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Brasilien muss man sich leisten können

von Wladimir Leuschner

 

Sonne, Samba, Fußball - das ist die gängige Vorstellung von Brasilien, doch das Leben dort sieht oftmals anders aus. Eine starke soziale Ungleichheit zeichnet das Leben in Brasilien aus. Eine Busfahrt durch Porto Alegre reicht, um 100 Meter neben selbstgezimmerten Häusern aus Abbruchmaterialien auf luxuriöse Villen zu stoßen, die gefühlt besser bewacht sind als Fort Knox. Doch nicht alle Menschen in Brasilien haben den Luxus einer überdachten Unterkunft. Man muss schon ignorant oder blind sein, um die vielen Obdachlosen in den Straßen von Porto Alegre zu übersehen. Um sich die nötigsten Sachen kaufen zu können, betteln sie oder durchsuchen die Müllcontainer nach Plastik und Aluminium, das dann kiloweise verkauft wird. Pünktlich zur WM versucht die Regierung, das unangenehme Bild von Brasilen zu verstecken und die Obdachlosen zu vertreiben.

Lesen, Schreiben, Rechnen – Mehr brauche ich nicht

Doch aus dieser Armut herauszukommen, ist in Brasilien gar nicht so einfach. Bildung ist ein Gut für die Elite. Wer nicht auf eine Privatschule gehen konnte, hat bei den Aufnahmetests für die staatlichen Universitäten, den Vestibularen, eine schlechte Ausgangsposition. Kinder aus der Mittelschicht können auf private Universitäten ausweichen, die hier in Brasilien paradoxerweise einen schlechteren Ruf haben, als die kostenfreien staatlichen. Auch für die Aufnahmetests wird viel Geld in Vorbereitungskurse investiert. Es ist üblich, vor dem Aufnahmetest einen einjährigen Vorbereitungskurs zu besuchen. Erstmal auf der Universität angekommen, gibt es auch keine finanzielle Unterstützung des Staates für die Studierenden. So kommt es oft vor, dass Studierende bis zum Ende ihres Studiums im Elternhaus leben. Das Sammelbecken für die Aufsteiger*innen in Porto Alegre ist die katholische Privatuniversität PUCRS.

„Ist nur ein Herzinfarkt, das hat Zeit“

Auch das öffentliche Gesundheitssystem in Brasilien ist nicht auf Prävention ausgelegt. So warten Brasilianer*innen teilweise ein halbes Jahr, um einen Termin bei einem Arzt zu bekommen. Oftmals ist aus den kleinen Krankheiten in dieser Zeit schon etwas Ernstes geworden. Doch auch in Notfällen, die nicht sofort ersichtlich sind, kann stundenlanges Warten im Krankenhaus nötig sein. Wer es sich leisten kann, weicht auf die Privatkliniken aus, wo die hygienischen Standards deutlich höher sind und man auf einen Termin nicht lange warten muss.

Studiengang: „Busfahren in Porto Alegre“

Doch auch das Erreichen der Stationen des täglichen Lebens gestaltet sich dank eines schlecht ausgebauten Verkehrssystems schwierig. Den richtigen Bus zu finden, das ist hier fast schon ein Studium für sich. Es gibt keine Fahrpläne und Informationen über Busstationen. Auch Ansagen im Bus über die nächste Bushaltestelle gibt es nicht. Hinzu kommen noch die zur Rush-Hour hoffnungslos überfüllte Busse, die eher einem Viehtransport ähneln. Für diesen Service bezahlt man in Porto Alegre vergleichsweise viel. Es gibt keine Monatskarten und jede Fahrt muss einzeln bezahlt werden. Bei knapp 3Reais, knapp 1€, für einen Bus wird die Mobilität deutlich eingeschränkt. Doch auch hier gibt es Abhilfe, sofern genug Geld vorhanden ist: Wer es sich leisten kann, fährt ein eigenes Auto in Porto Alegre. Zwar hat Porto Alegre nur die Hälfte der Einwohner*innen Berlins, aber es sind gefühlt genauso viele Autos auf den Straßen wie dort.

„Das ist ein Raubüberfall“

Die starke soziale Ungleichheit in Brasilien lässt auch die Kriminalitätsrate steigen. Tagsüber in den Park? Kein Problem! Doch nachts wandelt sich die Stadt. Alleine auf menschenleeren Straßen laufen ist stets mit der Gefahr eines Überfalls verbunden. Öffentliche Parks sind zu dieser Uhrzeit auch Gebiete, die man am besten weiträumig meidet, wenn man nicht unbedingt die Erfahrung eines bewaffneten Raubüberfalls machen will. Dies führt vor allem in der Mittelschicht zu einem Gefühl der Unsicherheit, was sich auch im Straßen- und Stadtbild ausdrückt. Es gibt kaum Wohnhäuser, die nicht mindestens ein Stahltor besitzen. Auch Elektrozäune und Natodraht sind weit verbreitet. Teurere Wohnhäuser haben auch einen 24/7 Wachdienst, denn das Vertrauen auf die Polizei ist hier nicht sehr groß. Die unterbezahlten Polizist*innen verdienen sich gerne auch etwas dazu, sei es mit Schmiergeldern oder durch direkte Teilnahme am Drogengeschäft.

Ein Haus auf dem Hügel

In den Armutsvierteln in Rio de Janeiro herrschen schon seit Jahren bürgerkriegsähnliche Zustände. Die Drogengangs kämpfen um ihre Verteilungsgebiete mit schwerem Kriegsgerät. Pistolen, Sturmgewehre und Granaten, alles vorhanden und oftmals im Besitz von Minderjährigen. Dies dient dem Schutz des Drogenverkaufs im Viertel, der in den Favelas offen auf der Straße stattfindet. Da der Staat in diesen Vierteln kaum Präsenz zeigt, haben die Drogenbanden auch die Aufgabe der Justiz übernommen. So werden teilweise marginale Straftaten mit grausamer Lynchjustiz bestraft. Um sich die Zustimmung der Bevölkerung zu sichern, organisieren die Drogenbanden auch soziale Events, wie Funk-Bailes und Sambaschulen. Um den Drogenhandel einzudämmen wurde in Rio de Janeiro die B.O.P.E., eine Spezialeinheit der Polizei, gegründet, die regelmäßig die Favelas stürmt, um Drogenverkäufer*innen zu stellen. Diese Spezialeinheit ist besonders auf den Häuserkampf in den Favelas geschult. Die B.O.P.E. erschießt bei ihren Einsätzen primär Drogenhändler*innen, doch nicht selten trifft es auch Unbeteiligte. Neben dem Krieg in den Favelas haben die Favelabewohner*innen mit Infrastrukturproblemen zu kämpfen. Die meisten Häuser sind nicht an die offiziellen Wasserrohrleitungen angeschlossen, Strom wird durch gegenseitiges Abzapfen in die Häuser gebracht.

„O meu Brazil é um país tropical“

Die sozialen Probleme in Brasilien, insbesondere die Probleme in den Favelas, finden außerhalb der Wahrnehmung der Tourist*innen statt. Für die WM wurden Infrastrukturmaßnahmen versprochen, die bis heute nicht durchgesetzt worden sind. Vielmehr wurde Geld für den Bau von Stadien ausgegeben, die nach der WM keine Nachnutzung mehr haben. Die damit verbunden Proteste haben weltweit Aufmerksamkeit erhalten und werden die Situation hoffentlich nachhaltig verbessern.

Wladimir ist 22 Jahre alt und studiert Informatik an der TU-Berlin. Seit März ist er für 3 Semester an der UFRGS in Porto Alegre in Brasilien und erlebt die Situation gerade vor Ort.

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