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Fußball sollte versöhnen, nicht spalten

von Mirko Kruse

Man muss nicht zu den  Fußballexpert*innen gehören , um angesichts der massiven Werbeeinwirkung der letzten Wochen bemerkt zu haben, dass die Fußball-Weltmeisterschaft vor der Tür steht. Es scheint, als käme kaum noch ein Produkt ohne entsprechende „Aufwertung“ aus, selbst wenn der Bezug noch so absurd daherkommt, wie die deutsche Nationalmannschaft in einem Spot der Commerzbank. Bewusst wird ein Gemeinschaftsgefühl angesprochen, mit dem sonst bevorzugt konservative bis rechte Parteien hantieren. Hierbei kommt dem Sport allgemein und Fußball im Speziellen eine Sonderrolle zu. Dabei wehren sich die Verantwortlichen des DFB energisch gegen jegliche (vermeintliche) Vereinnahmung, wobei der aktuelle Höhepunkt dieser Bemühungen wohl jüngst im Überhängen des Schriftzugs „Kein Fußball den Faschisten“ bestand. Deutlich ist die Motivation zu erkennen, Fußball zwecks optimierter Vermarktbarkeit als völlig apolitisches Produkt zu etablieren, weshalb Werbung zwar erwünscht ist, politische Aussagen jedoch nicht geduldet werden.

In der Theorie trifft diese Haltung auch für den*die gemeinen Fan zu, der*die Fußball aus ästhetischen Gründen schätzt und diesem keine höhere Bedeutung zumisst. Ein Blick in die Fankurven bei Spielen der Nationalmannschaft führt einem die Realitätsferne dieser Annahme jedoch schlagartig vor Augen: Abseits vom „Party-Patriotismus“ der Fanmeilen trifft sich hier eine Klientel, die die Anonymität der Masse nutzt, um ihrem Nationalismus zu frönen. [1]Diejenigen, die rassistische Gesänge anstimmen und den Hitlergrußzeigen, sind natürlich eine Minderheit, aber eine akzeptierte. Wirklich erschreckend ist, dass sich andere Fans einen Scheißdreck darum kümmern.. [2] Die Realität straft die Vorstellung Lügen, Fußball sei unpolitisch. Vielmehr spielt diese verharmlosende Haltung rechten Strukturen massiv in die Karten.

Natürlich ist nicht jede*r Fußballfreund*in automatisch gleichzeitig auch ein*e Freund*in rechten Gedankengutes. Außerdem würde wohl niemand ernsthaft einem fußballbegeisterten Menschen sein Vergnügen absprechen wollen – von der Erfolgswahrscheinlichkeit ganz abgesehen. Gerade ein Turnier wie die Fußball-Weltmeisterschaft, bei der Teams verschiedener Nationen gegeneinander antreten, bietet jedoch den idealen Nährboden für nationalistische Agitation. Eine internationale Sportveranstaltung zu einem Wettstreit von Nationen nach sozialdarwinistischer Denkweise zu stilisieren liegt nahe, denn natürlich impliziert die Betonung der eigenen sozialen Gruppe zwangsläufig die Verwehrung der Zugehörigkeit für andere. Gerade im Fußball sind Vorurteile und die Verbindung von Nationalität und Verhaltensmustern weit verbreitet („Engländer können keine Elfmeter schießen“, „Italiener sind Schwalbenkönige“ usw. usf.). Auf diese Weise werden bewusst oder unbewusst Abgrenzungen geschaffen und bestehende Ressentiments verstärkt, die sich in der enthemmten, katalysierenden Fußballumgebung besonders einfach manifestieren. Dass es auch anders geht, zeigen die Beispiele zahlreicher Ultra-Gruppierungen, die sich aktiv gegen Diskriminierung im Fußball und darüber hinaus engagieren.

Tatsächlich ist das Denken in Konkurrenz unmittelbar im kapitalistischen System angelegt, in dem es immer darum geht, der*die Beste, Schnellste oder Erfolgreichste zu sein. Natürlich würde Sport allgemein ohne Wettstreit kaum funktionieren – seien wir ehrlich, „dabei sein“ reicht den Wenigsten. Diese Prägung zu überwinden würde jedoch eine grundsätzliche Systemdebatte voraussetzen und dürfte in naher Zukunft ein vergebliches Unterfangen bleiben. Die Mehrheit der Fußballbegeisterten hierzulande beweist jedoch, dass Konkurrenz nicht zwingend bedeuten muss, die eigene Gruppenzugehörigkeit derart zu überhöhen, dass Selbstbestätigung in der Abwertung anderer gesucht wird.

Und doch gibt es Menschen, die Fußball eben nicht „sportlich“ sehen und über ironische Seitenhiebe gegen andere Teams weit hinausgehen. [3] [4] Wieso aber sollte man direkt in Antipathie verfallen, wenn es um Fußball geht? Verbindet mich mit Fußballfreund*innen aus aller Welt nicht viel mehr als mit vielen anderen, die sich nicht für Fußball interessieren aber im gleichen Land geboren sind? Letztlich muss es doch möglich sein, die Gemeinsamkeiten abseits von Staatenzugehörigkeit zu erkennen – nämlich Vergnügen daran zu empfinden, 22 Menschen dabei zuzusehen, wie sie  einer Kugel hinterherlaufen. Für zumindest 90 Minuten der Hektik des Alltags zu entfliehen und ein schönes Spiel zu sehen. Es darf daher nicht einigen Ewig-Gestrigen überlassen bleiben, den Fußball zu benutzen, dort Grenzen zu ziehen, wo die Gemeinsamkeiten viel größer sind. Fußball sollte versöhnen, nicht spalten.

Mirko Kruse ist 22 Jahre alt, Fußballfan und VWL-Student an der Hochschule Bremen


1) http://www.publikative.org/2012/06/22/eine-u-bahn-von-lemberg-bis-nach-auschwitz/
2) http://www.taz.de/!96011/
3) http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-07/neonazis-fussball-wm
4) http://www.fanprojekt-leipzig.de/fileadmin/bilder/StrategienGegenDiskriminierungen_01.pdf, S.13f.

 

 

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