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Fußball – ein Arbeiter*innensport?

von Julian Muhs und Johanna Gebhardt

 

Von Anfang an –die Geschichte des Fußballs als Arbeiter*innensport?

„Wir wollen Volkssport treiben; da hat der Sieg nur eine untergeordnete Bedeutung, viel höher stehen Ehre und Ansehen“, so formulierte der Arbeiter-Turn und Sportbund (ATSB) seine Ziele. Fußball war als Sport der Bürgerlichen und Besserverdienenden unter Arbeiter*innen lange Zeit verpönt. Dieser leistungsorientierte und mit Wettkampfcharakter besetze Sport entsprach nicht dem gemeinschaftlichen Denken der Arbeiter*innenbewegung. Lange Zeit sollte Fußball den Abiturient*innen und Studierenden vorbehalten sein, der Essener Turnerbund Schwarz-Weiß wurde unter Anspielung auf das elegante und teure Spitzenschuhwerk „Lackspitzenclub“ genannt. Auch wenn der Fußball unter Arbeiter*innen mit der Zeit mehr Fans und auch Spieler bekam, so waren kurz vor der Zerschlagung sozialdemokratischer Vereine durch das Nazi-Regime im ATSB rund 130.000 Fußballer in 8.000 gemeldeten Mannschaften aktiv, der bürgerliche Deutsche Fußball-Bund konnte fast eine Millionen Spieler zählen. Nichtsdestotrotz hat der ATSB dazu beigetragen, dass Fußball auch unter Arbeiter*innen akzeptiert wurde. Dabei grenzten sie sich aber bewusst zum bürgerlichen DFB ab und legten besonderen Wert auf Freundschaft, Fairness und gegenseitigen Respekt, so wurden beispielsweise unberechtigte Vorteile durch Schiedsrichterentscheidungen per se abgelehnt. Wenn Wechsel von Arbeitern aus dem ATSB zu einem bürgerlichen Verein stattfanden, so kamen diese aber im Gegenzug auch einem Klassenverrat gleich. Nachdem Erwin Seeler, der Vater von Uwe Seeler, zu Victoria Hamburg wechselte schrieb das sozialdemokratische Hamburger Echo unter dem Titel “Verirrte Proletarier!” die Zeilen: „Lorbeer und die Bewegung aber weinen Euch keine Träne nach; wir sind eine Massenbewegung und keine Kanonenzuchtanstalt!“

 

Der DFB heute –noch immer bürgerlich-reaktionär?

Seit dem ATSB gibt es praktisch keine Alternative mehr zum mittlerweile 6,8 Millionen Mitglieder zählenden DFB. Ganz anders in Österreich: Hier hat sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs der ASKÖ, die Arbeitsgemeinschaft für Sport und Körperkultur in Österreich wiedergegründet und ist jetzt größter österreichischer Sportdachverband.

Der DFB hingegen ist seit 1933 ohne Konkurrenzverband, abgesehen von einigen “Bunten Ligen”, die sich frei auf Landesebene organisieren.

Fußball und auch der DFB bilden aber heutzutage über ihre Mitgliederstruktur anteilig viel mehr der Gesellschaft ab, als lediglich das bürgerliche Milieu, das sie noch um 1900 repräsentierten. Die Arbeiter*innenvereine, die sich nach 1945 neugegründet oder wiedergegründet haben sind jetzt ebenso im DFB organisiert wie  Migrant*innensportvereine wie Türkiyemspor Berlin, oder aber auch der links-alternative Sportverein Roter Stern Leipzig. Die Führungsetage von DFB und DFL unterscheidet sich hingegen kaum von anderen gut bezahlten und hoch angesehenen Posten. Hier dominieren männliche, weiße Menschen, aus bürgerlichem Hause oder ehemalige Fußballer, die während ihrer Karriere ebenfalls einen bequemen Lebensstandard erreicht haben. Die einzige Frau im Präsidium des DFB ist, wie sollte es anders sein, für Frauen- und Mädchenfußball zuständig.

Der Fußball-Weltverband FIFA hingegen hat sich mittlerweile von jeder Lebensrealität vieler ärmerer Menschen verabschiedet. Hier geht es fast nur noch um die Vermarktung von Fußball und den Großereignissen, auch zum eigenen Vorteil. Es stehen diverse Korruptions- und Veruntreuungsvorwürfe im Raum und die selbstauferlegte soziale Verantwortung der FIFA geht nicht über Imagekampagnen für Fairplay und Antirassismus, sowie Schaufensterprojekte der Sportförderung hinaus. Im Vorfeld der Vorbereitungen zur WM 2022 in Katar spricht Amnesty International von Sklav*innenarbeit in den Stadien und menschenunwürdigem Umgang insbesondere mit Gastarbeiter*innen. Auch die Vergabe der WM an Russland 2018  stößt vielerorts auf Kritik.

In diesem internationalen Zusammenhang ist auch vom DFB nicht viel Gegenwehr zu hören, wie das vielleicht bei einem auf internationale Arbeiter*innen-Solidarität setzenden Verband der Fall gewesen wäre. Beckenbauer, der bis 2010 für den DFB und die UEFA im Exekutivkomitee der FIFA saß, sagte bezüglich der Kritik an den Arbeitsbedingungen in Katar gar, er habe “noch keine Sklaven gesehen”. All das lässt auf wenig Verbundenheit des institutionalisierten Fußballs mit der arbeitenden Bevölkerung schließen. Schlussendlich haben auch der DFB und seine Repräsentant*innen sich von den vom Sportsgeist beseelten Idealen des Arbeiter*innensports entfernt.

 

Vom Fernseher in die Loge, Vom Dorfverein zum Retortenclub –Geld im Fußball

Die Tendenz zum Fußball als Massensport lässt sich auch bei den Beobachter*innen von Großereignissen, wie der Weltmeisterschaft finden. So gaben 2010 circa 70% der durch das Sinus-Institut befragten Haushalte an, sich die Fußball-WM ansehen zu wollen. Dabei finden sich die am stärksten Interessierten vorwiegend im “Etablierten-Milieu” und im “Traditionellen Milieu”, dem ehemaligen Arbeiter*innenmileu, wieder. Trotz dessen herrscht zu fußballerischen Großereignissen in nahezu alle gesellschaftliche Milieus mindestens geringes Interesse am Finale. Besonders interessant in diesem Zusammenhang ist die “Erlebniskultur-Fußball”, die auch in höheren Einkommensschichten stattfindet. Auch linke Anti-Establishment-Vereine, wie der FC St. Pauli haben das erkannt und setzen auf teurere Sitzplätze und Logen, die vornehmlich an Werbepartner*innen vergeben, oder im freien Verkauf von Firmen und reichen sogenannten “Edelfans” erworben werden. So bleibt immer weniger Platz in den Stadien für finanziell schwächer gestellte Menschen oder solche, denen Fußball einfach weniger wert ist.

Diese Problematik spielt auch jetzt in Brasilien eine gewichtige Rolle. Das alte 200.000 Stehplätze fassende Estádio do Maracanã wurde auf lediglich 73.000 Plätze reduziert, was einen enormen Preisanstieg der Karten zur Folge hatte. Der durchschnittliche Preis für einen Platz bei einem WM-Gruppenspiel liegt offiziell bei 69€, für ein Bundesligaspiel bei durchschnittlich circa 34€ und das Champions-League-Finale 2015 kostete auf dem günstigsten Platz offiziell 70€. Über Resale-Ticketbörsen wie “Viagogo.de” werden erwartungsgemäß allerdings mindestens 2000€ dafür aufgerufen werden. Bei solchen Preisen bleibt vielen ärmeren Menschen nur der Fernseher zuhause oder bei Freund*innen.

Ähnlich verhält es sich mit der finanziellen Ausstattung von Vereinen. Ohne Firmensponsoring und meist auch durch Anteilsverkäufe, lässt sich in den hohen europäischen Ligen nicht mehr kompetitiv Fußball spielen. Der Fußball selbst ist zu einem großen Geschäft geworden, in dem die ehemaligen „Anstandsregeln“ des Arbeiter*innensports nur noch durch Fair-Play-Wertungen und Imagekampagnen der Werbepartner*innen ihre Daseinsberechtigung erfahren. Einige Fußballbegeisterte wenden sich aber auch ganz selbstbewusst gegen die Kommerzialisierung und wandern ab zu kleinen Vereinen im Amateurbereich. Ein Großteil der Altona 93 Fans war früher einmal St. Pauli zugewandt. Nach diversen Umbaumaßnahmen des Stadions und Wechseln der Vereinsführung und in der Mannschaft versuchen sie nun, den “ehrlichen Fußball” ohne das große Geld zu finden.

Im modernen Spiel selber allerdings lassen sich wieder erste Elemente “linken” Fußballs finden. So schreibt Bernd Rebhandl im Freitag vom egalitären Moment des zeitgenössischen Fußballs und meint damit den Anspruch an jede*n Spieler*in, ein Vielfaches an fußballerischen Aufgaben für seine*ihre Mitspieler*innen zu übernehmen und auch körperlich an sein*ihre Grenzen zu gehen.

Moderne Teams spielen als Kollektiv, vielleicht auch im Sinne der Fußball-Pionier*innen des Arbeiter*innensports.

 

Julian Muhs ist 22 Jahre alt und studiert im 4 Fachsemester den B.A. Public Administration, Johanna Gebhardt ist 24 Jahre alt und studiert im 2. Fachsemester im Master Politikwissenschaft, beide an der Uni Münster. 

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