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#15JahreBologna: #ftw oder #megafail?

von Julian Zado und Erkan Ertan, Julian Zado war Mitglied im Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen von 2006-2008 und stv. Juso-Bundesvorsitzender von 2011-2013. Erkan Ertan war Mitglied im Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen von 2008-2010 und kooptiert im Juso-Bundesvorstand von 2009-2010.

 

Im Jahr 1999 unterzeichneten in der italienischen Universitätsstadt Bologna Vertreter(-innen) aus 29 europäischen Staaten die sog. „Bologna-Erklärung“, mit der das Projekt der Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums in Gang gesetzt wurde. 15 Jahre später hat sich viel verändert – aber wenig zum Guten.

 

Der Bologna-Prozess als europäische Idee

Vor mittlerweile eineinhalb Jahrzehnten wurde der „Bologna-Prozess“ gestartet. Nachdem die Europäische Union etabliert war und der europäische Integrationsprozess kontinuierlich voran schritt, lag es nahe, auch die Hochschullandschaft in Europa zu europäisieren. Heute ruft das Stichwort „Bologna“ vor allem Assoziationen wie „Überforderung“, „Verschulung“, „schlechte Studienbedingungen“ oder auch „Burn-Out“ hervor. Natürlich sind diese negativen Zuschreibungen oft medialer Effekthascherei geschuldet. Allerdings zeigt der Umstand, dass viele Hochschulangehörige, allen voran die Studierenden, seit Beginn des Prozesses immer wieder die Umsetzung des Prozesses kritisieren, dass wohl nicht alles richtig laufen kann mit dem Bologna-Prozess. Aber was ist eigentlich dran an der Kritik?

Der Bologna-Prozess sollte an seinen Zielen gemessen werden. Hauptziele des Bologna-Prozesses waren die Förderung der Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Bildungssystems und die Erhöhung von  Mobilität und Beschäftigungsfähigkeit. Dazu wurde vereinbart, Studienabschlüsse  zweistufig auszugestalten und grundsätzlich vergleichbarer zu machen. Außerdem sollte ein „credit-point“-System eingeführt sowie Mobilitätshindernisse für Studierende und Lehrende beseitigt werden. Auf den zweijährigen Bologna-Konferenzen kamen weitere Ziele dazu, u.a. die stärkere Berücksichtigung der 'sozialen Dimension' des Bologna-Prozesses. Der Grundgedanke der Bologna-Reform war, dass die Hochschulen, also Forschung und Lehre, enger zusammen wachsen. Bildung sollte weniger nationalstaatlich ausgestaltet sein. Was ist hiervon umgesetzt worden?

 

Was hat sich getan?

Erreicht werden sollten diese Ziele bis zum Jahr 2010. Schon im Jahr 2010 war aber klar, dass diese Zielmarke verfehlt wurde.[1]  Der Grund hierfür war jedoch nicht mangelnder politischer Antrieb. Im Gegenteil: Insbesondere die rot-grüne Bundesregierung mit ihrer SPD-Bildungsministerin Edelgard Bulmahn hat einen enormen Reform-Eifer an den Tag gelegt. Umgesetzt wurde eine einschneidende Reform der Hochschulen. Bekanntes Beispiel hierfür ist die Einführung eines zweistufigen Abschlusssystems: Mittlerweile wurden fast alle Studiengänge auf das Bachelor/Master-System umgestellt. Ausnahmen bilden hier im Wesentlichen nur einige Staatsexamens-Studiengänge, in denen sich eine Umstellung der Abschlüsse bisher nicht abzeichnet. Auch das Kreditpunktesystem wurde eingeführt. Prüfungsleistungen werden nun nicht mehr in Form von „Scheinen“ abgebildet, stattdessen erhält man eine gewisse Anzahl von „credit-points“, also Leistungspunkten. Die Idee dabei ist, Studienleistungen vergleichbarer zu machen. Anstatt einen genau umrissenen Schein für eine bestimmte Prüfungsleistung zu erhalten, die bei einem Hochschulwechsel erst in einem aufwändigen Verfahren auf „Anrechnungsfähigkeit“ hin untersucht werden muss, sollten pauschal Kreditpunkte anerkannt werden. So sollen Hochschulwechsel und Studienaufenthalte im Ausland leichter gemacht werden.

 

Die Umsetzung brachte Probleme

Die Ziele sind durchaus diskutierbar. Es war die deutsche Umsetzung an den Hochschulen und Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK), die Studierenden wie Lehrenden gleichermaßen Kopfschmerzen und Probleme bereitete. Ein Grund hierfür ist – gerade mit Blick auf die europäische Perspektive – die Länderhoheit in der Bildungspolitik. Ein anderer ist, dass die Umsetzung von radikalen Änderungen der Studiengänge und Curricula nicht zentral organisiert, sondern oftmals wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen zusätzlich und ohne einen unterstützenden und befähigenden Prozess aufgebrummt wurde. Die unterschiedliche Ausgestaltung der Studiengänge durch die Bundesländer führte trotz einheitlicher Abschlüsse und „credit-points“ dann dazu, dass schon innerhalb Deutschlands kaum noch ein Studienortwechsel möglich war, zum Beispiel, wenn Studiengänge stark spezialisiert und Leistungen anderer Universitäten deshalb nicht anerkannt wurden.

Fakt ist: Studierende sind heute weniger mobil als noch in den traditionellen Studiengängen. 22% der Bachelor-Studierenden haben bis zum Ende des 8. Hochschulsemesters einen Auslandsaufenthalt absolviert. Bei Master-Studierenden liegt diese Quote ab dem 12. Hochschulsemester bei 42%.[2] Die politische Zielmarke, dass 50 % der Absolventinnen und Absolventen Auslanderfahrungen sammeln sollen, ist damit noch immer in weiter Ferne.

Vieles spricht dafür, dass es auch das starre System der Studienleistungen ist, das viele auf einen Auslandsaufenthalt verzichten lässt. Sozialerhebungen zeigen zudem immer wieder, dass vor allem die schlechte finanzielle Situation von Studierenden hemmend auf einen Auslandsaufenthalt wirkt. Die weiterhin unzureichende Studienfinanzierung durch das Bafög ist hierfür ein Beispiel. Die soziale Schere geht hier weit auseinander, denn Studierende aus einem wohlhabenden Haushalt sind doppelt so häufig im Ausland unterwegs. Das aktuelle Auslands-BAföG scheint angesichts dieser Fragen für die gewünschte politische Zielsetzung völlig unzureichend. Eine weitere Verbesserung ist dringend geboten. Ein anderes Problem ist die allgemein schlechte Ausstattung der Hochschulen. Das alles führte eher zu einer „Kleinstaaterei“ als zu einer Europäisierung. Diese Umstände haben mit dem eigentlichen Bologna-Prozess nichts zu tun, auch wenn er in den Augen vieler dafür verantwortlich ist. Unterschieden werden muss zwischen den Zielen und der Umsetzung bestimmter Maßnahmen. Zu kritisieren ist hier die deutsche Hochschulpolitik, nicht der Bologna-Prozess als solcher.

Auch wenn nicht immer offen zugegeben, so war für viele Rektor/innen die Bologna-Reform von Anfang an eng verbunden mit dem Ziel, die Verweildauer von Studierenden an den Hochschulen zu minimieren und an vorgegebene Regelstudienzeiten anzupassen. Schon im Prozess der Einführung des gestuften Studiensystems wurde aktiv in die Gesellschaft kommuniziert, dass im internationalen Vergleich Studierende in Deutschland deutlich länger für ihr Studium benötigten und deutlich später für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stünden. Mit starr festgelegten Regelstudienzeiten für Bachelor und Master, die nicht mehr einen Richt-, sondern einen Pflichtwert darstellten, sollten schon früh Studierende zu einem effizienteren Studienablauf „erzogen werden“. Die Regelstudienzeiten wurden – außer bei wenigen Ausnahmen – auf sechs Semester im Bachelor und zwei bis maximal vier Semester im Master gestrafft. Die Curricula der Studiengänge wurden mit Pflichtwissen und unter den neuen Fokus der Informationsvermittlung sowie Controllingverfahren z.B. durch Prüfungen gesetzt.

In den auslaufenden Studiengängen Diplom und Master dagegen herrschte häufig die Philosophie, der Studienverlauf sei nur der Weg zum Ziel. Das Studium bestand oft aus wählbaren „Herausforderungen“. Innerhalb eines Prüfungsbereichs konnte zwischen Seminarangeboten frei gewählt werden. Insbesondere in den Geisteswissenschaften stand die Entwicklung von „kritischem Denken“ und die Befähigung zu „Eigenständigem Arbeiten“ im Fokus der Curricula. Studierende lernten wohl oder übel, mit ihrem Zeitbudget selbstverantwortlich umzugehen, ein mittel- bis langfristig angesetztes Projekt erfolgreich zum Abschluss zu führen und die Notwendigkeit wie auch die Qualität einer wissenschaftlichen Herangehensweise an Problemstellungen. Ebenso war in der Semesterwoche Zeit für die selbstbestimmte Beschäftigung, sei es ehrenamtlich oder universitär, vorgesehen. Der freie Mittwochnachmittag als Gremientag z.B. war vielerorts ein hohes Gut, das selbst von Professor/innen oft verteidigt wurde.

Teilnahmescheine waren ebenso gewichtiger Teil des Studiums. Man bekam sie in den Sozial- und Kulturwissenschaften z.B. für die regelmäßige Anwesenheit an Seminaren und Vorlesungen und ohne das Bestehen von Prüfungen. Dies ist heute deutlich seltener anzutreffen. Selbstverständlich existierten auch andere Studienvoraussetzungen und Curricula. Insbesondere zwischen Fachbereichen und Hochschulen konnten große Differenzen in der Ausgestaltung liegen – wie heute. Generell aber waren entscheidende Prüfungsphasen auf Zwischenprüfung/Vordiplom und auf den Abschluss gelegt. Dazwischen waren Studierende in ihrer Entwicklung und Wissensanreicherung mehr oder weniger auf sich gestellt.

Dieses Konzept passte nicht in die neue Form. Mit Bachelor und Master wurde nun auch der Weg zum Ziel erklärt. Die Anzahl der abzuleistenden Prüfungen nahm exponenziell zu, der Prüfungszeitraum zieht sich deshalb bis heute in den so genannten „vorlesungsfreien Raum“ – früher „Semesterferien“ genannt. „Verschultes Studium“ wurde zum neuen Modewort. Das Studium erstreckt sich heute nun über das gesamte Jahr. Deutlich erhöhte Input- und Controlling-Verfahren forderten ihren zeitlichen Tribut – auf Kosten der freien Zeit und Psyche der Studierenden. Stress, Überlastung und Depressionen nehmen seitdem zu. Psychologische und Sozialberatungsangebote von Studentenwerken und ASten sind bis heute gut besucht. Ein Ergebnis dieser Entwicklung ist die erhöhte Anzahl an Studienabbrüchen. Vor den Bologna-Reformen lag die Quote durchschnittlich bei 23 Prozent, heute an Universitäten bereits bei 35 Prozent[3], insbesondere im Bachelor.

Ein anderes Modewort der Bologna-Reformen ist die so genannte „employability“, die Berufsbefähigung. Während die Verkürzung der Regelstudienzeiten und ein gestuftes Studiensystem mit Bachelor als erstem berufsqualifizierenden Abschluss einen schnelleren Zulauf von akademischer Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt sichern sollten, diente die Anpassung der Curricula auch einer passgenauen Ausbildung und Verwertung für den späteren Arbeitgeber. Die „Bummelstudentin“, die sich jahrelang eher mit selbsterkenntnisreichen Studien, als mit qualifiziertem und verwertbarem Wissen auseinandersetzte, sollte der Vergangenheit angehören. Ziel war es, dass Studierende jenes Wissen erlernten, welches später auch im Beruf benötigt wurde- zeitlich konzentriert und effizient. Die Curricula der Studieninhalte wurden dem angepasst. Qualifizierende und evaluierbare Inhalte wurden bevorzugt, freier Entwicklungsraum und Interdisziplinarität (gegen die ursprünglichen Ziele des Prozesses) gekürzt. So kam die kürzere Studiendauer ganz von alleine.

 

Was ist mit den Jugendverbänden?

Welchen Einfluss hatte Bologna auf Jugendverbände? Ohne Frage stellen Studierende einen großen Anteil an Aktiven etwa bei den Jusos. Bei den Juso-Hochschulgruppen ohnehin. Viele junge Menschen nutzen die flexiblere Zeit des Studiums, um sich politisch zu engagieren. Doch bleibt dafür heute noch Zeit? Diese Frage ist nur sehr subjektiv zu beantworten. Auch vor Bologna gab und gibt es Studiengänge, die schon immer ein höheres Zeitpensum abverlangten. Trotzdem war ein ehrenamtliches Engagement möglich. Jedoch ist nach subjektiver Einschätzung bundesweit ein Rückgang der Kontinuität in Ämtern und Strukturen erkennbar. Vorstände werden immer jünger und Verweildauern immer kürzer. In AStA-Referaten sind Wechsel innerhalb von sechs Monaten eher Regel als die Ausnahme. Jusos erleben vor Ort immer häufiger wechselnde Aktivenkreise. Es ist ohne Frage nicht verkehrt, sich als Jugendverband mit dem Thema zu beschäftigen und allen Interessierten, trotz stressiger Prüfungsphasen, ein flexibles Angebot zum Engagement zu bieten. Die Zeit für Muße und Engagement für Studierende ist knapper geworden, ohne Frage. Das Entscheidende aber ist und bleibt der eigene Wille, in ein politisches und ehrenamtliches Engagement Zeit zu investieren – auf Kosten anderer Lebenswelten. Das war schon immer so.

 

Welches Fazit ziehen wir?

Nach 15 Jahren Bologna-Prozess sind die Ergebnisse in der deutschen Umsetzung ernüchternd: Studienzeiten sind verkürzt, feste Regelstudienzeiten bei Bachelor und Master mussten Stück für Stück flexibilisiert werden. Studienabbrüche haben zugenommen. Der „Run“ auf die Master-Studiengänge nach dem Bachelor hält ungebrochen an, denn wer auf dem Arbeitsmarkt eine angemessene Chance haben will, benötigt zwingend den Master. Der öffentliche Dienst hat es vorgemacht: Wer in den höheren Dienst möchte, benötigt zwingend einen Master-Abschluss. Der Bachelor scheitert an den formalen Voraussetzungen. Dies gilt für Landes- wie auch für die Bundesebene. Die Wirtschaft hat dieses Denken übernommen. Das Vorurteil, Bachelor-Absolvent/innen hätten gar keine vollständige wissenschaftliche Ausbildung, ist allgegenwärtig. Dies führt zu einer deutlich schlechteren Entlohnung für Bachelor-Absolvent/innen im Beruf. Dieser Punkt geht an die „employability“.

Doch wäre es ein Fehler, die Ziele des Prozesses zu einseitig zu betrachten. Ein besser vorgegebener Rahmen bietet Studierenden heute eine Wegmarkierung. Er bietet ihnen die Möglichkeit, Lehrende in die Verantwortung zu nehmen und ein studierbares Angebot einzufordern.

Das Studium ist heute transparenter. Durch das „credit-point“-System ist die Anerkennung von im Ausland erworbenen Studienleistungen vereinfacht worden. Ein mit den Jahren verkrustetes System wurde gelüftet. Nicht umsonst hat es auch vor Bologna schon bundesweite Studierendenproteste gegeben. Zwar verbessert sich laut aktueller Studie – auch sicherlich mangels noch real existierender Alternativen – die Zufriedenheit der Bachelor-Studierenden mit Ihrem Studiengang. Die Entwicklung ist aber nur von "ausreichend“ zu einem zaghaften „befriedigend“ zu verzeichnen.[4] Die Ansprüche der Reformen wirken im Nachhinein überzogen. Die Ziele wurden aufgrund von Verwertungswünschen priorisiert. Die Studienzeitverkürzung wurde restriktiver und intensiver umgesetzt als z.B. die soziale Dimension. Die Entscheidungen folgten einem Top-Down-Prinzip. Die Umsetzung jedoch wurde jedoch einerseits zum Fleckenteppich, andererseits lastete sie vornehmlich auf den Schultern einzelner wissenschaftlicher Mitarbeiter/innen. Das war ein großer Fehler, der erst durch Studierendenproteste aufgegriffen, in nationalen Bologna-Konferenzen diskutiert und mit Gremien vor Ort unter Beteiligung der Studierenden nachgebessert wurde. Der Prozess ist nicht zu Ende. Er wird noch lange fortgeführt werden, spätestens ab der nächsten großen Hürde, die das Fass zum Überlaufen bringt: Dem Zeitpunkt, an dem auch faktisch nicht ausreichend Master-Plätze für bewerbende Bachelor-Absolvent/innen zur Verfügung stehen.

 

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Ausgabe 1/2014 der Argumente-Hefte der Jusos.

 

Quellen:

• 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

• Das Bachelor- und Masterstudium im Spiegel des Studienqualitätsmonitors - Entwicklungen der Studienbedingungen und Studienqualität 2009 bis 2012, Deutsches Institut für Hochschul- und Wissenschaftsforschung

Die Entwicklung der Schwund-und Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen, HIS Hochschul Information System, 03/2012

• Zado, 10 Jahre Bologna-Prozess II, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 3/2010, S. 37-39



[1] Vgl. Zado, 10 Jahre Bologna-Prozess II, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 3/2010, S. 37-39

[2] 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks, S.161.

[3] Die Entwicklung der Schwund- und Studienabbruchquoten an den deutschen Hochschulen, HIS, S.12

[4] Das Bachelor- und Masterstudium im Spiegel des Studienqualitätsmonitors - Entwicklungen der Studienbedingungen und Studienqualität 2009 bis 2012 , Deutsches Institut für Hochschul- und Wissenschaftsforschung, S. 142ff.

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