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Homophobie hat auch im Fußball keinen Platz

Grenzenlose Fußball-Liebe braucht Spieler*innen, die diskriminierungsfrei lieben dürfen!

von Annika Klose

Beim Fußball wird gemeinsam gehofft, gefeiert und getrauert.  Kaum ein Sport schafft es, die Massen so sehr zu begeistern und Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten zu einer Hoffnungs- und Leidensgemeinschaft zusammenzuschweißen. Wahre Fans stehen alles zusammen durch und begleiten ihr Team durch dick und dünn. Egal, was passiert, die Mannschaft wie auch die Spieler*innen werden immer unterstützt. Das ist echte Leidenschaft.

Innerhalb der Teams können sich die Spieler*innen zu Hause fühlen: bei Großturnieren entsteht eine besondere Verbundenheit, das so genannte „Teamgefühl“, vergleichbar mit einer Großfamilie auf Zeit. Beim Training fordert man sich gegenseitig heraus, beim Feierabendgetränk spricht man sich Mut zu, beim Spiel lässt man sich gemeinsam bejubeln.

Doch für manche Spieler*innen ist diese Traumwelt der Massen ein ganz persönlicher Alptraum. In steter Angst, entdeckt zu werden, müssen sie tagtäglich eine Lüge leben. Über sexistische Sprüche am lautesten lachend und auf dem Platz am härtesten foulend sind vor allem viele männliche Profis dazu gezwungen, ihre wahre Identität zu verstecken – bloß keinen Zweifel an ihrer „Männlichkeit“ aufkommen zu lassen. Das ständige Misstrauen, Verstecken und Schauspielen kostet Kraft und Nerven. Dies geht so weit, dass Betroffene oftmals erhebliche psychische Belastungen und Einbußen bei ihren sportlichen Leistungen verzeichnen. Wer sich dem Druck nicht gewachsen sieht, verzichtet eher auf eine Profilaufbahn, als ein Outing zu riskieren.

Obwohl die Liebe zum Fußball keine Grenzen kennt, ist die Liebe im Fußball strengstens untersagt. Während das „Fair Play“ miteinander und gegenseitige Unterstützung im Sport groß geschrieben werden, müssen homosexuelle Profis bis heute in steter Angst vor ihren Mitspieler*innen und der Öffentlichkeit leben. Entdeckt zu werden, das könnte nicht nur Hetzkampagnen der Medien und Schmährufe der Fans und Kolleg*innen bedeuten, sondern im schlimmsten Fall gar das Ende der Karriere. Die Held*innen, für die man als Fan selbst in den bittersten Momenten einsteht? Dieses Ideal scheint in Bezug auf homosexuelle Spieler*innen nicht zu gelten.

Mit der Fußballweltmeisterschaft wird derzeit eine Veranstaltung gefeiert, die Vielfalt, Toleranz und Respekt propagiert. Gleichzeitig aber kann sich die Fußballwelt nicht dazu bewegen, den eigenen Spieler*innen ausreichend Toleranz entgegen zu bringen, sodass auch sie in ihrer Liebe frei sein können. Warum ist das so?

Fußball ist ein Breitensport und wird deshalb oft als Abbild der Gesellschaft gesehen.  Obwohl wir genau dort in Fragen der sexuellen Orientierung einen fortschrittlichen und  liberalem Trend erkennen können, scheint sich beim Fußball ein archaisches Konzept von Geschlechterstereotypen zu konservieren. Hier müssen Männer noch immer die „harten Machos“ sein. Frauen im Fußball dagegen werden häufig als „kämpferische Sonderlinge“ dargestellt, deren Homosexualität in diesem Zusammenhang gerne als Erklärung für ihre „sonderbare“ Neigung zum Fußball instrumentalisiert wird. Bei Männern steht Homosexualität als angebliche Schwäche und „weibliche Seite“ diametral zum traditionellen Spielerbild. So halten sich die Vorurteile, dass homosexuelle Männer nicht gut Fußball spielen könnten oder unerwünschte Erotik und Begehrlichkeiten in eine Mannschaft brächten, weiterhin hartnäckig. Dass es in der Realität allein statistisch bereits ohne Frage zahlreiche homosexuelle Profispieler geben muss, die offensichtlich auch sehr guten Fußball spielen und sich hervorragend in ihre Mannschaften einfügen, ist nur eines von vielen Argumenten, welche diese absurden Thesen widerlegen. In einer aufgeklärten modernen Welt bleibt so der Profifußball hinterwäldlerisch.

Während im Amateur*innenbereich homosexuelle Teams, Respect Gaymes und andere zivilgesellschaftliche Initiativen wichtige Aufklärungsarbeit gegen Homophobie leisten und Zeichen setzen, bleiben die höheren DFB-Funktionär*innen stumm. Statt klarer Ansagen gegen Homophobie und glaubwürdiger Solidaritätsbekundungen mit homosexuellen Spieler*innen, verharren Niersbach, Bierhoff und Co. in allenfalls gleichgültiger Inhaltsleere. Von einem verantwortlichen Umgang mit den eigentlich zu Schützenden kann hier absolut keine Rede sein. Dass die Verantwortlichen ihre Spieler*innen in dieser belastenden Situation eiskalt im Stich lassen ist nicht nur illoyal, sondern ein Skandal.

Darüber hinaus trägt der Fußball als integrativer Breitensport soziale Verantwortung: er soll möglichst alle gesellschaftlichen Gruppen einzuschließen und an der Gemeinschaft teilhaben lassen. Ein Hort der Homophobie kann diese Funktion aber nicht erfüllen. Grade der Profisport sollte Vorbild sein und Diskriminierung eine klare Absage erteilen, anstatt sie selbst zu praktizieren.  Damit wäre auch homosexuellen Menschen geholfen.

Doch anders als häufig gefordert, sind es nicht die Profis, die in der Pflicht sind, sich als Homosexuelle zu outen. Unter den derzeitigen Umständen wären die Konsequenzen kaum absehbar. Es sind die Funktionär*innen, die Trainer*innen, die Mannschaften, die Fanclubs und Vereine, welche endlich ihrer Verantwortung gerecht werden und sich klar gegen Homophobie und jede Form von Diskriminierung positionieren müssen. Dazu gehören ernst gemeinte öffentliche Unterstützung, ebenso wie breit angelegte Aktionsbündnisse und Sensibilisierungskampagnen. In diesem Bereich bestehen bereits einige sehr positive Beispiele, wie etwa die Initiativen „Fußball für Vielfalt“ und „Fußballfans gegen Homophobie“, die mittlerweile auch von einigen Bundesligavereinen unterstützt werden und als Vorbilder dienen könnten.

Um eine Weltmeisterschaft tatsächlich zu einer Veranstaltung des Respekts, der Toleranz und des fairen Umgangs miteinander zu machen, ist noch sehr viel Aufklärungsarbeit notwendig. Denn solange nur einige gemeinsam hoffen, feiern und mitfiebern können, während eine Minderheit in Angst und Selbstverleugnung lebt, hat das „Fair Play“ immer auch einen bitteren Nachgeschmack. Bei all der Freude am Spiel dürfen wir diese Menschen nicht vergessen und müssen weiterhin auf die bestehenden Missstände aufmerksam machen. Sie haben es verdient.

 

Annika Klose ist 22 Jahre alt und studiert im 5. Fachsemester den B.A. Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin

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