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Studienstrukturreform: Für ein selbstbestimmtes und fächerübergreifendes Studium

Angesichts sich radikal verändernder Berufsbilder, zunehmender Technisierung vieler Lebensbereiche und sich immer weiter vermehrenden Wissens einerseits und einer katastrophalen Unterfinanzierung andererseits, kann das gegenwärtige Bildungs- und Ausbildungssystem den von verschiedensten Positionen aus gestellten Anforderungen nicht mehr gerecht werden. Die Diskussion um eine grundlegende Reform der Studienstrukturen ist daher unumgänglich. Von herrschender Seite wird im Sinne eines scheinbar unausweichlichen Standortwettbewerbs von den Bildugseinrichtungen verlangt, nach den Anforderungen des Marktes verwertbare Arbeitskräfte auszubilden. Eine neue Studienstrukur darf sich aber nicht primär an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes orientieren. Ausgehend von einem emanzipativen Bildungsbegriffes muß vielmehr die Forderung nach selbstbestimmten Lernen und die Entwicklung von Kritikfähigkeit im Forderung stehen. Nur so kann umfassende Bildung maßgeblich zu gesellschaftlicher Partizipation beitragen. Insofern kann das Studium in Zukunft nicht mehr auf dem alleinigen Erwerb von Faktenwissen in streng getrennten Fachrichtungen beruhen.

Leitideen für eine neue Studienstruktur müssen sein:

  • Interdisziplinarität. Sinnvollerweise müssen die einzelnen Fächer und Studiengänge auch in Zukunft voneinander abgrenzbar sein; allein schon, um den Studierenden ein Minimum an Orientierung zu bieten und nicht einem unreflektierten "universellen Diletantismus" Vorschub zu leisten. Da aber zur Lösung komplexer Probleme mehr als nur das Wissen aus einer Disziplin vonnöten ist, muß das Studium stärker interdisziplinär ausgerichtet werden. Die Grenzen zwischen den einzelnen Fächern müssen aber angesichts der Entwicklungen in Forschung und Lehre neu definiert und durchlässiger gestaltet werden. Dabei haben ökologische und soziale Fragestellung berücksichtigt zu werden.
  • Projektorientierung. Ein wesentlicher Grundzug des gegenwärtigen Wissenschaftssystems liegt in der oft willkürlichen Aufspaltung zu lösender Probleme - entweder zwischen "Theorie" und "Praxis" oder entlang der Grenze zwischen den einzelnen Spezialdisziplinen. Diese Aufspaltung ist nicht nur "ineffizient". Sie führt auch dazu, daß wesentliche Aspekte des Studiums (z.B. Forschungsfolgenabschätzung, Wissenschaftskritik und -ethik) kaum integrierbar sind. Sinnvoll sind Arbeitsformen, die ein gleichberechtigteres Miteinander ermöglichen und weniger auf reine Wissensvermittlung als Problemlösung abzielen und so "Theorie" und "Praxis" integrieren. In einem stärker an der Arbeit in Projekten orientierten Studium können komplexe Lösungswege exemplarisch erprobt und auf andere Probleme übertragen werden.
  • Aufhebung der Grenzen zwischen den verschiedenen Hochschultypen. Die Projektorientierung macht es sinnvoll, daß die Lernenden sehr unterschiedlich qualifiziert sind: So sollten eher in bezug auf die Anwendungsorientierunge qualifizierte Lernende mit solchen zusammenarbeiten, die den Schwerpunkt ihres Studiums auf theoretische Fragestellungen legen. In gleicher Weise können Studierende unterschiedlicher Disziplinen von dem je unterschiedlichen Fachwissen profitieren. Insofern läuft die Projektorientierung auf das Konzept einer modifizierten Gesamthochschule hinaus. In einer solchen Bildungseinrichtungen wird zudem den Prinzipien der Chancengleichheit und der Selbstverwirklichung eher Rechnung getragen als im gegenwärtigen Bildungssystem.Solange dies nicht zu realisieren ist, muß der Übergang zwischen den Hochschultypen offen gestaltet werden.
  • "Lebensbegleitendes Lernen". Der Stellenwert der Weiterbildung muß gegenüber der Erstausbildung erheblich gestärkt werden. Nur so kann den Veränderungen in den Erwerbsbiographien auf der einen und der Expansion des Wissens (bei gleichzeitiger Tendenz zur immer schnelleren Revision dieses Wissens) Rechnung getragen werden. Den Hochschulen als Stätten der Produktion und Vermittlung neuer Erkenntnisse kommt eine herausgehobene Bedeutung zu. Sie müssen zu Orten des gesellschaftlichen Diskurses werden, die allen Interessierten offenstehen. Das Konzept des "lebensbegleitenden Lernens" darf dabei nicht nur Verwertungsinteressen des Arbeitsmarktes bedienen, sondern muß in gleichem Maße der Selbstverwirklichung der Lernenden und der Steigerung von deren Lebensqualität dienen.

  • Modularisierung des Studiums. Das System der starren Studienabschlüsse muß durch das einer konsequenten Modularisierung abgelöst werden. In Zukunft haben die Hochschulen ihre Studienangebote zu differenzieren: Sie müssen ihre Studieninhalte inhaltlich neu ausrichten und funktionalere Fächergrenzen schaffen. Auch in bezug auf die Länge des Studiums muß flexibel auf die Bedürfnisse der Studierenden eingegangen werden. Sie müssen wählen können, wie lang sie studieren wollen, wann sie ihr Studium unterbrechen und zu welchem Zeitpunkt ggf. sie es wieder aufnehmen wollen. Dabei ist die Fixierung auf den Studienabschluß aufzuheben.
  • Wahlfreiheit in allen Phasen des Studiums. Jeder Studiengang muß zum selbständigen Lernen und Lösen von Problemen qualifizieren. Dies ist nur gewährleistet, wenn die Studierenden in jeder Studienphasen ihren individuellen Neigungen folgen können. Nichtsdestotrotz werden die Studierenden auch in Zukunft durch die Studienordnungen an gewisse Vorgaben gebunden sein. Die Hochschulen haben aber sicherzustellen, daß sie dabei aus einem breiten Angebot mit differenzierten Lehrinhalten und -formen auswählen können.
  • "Schlüsselqualifikationen". Die Hochschulen müssen in allen Phasen des Studiums Veranstaltungen zu solchen Bereichen anbieten, die sich nicht einzelnen Disziplinen oder Studiengängen zuordnen lassen und deshalb bislang sträflich vernachlässigt wurden (Fremdsprachen, Kritikfähigkeit, vernetztes Denken, Selbständigkeit, die Fähigkeit zur Selbstreflexion usw.).
  • Teilzeitstudium. Die neue Studienstruktur muß der Tatsache Rechnung tragen, daß eine immer größere Zahl von StudentInnen nicht der klassischen "Normalbiographie" folgt. Deshalb muß es möglich sein, daß die Studierenden den Anteil ihrer Arbeitszeit, den sie dem Studium widmen, frei bestimmen können.
  • Studienberatung. Da den Studierenden in einem auf diese Weise reformierten Hochschulsystem ein großes Maß an Eigenverantwortung abverlangt wird, müssen sie von Seiten der Hochschule in allen Studienphasen intensiv beraten und betreut werden. Die Beratungsangebote müssen dabei insbesondere darauf ausgerichtet sein, die Studierenden in die Lage zu versetzen, nach Abwägung aller Alternativen eigenverantwortlich über den Verlauf ihres Studiums entscheiden zu können.

Unser Modell der Modularisierung der Studiengänge

Die Juso-HSGn sprechen sich aus für eine Zerlegung des bisherigen, überwiegend in relativ große Blöcke von Veranstaltungen gegliederten Studiums in kleinere Einheiten, sprich Modulen. Wir verstehen unter einem Modul ein zusammenhängendes Lehrgebiet, welches mittels studienbegleitender Prüfungen in Form von schriftlichen und/oder mündlichen Abschlußleistungen abgeprüft wird. Solch ein Lehrgebiet umfaßt mindestens eine komplette Lehrveranstaltung, kann sich allerdings über zwei Semester erstrecken, darf jedoch nicht größer sein als die in einem Semester durchschnittlich zu erbringenden Studienleistungen. Damit wird den Studierenden eine bessere und konzentriertere Prüfungsvorbereitung ermöglicht. Dabei kann davon ausgegangen werden, daß jedes Modul über klar definierte Anforderungen verfügt, indem das zu dessen erfolgreichen Bewältigung notwendige fachliche und methodische Vorwissen eingefordert wird. Außerdem kann nach Absolvieren eines Moduls von einem Studierenden erwartet werden, daß er die hierin vertieften Lernziele in Form von Fach- und Methodenkenntnissen sowie Schlüsselqualifikationen eingeübt und verstanden hat. Zusammenhänge zu anderen Modulen sind dabei ebenfalls zu vermitteln. Die Voraussetzung für eine sinnvolle Studienplanung ist, daß alle Anforderungen zum Erwerb eines Moduls klar formuliert und nachvollziehbar sind. Darin ist auch die Positionierung des Moduls in bestehende Abschlüsse aufzuführen. Module können dabei grundlagenbezogen beziehungsweise anwendungsorientiert vergeben werden. Erst im Fortgang des Studiums entscheiden sich Studierende, in welchem Zweig dieser Richtungen sie ihr Studium abschließen wollen ("Y-Modell"). Solange es noch mehrere Hochschultypen gibt, würde z.B. ein Fachhochschulabschluß eher anwendungsorientierte Module beinhalten und ein Universitätsabschluß dagegen eher grundlangenbezogene. Eine Mischung von Modulen dieser Kategorien ist sinnvoll. An anderen Bildungseinrichtungen oder auch im Ausland erworbene Leistungen können in das Modulsystem eingebracht werden. Gleiches gilt für Berufsausbildungen, umfangreiche Fortbildungsveranstaltungen und Anerkennungen von Berufserfahrungen, welche als weitere Qualifikations-Bausteine angerechnet werden. Zur Bewertung erworbener Module befürworten die Juso-HSGn ein Modell, welches sowohl als Akkumulationssystem als auch als Transfersystem geeignet ist. Damit wird sowohl dem Konzept der studienbegleitenden Prüfungen als auch der Durchlässigkeit zwischen verschiedenen Bildungseinrichtungen im In- und Ausland Rechnung getragen. Insbesondere sind dabei die Richtlinien des European Credit Transfer Systems (ECTS) zu berücksichtigen, so daß im Schnitt pro Semester 30 Leistungspunkte, gemessen am Arbeitsaufwand der Studierenden, zu erreichen sind, deren Erwerb in fortlaufend zu erweiternden Studiennachweisen ("Transcript of Records") festgehalten wird. Dies scheint uns das geeignetste Modell zu sein, um eine internationale Vergleichbarkeit von Studienleistungen zu erreichen.

Skizze einer Studienstrukturreform

Die Juso-HSGn sprechen sich für eine konsequente Umsetzung der Modularisierung in Form eines dreistufigen Phasenkonzepts für alle Studiengänge aus: 1. Die Orientierungs-Phase: Ziel dieser Phase ist es, daß sich Studierende in Kleingruppen grundlegendes Orientierungs- und Methodenwissen aneignen. Darunter verstehen wir das Kennenlernen von allgemeinen wissenschaftlichen Methoden und Beweistechniken sowie der Erwerb von fächerübergreifenden Grundlagen (Basiswissen) und sozial-kommunikativen Fähigkeiten. Diese Phase dauert i.d.R. zwei Semester und dient den Studierenden bei der Feststellung, in welche Richtungen sie ihr Studium fortsetzen wollen. 2. Die Projekt-Phase: Ziel dieser Phase ist es, daß sich Studierende in Form eines fächerübergreifenden Projektstudiums das nötige Fachwissen exemplarisch und handlungsorientiert zur Bearbeitung vorgegebener, praxisrelevanter Problemfelder unter tutorieller Beratung und Betreuung selbst erarbeiten. Anhand eines zu lösenden Problemfeldes versuchen die in Teams organisierten Lernenden selbst, dieses näher zu klassifizieren, Hypothesen zu bilden und anhand dessen sich Lernziele zu definieren, um die nötigen Kenntnisse zur Lösung des zu bearbeitenden Problemfeldes mittels wissenschaftlicher Methoden zu erwerben. Dabei wird die Eignung der gewählten Ansätze überprüft und bewertet. In dieser i.d.R. zwei- bis viersemestrigen Phase "reifen" die Schlüsselqualifikationen (sozial-kommunikative Fähigkeiten, Kreativität, vernetztes Denken, Verantwortungsbewußtsein etc.). 3. Die Schwerpunkt-Phase: Ziel dieser Phase ist es, daß Studierende selbständig ihren Studienschwerpunkt wählen und anwendungs- oder forschungsorientiert bearbeiten und abschließen. Dabei finden neben angebotenen Lehrveranstaltungen, die die bisherige "harte" Trennung in Vorlesung, Übung, Tutorium, Seminar und Praktikum aufweichen, wissenschaftliche Lehrgespräche statt. In der Abschlußarbeit wird Wert darauf gelegt, diese Erkenntnisse zu bündeln und anhand eines Themas näher darzulegen. Wenigstens ein Modul in dieser Phase sollte aus einem anderen Fach stammen. Diese Phase ersetzt im Wesentlichen das bisherige Hauptstudium. Ein Studiumsabschluß setzt sowohl das erfolgreiche Absolvieren aller drei Phasen als auch eine hinreichend große Breite und Anzahl an Modulen voraus. Wir halten dabei die Einführung neuer Abschlußgrade (wie z.B. Bachelor und Master) für wenig hilfreich, da mit solchen Titeln versehene Kurzstudiengänge verstärkt zu Verschulung und Reglementierung neigen, was einer selbstverantwortlichen Studienplanung einerseits und der qualifizierten Besetzung der Tutorien andererseits abträglich ist, kaum gesellschaftlich anerkannt sind und auch international bereits vergebene Abschlüsse gleichen Titels keineswegs gleichartig sind. Vielmehr weist jedes Modul bereits erworbene Qualifikationen nach. Desweiteren bergen diese neue Abschlußgrade die Gefahr einer Aufsplittung des Studiums in berufsqualifizierendem Massenstudium (Bachelor) und wissenschaftlichem Aufbaustudium für wenige, die es sich leisten können (Master). Diese Auftrennung lehnen wir ab. Um die Fortbildung von bereits im Berufsleben stehenden Menschen hinsichtlich neuer, aktuell geprägter Anforderungen zu ermöglichen, ist es notwendig, daß sich die Hochschulen für eine allgemeine Weiterbildung öffnen. Hierzu schlagen die Juso-HSGn die Einrichtung einer separaten Weiterbildungs-Phase vor, die ermöglicht, daß mittels wissenschaftlicher Arbeiten und Kurse Module erworben werden können, die aktuelle Fragestellungen behandeln und neue Herangehensweisen thematisieren. Hier wird jedes einzelne Modul zertifiziert, stellt jedoch keinen eigenen Abschluß dar. Es ist aber möglich, durch eine geeignete Kombination angesammelter Module einen Abschluß zu erwerben, da einmal im Laufe des Lebens (also auch während des eigentlichen Studiums) angesammelte Module ihre Gültigkeit behalten.

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