Inhalt


©

Inklusion ist mehr als eine unliebsame Hausaufgabe!

Der nationale Bildungsbericht erscheint alle zwei Jahre und wird im Auftrag der Kultusministerkonferenz (KMK) und des Ministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) erstellt. Er soll eine aktuelle Bestandsaufnahme des deutschen Bildungssystems leisten.

Schwerpunktthema der 2014 erschienenen Untersuchung ist die Situation von "Menschen mit Behinderungen im deutschen Bildungssystem".
Angesichts dessen preist Ministerin Wanka die Bundesrepublik Deutschland als Bildungsrepublik an. Ihr Urteil entbehrt aber ausreichender Grundlage, denn insbesondere im Bereich der Inklusion ist das Bildungssystem seit Jahren nicht entscheidend vorangekommen. Das und eine Vielzahl weiterer Versäumnisse zeigt der Bildungsbericht 2014 deutlich auf.

Es ist zu begrüßen, dass einem wichtigen Thema wie Inklusion im Bildungssystem anhand des Berichtes eine erhöhte Aufmerksamkeit zu Teil wird. Schließlich kann eine Problemanalyse der erste Schritt zur Verbesserung darstellen.

Doch fünf Jahre nach der Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention fehlt der Bundesregierung offensichtlich weiterhin der politische Wille, das Bildungssystem endlich inklusiv zu gestalten. Es gibt kein übergeordnetes Konzept, keine*n Verantwortliche*n und es wird kaum Geld bereitgestellt, um die längst überfälligen Barrieren, die nicht nur Menschen mit Beeinträchtigung von vielen Teilen des Bildungssystems fernhalten, endlich abzuschaffen. Hinzu kommen die bestehenden politischen Hürden, wie die fehlenden Kooperationsmöglichkeiten zwischen Bund und Ländern im Bereich der schulischen Bildung und die maroden Landeshaushalte.

Es wird endlich Zeit, dass die Bundesregierung Inklusion nicht mehr als unliebsame Hausaufgabe vor sich herschiebt, sondern sie endlich als gesellschaftliche Chance für alle versteht. Fünf Jahre intensiver Prokrastination sind genug - es wird Zeit, dass sich etwas grundlegend verändert im deutschen Bildungssystem!

Dabei kommt es auch auf eine flächendeckende Lösung statt verwaltendem Stückwerk an. Dem Bericht zufolge wird etwa 6,6 Prozent der Gesamtschüler*innenschaft ein sonderpädagogischer Förderbedarf zugeschrieben. Dabei schwanken die Zahlen im Ländervergleich erheblich - unter anderem eine Folge unterschiedlicher Gutachtenverfahren, die Vergleichbarkeit im Keim ersticken. Genauso verschieden fallen auch gegenwärtig die Fördermaßnahmen aus.
Festzuhalten ist außerdem, dass die Quote von Personen mit Beeinträchtigung am höchsten im Elementarbereich ist und hin zum Sekundarbereich zunehmend abnimmt. Bei der universitären Bildung ist die Zahl derer mit Beeinträchtigung am geringsten.

Der gesamte Bericht ist unter folgendem Link verfügbar: http://www.bildungsbericht.de/daten2014/bb_2014.pdf .

Im Folgenden sind noch einmal die wichtigsten Ergebnisse über die Situation von Studierenden mit Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen im Hochschulbereich zusammengefasst:

  • Eine Besonderheit des Hochschulbereiches ist die Zielgleichheit des Studiums für Studierende mit und ohne Beeinträchtigung, was allerdings auf die hohe Selektivität bei der Studienaufnahme zurückzuführen sei.
  • Bei der Umsetzung des Konzeptes der Barrierefreiheit an Hochschulen gibt es noch deutliche Mängel. Die bauliche Barrierefreiheit ist nur teilweise umgesetzt, digitale Dienste (wie Info Angebot auf der Homepage, Bibliothekskataloge etc.) werden nur teilweise als barrierefrei eingeschätzt.
  • Beeinträchtigung und chronischen Krankheiten wirken sich auf Studienentscheidung, die Fachauswahl und den Studienverlauf aus. Etwa jede*r zehnte Studierende gab an, das Wunschstudium aufgrund der Beeinträchtigungen und/oder chronischen Erkrankungen nicht aufgenommen zu haben. Ein deutlich höherer Teil der Studierenden mit Beeinträchtigungen und/oder chronischen Erkrankungen wechselt den Studiengang und/oder die Hochschule. Studierende mit Beeinträchtigungen und/oder chronischen Erkrankungen unterbrechen ihr Studium häufiger für längere Zeit oder benötigen länger für die zu erbringenden Studienleistungen. Die deshalb verlängerte Studiendauer führt oftmals zu Problemen bei der Studienfinanzierung. Studierende mit Beeinträchtigung seien außerdem sozial weniger eingebunden. Die Studienabbruchsquote bei Studierenden mit Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen liege höher als die derjenigen ohne.
  • Obwohl die Beratungsangebote für Studierende mit Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen überwiegend bekannt sind, gaben viele an, diese aus Angst vor Stigmatisierung nicht wahrzunehmen.
  • Die Teilhabe am Erwerbsleben werde auch durch ein Studium (oder eine berufliche Ausbildung) nur in geringerem Maße ermöglicht. Die Zahl der Personen mit Beeinträchtigungen und chronischen Erkrankungen, die einer Erwerbsarbeit nachgingen, liegt gegenüber der gleichen Bevölkerungsgruppe ohne Beeinträchtigungen und chronische Erkrankungen um etwa 20 Prozent niedriger.
  • Im Bereich der Hochschuldidaktik nimmt das Thema Inklusion keinen zentralen Stellenwert ein. Nur etwa die Hälfte der Hochschulen halte Handreichungen und Leitfäden für die Lehrenden bereit. Nur 16 der befragten Hochschulen gaben an spezielle Fortbildungen im Bereich Inklusion anzubieten.

Diesen Artikel teilen: