Juniorprofessur). Die heute bereits vorhandenen Übergangsregelungen von der Fachhochschule zur Universität erweisen sich als weitere Barrieren im Bildungssystem. Leistungen werden an den Universitäten nicht entsprechend anerkannt und daher zusätzliche Leistungsnachweise verlangt. Hierdurch werden Bildungswege zusätzlich verlängert und es entstehen weitergehende Nachteile z.B. auf dem Arbeitsmarkt. Die Erfahrungen an Gesamthochschulen, die zur Zeit noch in NRW und Hessen existieren, zeigen, dass FachabiturientInnen mit abgeschlossener Lehre, die durch eine zusätzliche Belegung von sogenannten Brückenkursen ein fachgebundenes Abitur und damit die Möglichkeit eines Uni-Diploms mit anschließender Promotionsmöglichkeit erwerben können, in ihrer Leistungsfähigkeit denen der AbiturientInnen in nichts nachstehen. Deshalb fordern wir, diese Form der Zugangsberechtigung auch auf Universitäten zu übertragen. Außerdem muss der Übergang zwischen Ausbildungsgängen und Hochschule erleichtert werden. Qualifizierten AbsolventInnen der dualen Ausbildung soll künftig der Hochschulzugang eröffnet werden.

Teilzeitstudium

Die Struktur der wissenschaftliche Ausbildung ist nicht auf die veränderten Lebensentwürfe in der modernen Gesellschaft angepasst worden. Eine neue Studienstruktur muss der Tatsache Rechnung tragen, dass eine immer größere Zahl von Studierenden nicht der klassischen ”Normalbiographie” folgen kann. Daher müssen die Studierenden frei bestimmen können, wieviel Zeit sie ihrem Studium widmen. Gerade Familie und wissenschaftliche Karriere sind kaum miteinander zu vereinbaren. So erfordern zum Beispiel Teilzeitbeschäftigung zum Erwerb des Lebensunterhaltes bzw. die gemeinschaftliche Kindererziehung durch beide PartnerInnen die Einführung flexibler Formen des Lehrangebots und des wissenschaftlichen Arbeitens. Für Studierende mit Kindern sind außerdem deutlich mehr Kinderhortplätze an den Hochschulen zur Verfügung zu stellen. Da der Anteil der Teilzeitstudierenden kontinuierlich wächst, müssen zur finanziellen Absicherung dieser Gruppe die Förderungsmöglichkeiten durch das BAföG ausgeweitet werden. allgemeine und berufliche Weiterbildung Lebenslanges lernen, d.h. sich an jeder Stelle des Lebens erneut Zugänge zur Weiterqualifikation zu eröffnen, muss ein zentrales Bildungsziel darstellen. Um die Bildungsbeteiligung weiter zu erhöhen, fordern die Juso-Hochschulgruppen, dass geeignete Angebote für Berufstätige entwickelt werden. Die Hochschulen bieten mit der Breite ihres Studienangebotes besonders geeignete Möglichkeiten, berufsbezogene und allgemeine Weiterbildung anzubieten. Die einzurichtenden Angebote sollen dabei gewährleisten, dass Berufstätige sich entsprechend den sich ändernden Anforderungen (wie z.B. Umgang mit den neuen Medien) der Arbeitswelt weiterqualifizieren. Weiterbildung ist jedoch mehr als eine Nachqualifizierung zur Erhöhung der Berufsfähigkeit. Ebenso sind Angebote zu schaffen, die Schlüsselqualifikationen vermitteln, die das Verstehen anderer Kulturen, die Möglichkeiten der Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen und die Persönlichkeitsentwicklung fördern. Die Hochschulen müssen zu Orten des gesellschaftlichen Diskurses werden, die allen Interessierten offenstehen. Die im Rahmen der Weiterbildung belegten Kurse sollen eigenständig oder modulweise angeboten werden. Durch Zertifikate wird die Teilnahme bestätigt. Dabei soll es möglich sein, durch eine Kombination angesammelter Module einen Hochschulabschluss zu erwerben. Einmal im Laufe des Lebens (also auch während des eigenen Studiums) angesammelte zertifizierte Module behalten ihre Gültigkeit. Damit diese Angebote auch tatsächlich wahrgenommen werden, sind Zeitkorridore im Berufsleben für Weiterbildung zu schaffen. Hier bedarf es kreativer Freiräume, damit Weiterbildung nicht nur zu einer zusätzlichen Belastung der Berufstätigen nach der normalen Arbeitszeit wird. Für Hochschulen bedeutet dies, dass aufgrund der erweiterten Aufgabenfelder ein Ausbau des bestehenden Systems erfolgen muss, in dem dann, neben dem grundständigen Studium und der Forschung, die Weiterbildung bzw. das weiterbildende Studium als dritte Säule etabliert wird. Für die Juso-Hochschulgruppen ist die Herstellung eines freien Zugangs zu den Bildungseinrichtungen eine der zentralen gesellschaftlichen Aufgaben. Beim Übergang von der Industriegesellschaft zur Wissens- und Informationsgesellschaft gewinnt Bildung zunehmend an Bedeutung und entscheidet über die Lebens- und Berufschancen des Einzelnen, über die Partizipation an gesellschaftlichen Prozessen und die Entfaltung der Persönlichkeit. Ohne Bildung droht gesellschaftliche Ausgrenzung. Aufgrund gestiegener Qualifikationsanforderungen in einer zunehmend komplexeren Welt nimmt das Hochschulstudium hier eine besondere Funktion ein. Schlüsselqualifikationen, deren Grundlagen bereits in den Schulen zu vermitteln sind, können hier weiterentwickelt werden. Ungleiche Starbedingungen und unterschiedliche Verläufe in der Persönlichkeitsentwicklung der Menschen erfordern differenzierte Förderungsangebote, um zuvor entstandene Defizite auszugleichen. Die Herstellung von Chancengleichheit bleibt eine ständige Aufgabe der Gesellschaft.

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