Inhalt


©

Glücklich wie nie?

Glücklich wie nie? Die Ergebnisse des 12. Studierendensurvey

Studierende seien glücklich - und das so sehr wie nie. Das konstatierten Zeitungen angesichts der Ergebnisse des 12. Studierendensurveys, einer Langzeitstudie, die seit dem Wintersemester 1982/83 alle zwei bis drei Jahre erhoben und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Im Wintersemester 2012/13 wurden 5000 Studierende an 25 Hochschulen befragt. Dabei gingen die Fragen vom Profil der Studierenden über die beruflichen Erwartungen bis hin zur politischen Einstellung.

Bildungsministerin Wanka ließ verlauten, die Ergebnisse zeigten eine Verbesserung der Studiensituation. Allerdings gaben zwar 73 Prozent der befragten Studierenden an, sie würden gerne studieren und auch die Studienqualität wird überwiegend positiv beurteilt. Doch die harmonische Darstellung und Bewertung der Ergebnisse des 12. Studierendensurveys in den Medien verschleiert wesentliche Missstände an den Hochschulen, die sich darin ebenfalls zeigen.

Glück? Undurchlässigkeit und Prüfungsangst!

Unabhängig von den angeblich positiven Ergebnissen stellt sich angesichts der Berichterstattung zum Studierendensurvey - fast überall war der Titel „Studierende sind glücklich“ zu lesen - ohnehin die Frage, ob Glück überhaupt, und wenn, dann in einer solchen Studie, messbar ist. Aber alleine weil behauptet wird, der 12. Studierendensurvey habe vor allem positive Ergebnisse, ist ein kritischer Blick auf die gesamte Studie notwendig. Dabei wird deutlich, dass die Ergebnisse alles andere als nur positiv sind.

Der Studierendensurvey zeigt nämlich auch, wie undurchlässig das Studium nach wie vor ist: Vor allem an den Universitäten überwiegt immer noch die akademische Herkunft, 58 Prozent der Studierenden haben Eltern mit einem abgeschlossenen Studium. Hinzu kommt, dass sich der Kreis potentieller Bildungsaufsteiger*innen, also von Menschen, die die ersten Studierenden in ihrer Familie sind, nicht mehr erweitert. Das machen auch die Unterschiede in der Sicherheit der Studienaufnahme deutlich: Die Studiersicherheit (also die Sicherheit über die Wahl der Aufnahme eines Studiums) der Abiturient*innen aus bildungsfernen Schichten ist deutlich schwächer als bei Akademiker*innen-Kindern. Auch die Abi-Note hat nach wie vor großen Einfluss auf die Fächerwahl. Hier zeigt sich immer noch konstant der gesellschaftliche Einfluss durch tradierte Rollenbilder: Schülerinnen wählen häufiger sprachliche, Schüler eher mathematisch-naturwissenschaftliche Fächer (wobei die Studie unklar lässt, ob sich dies nur auf Studienanfänger*innen, die direkt von der Schule kommen, bezieht).

Wie weit der Weg zu einer inklusiven Hochschullandschaft noch ist, machen auch die Zahlen von Studierenden mit Migrationshintergrund (16 Prozent), mit einer Beeinträchtigung oder chronischen Erkrankung (7-8 Prozent) oder mit Kind (5 Prozent) deutlich. Dass der Hauptwunsch Studierender ein stärkerer Praxisbezug ist, passt dazu, dass nur 20 Prozent Forschung und Wissenschaft für wichtig halten. Im Zentrum steht offenbar nicht mehr ein Studium, das vor allem in einer kritischen Auseinandersetzung mit Inhalten und sich selbst besteht, sondern primär die beste Vorbereitung auf einen möglichst sicheren Arbeitsplatz ist. So überrascht es nicht, dass für die Mehrheit der Studierenden die Abschlussnote - für fast drei Fünftel eine gute - im Vordergrund steht. Erschreckend ist, dass mehr als jede*r vierte Studierende Angst vor Prüfungen hat, bei vielen weitet sich diese Angst auf das gesamte Studium aus. Ein Fünftel hat sogar Sorge, dass Studium überhaupt zu schaffen. Hierbei sind Studentinnen öfter betroffen als Studenten. Dies sind nur einige der Ergebnisse, die verdeutlichen, dass viele Defizite unserer Hochschullandschaft geblieben sind.

Politisches Interesse? Fehlanzeige.

Ebenso von Bedeutung sind die Ergebnisse zum politischen Interesse und der politischen Einstellung Studierender: Nur noch 24 Prozent halten Politik und öffentliches Leben für wichtig. Damit ist im 12. Studierendensurvey der Tiefstand aller Erhebungen erreicht. Auch beim allgemeinen politischen Interesse zeigt sich ein starker Abfall: 2001 stuften noch 45 Prozent aller Studierenden ihr Interesse an Politik als sehr stark ein, 2013 nur noch 32 Prozent. Vor allem aber haben nur noch 9 Prozent ein starkes Interesse an Hochschulpolitik, an studentischer Politik an der eigenen Hochschule sogar nur noch 5 Prozent.

Was die Einstellungen betrifft, so haben weiterhin sozialdemokratische (68 Prozent) und grün-alternative (63 Prozent) Positionen die jeweils größte Anhänger*innenschaft an den Hochschulen. Mit 35 Prozent und 29 Prozent weisen christlich-demokratische und liberale Positionen einen deutlich geringeren Rückhalt auf. Nach der Darstellung dieser beiden Ergebnisse werden in der Studie „kommunistisch-marxistische und national-konservative Grundhaltungen“ in einer Zeile genannt und abgehandelt. Dies erinnert an eine Gleichsetzung der beiden Einstellungen durch (vor allem) konservative Politiker*innen, aber auch an die Annahmen der sogenannten Extremismustheorie. Das Gleichsetzen von Links und Rechts ist fatal, auch weil es leugnet, dass beispielsweise rassistische Positionen oft aus der Mitte der Gesellschaft erwachsen. Im Ergebnis zeigt sich jedenfalls, dass beide Einstellungen wenig, die national-konservative die bei weitem geringste Unterstützung haben.

Wie sich innerhalb der Gesamtgesellschaft immer mehr Menschen einer „Politischen Mitte“ zuordnen, so verorten sich auch immer weniger Studierende in einem Links-Rechts-Spektrum: 20 Prozent wollen oder können eine solche Einordnung nicht vornehmen. Politik scheint immer weniger als eine Auseinandersetzung grundsätzlich differierender Überzeugungen, und immer mehr als Beliebigkeit wahrgenommen zu werden. Bei der Einordnung Studierender als „links“ ist ein erheblicher Rückgang erkennbar: 1993 ordneten sich noch 58 Prozent so ein, 2004 50 Prozent und 2013 nur noch 45 Prozent. Die Einordnung als „rechts“ hat sich weit weniger verändert, belief sich in den 90er Jahren auf 13 Prozent, stieg 2004 auf 15 Prozent an und liegt 2013 wieder bei 13 Prozent.

Wenn es um demokratische Prinzipien geht, so haben nur der Gewaltverzicht und das Demonstrationsrecht unter Studierenden eine große und gefestigte Zustimmung. Zwar ist eine Mehrheit für eine pluralistische Interessenvertretung, aber nur 37 Prozent setzen sich besonders dafür ein. Besonders erschreckend ist, dass eine kritische Kontrollfunktion der Opposition keine mehrheitliche Unterstützung findet, 33 Prozent sind dagegen und vertreten die Meinung, dass die Opposition die Regierung nicht kritisieren, sondern bei ihrer Arbeit unterstützen soll. Dies passt zur oben genannten Beobachtung, dass Politik vermehrt nicht als Auseinandersetzung gesehen wird und sich die Zuteilung zur „Politischen Mitte“ erhöht. Für 47 Prozent steht das Recht zu Streiks und Demonstrationen über der Wahrung der öffentlichen Ordnung, aber 30 Prozent sind  dagegen, wenn die öffentliche Ordnung dadurch gefährdet wird. 23 Prozent der Studierenden enthalten sich in dieser Frage.

Konsequenzen für unsere politische Arbeit – der Kampf geht weiter!

Schlussendlich lässt sich sagen, dass es zwar begrüßenswert ist, dass offenbar mehr Studierende gerne studieren und angeben, dass sich die Studienqualität verbessert habe. Dennoch darf die Hervorhebung der positiven Ergebnisse nicht dazu führen, dass verkannt wird, dass der 12.Studierendensurvey vor allem auch zeigt, wie viel es noch zu tun gibt.

Damit sich unsere Hochschulen öffnen und für alle in gleicher Weise zugänglich sind, muss sich das gesamte Bildungssystem ändern und Selektions- und daraus entstehende Konkurrenzmechanismen überwinden. Die Folgen des steigenden Leistungsdrucks schlagen sich in der gewachsenen Prüfungs- und generellen Versagensangst vieler Studierender nieder. Hier kann die Ausweitung von Beratungsangeboten nur eine Symptombekämpfung sein. Die Ursachen liegen aber im System selbst, das vom neoliberalen Denken geprägt ist und auf wettbewerbsorientierte, statt auf solidarische Hochschulgemeinschaften setzt. Als nicht von der Gesellschaft exkludiert zu betrachtende Räume reproduzieren die Hochschulen die vorherrschenden Verhältnisse. Seien es die immer noch existierenden tradierten Rollenbilder, die Studierende bei der Fächerwahl beeinflussen und mit verantwortlich dafür sind, dass zwar immer mehr Frauen studieren, sich dies aber nicht in ihrer Repräsentation im Wissenschaftsbetrieb widerspiegelt, oder dass Wissenschaft und Forschung für Studierende unwichtig sind und stattdessen vor allem der Wunsch nach einem stärkeren Praxisbezug im Studium besteht, worin sich das neoliberale Denkmuster der Verwertbarkeit und die Individualisierungstendenzen der Gesellschaft zeigen. Denn es geht Studierenden heute offenbar weniger um kritische Bildung, als um ein möglichst effizientes Studium, das späteren Erfolg auf dem Arbeitsmarkt sicherstellt. Wie soll es auch anders sein, wenn überall nur noch von „Employability“ die Rede ist, die die Hochschulen herstellen sollen. So spielt die Erziehung zur Mündigkeit kaum noch eine Rolle.

Die Ergebnisse zum politischen Interesse und den politischen Einstellungen Studierender lassen Interpretationsspielraum in der Frage der Ursachen, aber zeigen in jedem Fall, dass im gesamten Bildungsbereich kaum Demokratieerziehung stattfindet. Das Interesse an Politik ist  laut den Erhebungen des Studierendensurveys seit 2001 konstant gesunken. Es kann nicht der einzige Grund sein, doch zweifellos tragen Bildungszeitverkürzung und erhöhter Leistungsdruck im Studium nicht zur Entstehung von Freiräumen der kritischen Auseinandersetzung mit Politik bei. Auch hier sind die Ursachen unserer Meinung nach systemischer Art. Wir glauben: Das Bildungsideal muss sich ändern! Wir brauchen Bildungsinstitutionen, die auf Erziehung zur Mündigkeit setzen und Menschen Raum und Zeit für Entwicklung lassen. Den Kampf für eine andere Bildungspolitik müssen wir gesamtgesellschaftlich, in Bündnissen mit anderen gemeinsam führen. Für unsere konkrete Arbeit an den Hochschulen selbst, gerade auch da, wo wir als Juso-Hochschulgruppen Teil von Studierendenvertretungen sind, bedeutet der Tiefstand des politischen Interesses Studierender, dass wir Gegenstrategien entwickeln, diesen Zustand bekämpfen und Studierende politisieren müssen.

Der 12. Studierendensurvey ergibt für uns nicht, dass Hochschulen Orte des großen Glücks geworden sind, sondern bestätigt uns darin, dass wir unseren Kampf für eine demokratisierte, kritische und ausfinanzierte Hochschullandschaft weiterführen müssen.

Diesen Artikel teilen: