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Auch Kevin muss können dürfen!

Vor wenigen Jahren sorgte eine Studie einer Erziehungswissenschaftlerin aus Oldenburg für Schlagzeilen: Darin wurden Grundschullehrer*innen danach gefragt, welche Erwartungen sie an Vornamen haben – mit dem Ergebnis, dass bestimmte Vornamen die Bildungschancen massiv beeinträchtigen können. Kinder mit Namen wie Kevin, Mandy oder Justin werden als weniger leistungsstark eingeschätzt als Kinder mit Namen wie Charlotte, Jakob oder Marie. Denn schon Namen gäben Aufschluss auf den sozialen Hintergrund von Kindern, so eine Begründung von Befragten. Eine Reaktion trifft das wohl sehr plakativ: „Kevin ist kein Name, sondern eine Diagnose", antwortete eine Befragte (Kaiser).

Vorurteile über Namen und daraus resultierendes „Schubladendenken" und Beeinflussung der Förderung und Bewertung sind Anzeichen für die ungleichen Chancen in unserem Bildungssystem. Ein Bildungssystem, in dem vor allem die Herkunft über die Bildungschancen entscheidet.

Doch gleiche Bildungschancen sind Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit. Denn gute Bildung ist Grundstein für ein selbstbestimmtes Leben, die Entwicklung von Fähig- und Fertigkeiten und nicht zuletzt Garant für gute Berufschancen. Deshalb dürfen sie auch kein romantisches Zukunftsbild oder gar gesellschaftliches Feindbild mehr sein! Das bedeutet, dass alle über ihre individuellen Bildungsbiographien frei entscheiden können sollten. „Alle müssen können dürfen" ist Voraussetzung und Ziel zugleich. Nur wenn Strukturen geschaffen werden, die darauf ausgerichtet sind, individuelle Stärken zu fördern, die Fähig- und Fertigkeiten junger Menschen zu erkennen und zu unterstützen, dann kann auch gewährleistet werden, dass niemand aufgrund seiner*ihrer Herkunft, aufgrund von Behinderungen, chronischer Krankheiten oder aufgrund von Geschlecht diskriminiert, ausgebremst oder bevorzugt wird.

Die im Juni erschienene 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) lässt viele Rückschlüsse in Bezug auf die Durchlässigkeit im Bildungssystem zu. Der „Bildungstrichter" ist ein markantes Bild für die soziale Selektivität des Bildungssystems. Es zeigt besonders anschaulich, wie unterschiedlich die Bildungschancen von Kindern aus akademischen Elternhäusern (mindestens ein Elternteil hat einen Hochschulabschluss) gegenüber Kindern aus nicht-akademischen Elternhäusern sind. Von der Primarstufe bis zur Studienaufnahme wird der Trichter enger – vor allem für diejenigen aus nicht-akademischen Haushalten. Die Ergebnisse der Sozialerhebung sind erschreckend: Kinder aus akademischen Elternhäusern besuchen 1,8-mal so oft eine gymnasiale Oberstufe wie diejenigen aus nicht akademischen Elternhäusern, von denen überhaupt nur 43 Prozent den Übergang zur Sekundarstufe II schaffen. Noch deutlicher ist der Unterschied beim Hochschulzugang: Nur 23 Prozent der Kinder aus nicht-akademischen Haushalten nehmen ein Studium auf. Dieser Anteil ist bei jungen Menschen mit akademischem Hintergrund 3,3-mal so hoch. Die Herkunft bestimmt noch immer die Bildungschancen. Mit Gerechtigkeit hat das nichts zu tun! Wir wollen, dass alle ihren Bildungsweg individuell gestalten können – und zwar unabhängig davon, woher sie kommen.

Ein gerechtes Bildungssystem kann nicht von jetzt auf gleich geschaffen werden. Die Politik muss auf mehreren Ebenen ansetzen: Es muss deutlich mehr in Bildung investiert werden und die Rahmenbedingungen und die soziale Infrastruktur müssen gestärkt werden. Außerdem muss ein Wandel stattfinden im Verständnis dessen, was gute Lernen und Lehren bedeuten. Das bedeutet im Einzelnen:

Bildung staatlich ausfinanzieren!

Ein wichtiger Schritt hin zu einem gerechteren Bildungssystem ist, dass dessen staatliche Finanzierung deutlich steigt. Die Bildungsausgaben in Deutschland liegen noch immer deutlich unter dem, was tatsächlich für die Ausfinanzierung des Bildungssystems gebraucht würde. Und auch unter dem, was andere Länder investieren. Im OECD-Bericht „Bildung auf einen Blick", der im Juni diesen Jahres erschien, steht es wieder einmal geschrieben: Die Bildungsausgaben in Deutschland prozentual gemessen am BIP liegen genau zehn Prozentpunkte unter dem OECD-Durchschnitt: 2010 wurden in Deutschland 5,8 Prozent des BIP für formale Bildungseinrichtungen ausgegeben, im OECD-Durchschnitt waren es 6,8 Prozent, in Norwegen beispielsweise sogar 7,6 Prozent (OECD, 2013). Die SPD will deshalb jährlich 20 Mrd. Euro mehr in Bildung investieren, um dem Ziel einer staatlichen Ausfinanzierung endlich näher zu rücken.

Durch sinkende Geburtenraten wird die Anzahl der Schüler*innen in den nächsten Jahren sinken. Das darf nicht dazu führen, dass an den Bildungsausgaben gekürzt wird. Vielmehr muss das Geld im Sinne der demografischen Rendite genutzt werden, also im System bleiben und so dazu beitragen, dass gute Lehre und gute Infrastruktur und somit auch gute Bildungschancen geschaffen werden.

Eine Finanzierung von Bildungseinrichtungen über Bildungsgebühren, seien es Kindertagesstätten oder Hochschulen, wirkt nachweislich sozial selektiv und ist daher keine Alternative. Studiengebühren wurden in den letzten Jahren sukzessive abgeschafft und bestehen nur noch in Form von Studienkonten oder Langzeitgebühren in einigen Bundesländern. Wo noch Gebühren existieren, gleich an welcher Stelle im Bildungssystem, müssen sie schleunigst abgeschafft werden. Vor allem im Bereich der frühkindlichen Bildung ist eine Selektion aufgrund der finanziellen Möglichkeiten von Eltern nicht akzeptabel.

Die richtigen Rahmenbedingungen schaffen!

Für eine solidarische, offene Gesellschaft und ein gerechtes Bildungssystem, wie wir sie uns vorstellen, ist es nötig, dass nicht nur die Institutionen an sich ausfinanziert werden, sondern auch die soziale Infrastruktur.

Die Sozialdemokratie hat in den 70er Jahren eine Öffnung der Bildungslandschaft vorangetrieben. Durch das BAföG als Vollzuschuss hat sie dafür gesorgt, dass Hochschulen für die breite Gesellschaft zugänglich wurden. Das BAföG ist das zentrale Element für einen Aufstieg durch Bildung. Doch es ist längst nicht mehr das Studienfinanzierungsinstrument Nummer eins, sondern liegt hinter Unterstützungen durch die Eltern und dem eigenen Verdienst. Nur rund ein Drittel der Studierenden erhält BAföG – ein BAföG, was nach der Regelstudienzeit ausläuft, das Studierende verschuldet ins Leben starten lässt und dadurch zusätzlichen Druck verursacht. Die 20. Sozialerhebung des DSW zeigt aber, dass für über 80 Prozent der Studierenden gerade aus bildungsfernen oder sozial benachteiligten Familien ein Studium ohne den Bezug von BAföG nicht möglich ist. Um weiterhin den Aufstieg durch Bildung zu gewährleisten, braucht es eine umfassende Reform des BAföG, die auch die Struktur neu ordnet. Dabei muss auch das BAföG für Schüler*innen wiederbelebt und wieder zu einem Instrument für mehr soziale Gerechtigkeit werden!

Um jungen Menschen ein unabhängiges Leben zu ermöglichen, welches sich an ihren Bedürfnissen orientiert, muss sichergestellt sein, dass sie auf eigenen Beinen stehen und in ihren eigenen vier Wänden leben können! Wohnungsnot ist vielerorts ein reales Problem, steigende Mieten und teure Courtagen für Makler*innen übersteigen häufig das Budget junger Menschen. Studierende stehen immer wieder spätestens zum Start des Wintersemesters vor dramatischen Engpässen, was nicht selten in Turnhallen-Notunterkünften gipfelt. Dabei ist die Wohnraumsituation kein alleiniges Problem der sogenannten Metropolen. Auch in kleineren Städten wird bezahlbarer Wohnraum immer weiter aus den Zentren in weniger attraktive äußere Stadtteile oder Vororte verdrängt. Wir wollen, dass mehr in den Bau von Studierendenwohnheimen und sozialen Wohnungsbau investiert wird. Ein Bund-Länder-Programm zum Bau von 250.000 zusätzlichen Wohnheimplätzen, wie die SPD es umsetzen will, wäre dafür ein guter Anfang. Ebenso setzt sich die SPD dafür ein, dass steigende Mietpreise durch eine Obergrenze gedeckelt werden und dass die Courtage für Makler*innen von denen gezahlt wird, die die Makler*innen engagieren.

Ein neues Verständnis von Lernen und Lehren!

Die Ökonomisierung der Bildung, die Einengung des Bildungsbegriffs auf Beschäftigungsfähigkeit, die Fokussierung auf Abschlüsse und internationalen Wettbewerb ist tief verwurzelt im politischen Handeln und dies spiegelt sich auch in den Reformen der letzten Jahre wider. Wir wollen ein anderes, ein besseres und gerechteres Bildungssystem, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt. In unserer Vorstellung soll Bildung vor allem dazu befähigen, kritisch zu hinterfragen, solidarisch zu handeln und sich unabhängig von Herkunft frei zu entfalten.

Doch junge Menschen stehen ständig unter Strom, sind gestresst, nicht selten folgen gesundheitliche Probleme. Und das beginnt schon in der frühen Kindheit: Bereits in der Grundschule leiden Schüler*innen unter Stress und Leistungsdruck. Rund zwei Drittel der Zweit- und Drittklässler*innen fühlen sich laut einer Studie des Kinderschutzbundes durch die Schule gestresst. Zu viele Tests, zu viele Hausaufgaben überfordern Kinder im jungen Alter und lassen die Schulzeit zur Belastungsprobe werden. Zudem werden in der Grundschule die Weichen für den zukünftigen Bildungsweg gestellt, was zusätzlichen Leistungs- und Erwartungsdruck bei den Schüler*innen, aber vor allem auch bei Eltern erzeugt. Durch die Einteilung in drei Schularten wird schon früh über die Bildungsbiographien von Kindern entschieden. Und einmal entschieden, sind die Chancen gering, zwischen den Schulformen zu wechseln. Denn nur drei Prozent der Schüler*innen wechseln überhaupt während der Sekundarschulzeit die Schulform, vor allem in niedrigere Schulformen. Die Durchlässigkeit ist im Endeffekt nur nach unten gegeben (Dombrowski/Solga, 2009). Um ein wirklich gerechtes System zu schaffen, muss die Gemeinschaftsschule wieder zentral in die bildungspolitische Debatte gerückt und als einzige Schulform etabliert werden.

Und auch Hochschulen sind zu Orten des „Bulimie-Lernens" geworden, zu Orten, in denen junge Menschen einem Abschluss hinterherhetzen und wo kritisches Denken und eigene Interessen kaum noch eine Rolle spielen.

Wir wollen, dass individuelle Förderung und gute Lehre in den Fokus bildungspolitischer Anstrengungen gerückt werden. Die Bildungsforschung hat viel dazu geforscht, wie besseres Lernen und Lehren funktionieren kann. Fächerübergreifendes Lernen, Lernen anhand konkreter Projekte oder problembasiertes Lernen sind keine neuen Erfindungen[1]. Beispielsweise wurde problemorientiertes Lernen als Form des entdeckenden und interdisziplinären Lernens bereits 1976 an der Medizinischen Fakultät der Universität Maastricht, in den letzten Jahren auch an Hochschulen wie der Universität Bochum oder der Charité Berlin im Bereich Medizin eingeführt. Konzepte liegen auf dem Tisch, allein der politische Wille, sie umzusetzen, fehlt bislang. Die SPD will laut Regierungsprogramm mehr Ganztagsschulen schaffen, die es ermöglichen, Schule nicht nur als Unterricht, sondern auch als Ort sozialen Zusammenlebens, der Förderung eigener Schwerpunkte und die Gestaltung von Freizeit durch breite Angebote zu fördern. Außerdem legt sie einen Schwerpunkt auf gute Lehre will im Bereich der Lehre an Hochschulen den Qualitätspakt Lehre deutlich stärken.

Ein gutes Bildungssystem versetzt junge Menschen in die Lage, ihre eigenen Stärken und Schwächen kennen zu lernen und sich einen Überblick über Möglichkeiten zur weiteren (Aus-)Bildung zu verschaffen. Es soll Schüler*innen ermutigen, ihren Weg zu gehen, ihren Interessen zu folgen und gleichzeitig aber auch (finanzielle) Sicherheit geben und die entsprechenden Kapazitäten zur Verfügung stellen. Berufliche wie akademische Bildung bieten auf ihre Art verschiedene Qualifikationen, die gleichwertig nebeneinander stehen. Alleine auch aus dieser Logik heraus muss uneingeschränkte Durchlässigkeit bestehen! Lebenslanges Lernen, wie es nicht erst seit der Bologna-Reform immer wieder propagiert wird, kann nicht bedeuten, dass irgendwann eine künstliche Grenze der weiteren Qualifikation erreicht ist. Vielmehr muss es bedeuten, dass es jederzeit möglich ist, sich weiter zu bilden, egal ob im beruflichen oder akademischen Feld. Das muss auch für Kevin gelten! Und für Mandy! Und für Marie!

Studien wie PISA, das Engagement der Bildungsstreikbewegung der letzten Jahre und nicht zuletzt auch die Diskussion um die Schulzeitverkürzung von Gymnasien auf 8 Jahre hat in den letzten Jahren haben in letzter Zeit verschiedene und unterschiedlich zu bewertende punktuelle Reformen zur Folge gehabt. Doch was ausbleibt, ist eine breite Diskussion darüber, was für uns eigentlich ein gutes Bildungssystem ist. Welche Idee von Bildung, welche Ziele wir verfolgen und welche Aufgaben ein Bildungssystem in unserer Gesellschaft übernehmen sollte. Was wir brauchen ist eine Vision. Eine Vision von guter Bildung, eine Vision einer gerechten Gesellschaft.

In einigen Bereichen findet eine Öffnung statt: Das Verständnis von inklusiver Bildung nimmt zu, auch wenn die Mittel und Maßnahmen zur Umsetzung noch immer zu wünschen übrig lassen. Außerdem studieren so viele junge Menschen wie nie zuvor; erstmals wurde im Wintersemester 2011/2012 die halbe Million Studierende geknackt.

In einem sozialdemokratischen Verständnis muss Bildung die höchste Priorität  eingeräumt und Chancengleichheit im Bildungssystem endlich geschaffen werden. „Aufstieg durch Bildung" forderte die SPD unter Willy Brandt – und schaffte die Öffnung des Bildungssystems. Dazu gehörte vor allem eins: Mut! Das Regierungsprogramm zur Bundestagswahl zeigt viele gute Punkte auf, die ein gerechteres Bildungssystem schaffen können: Gebührenfreiheit von der Kita bis zur Hochschule, mehr Durchlässigkeit, mehr Ganztagsschulen, inklusive Bildung und eine Ausbildungsplatzgarantie, ein starkes BAföG für Schüler*innen und Studierende – all das sind viele gute Forderungen, die Voraussetzungen für mehr soziale Gerechtigkeit sind. Es braucht vor allem Mut, um diese Forderungen wirklich umzusetzen – und noch weiter zu gehen. Schwarz-Gelb hat in den letzten Jahren das Gegenteil bewiesen. Die Bundesregierung hat keine Antworten auf die sozialen Fragen, keine Vision, das Bildungssystem weiterzuentwickeln und ein elitäres Gesellschaftsbild, das sich mit gleichen Bildungschancen für alle nicht vereinen lässt. Deshalb ist es an der Zeit, diese Regierung abzuwählen. Damit alle können dürfen.

Nachweise:

Beisenkamp, Anja et al. (2012). Elefanten-Kindergesundheitsstudie 2011. Im Internet verfügbar: https://dl.dropbox.com/u/13038373/ELEFANTEN/Elefanten-Kindergesundheitsstudie%202012.pdf.

Dombrowski, Rosine, Solga, Heike (2009). Soziale Ungleichheiten in schulischer und außerschulischer Bildung, Düsseldorf: Hans Böckler Stiftung, Online verfügbar: http://www.boeckler.de/pdf/p_arbp_171.pdf.

Kaiser, Astrid. Vornamensstudie, im Internet http://astrid-kaiser.de/forschung/projekte/vornamensstudien.php

Middendorff, Elke et al. (2013). Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2012. 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks durchgeführt durch das HIS-Institut für Hochschulforschung. Bonn/Berlin: Bundesministerium für Bildung und Forschung.

OECD (2013), Education at a Glance 2013: OECD Indicators. OECD Publishing. im Internet verfügbar: http://dx.doi.org/10.1787/eag-2013-en

Reinert, Marie-Christine, Rothe, Kerstin (2011). Lernen neu lernen: Alternativen zur Ökonomisierung. Berlin: Vorwärts.

[1] Ausführliche Gedanken dazu finden sich im Buch „Lernen neu lernen: Alternativen zur Ökonomisierung" von Marie-Christine Reinert und Kerstin Rothe.

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