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Für eine wahre Reform statt fauler Kompromisse!

Am 24. November veröffentlichte die OECD ihre Studie „Bildung auf einen Blick 2015: OECD-Indikatoren“[1]. Bildungsministerin Wanka sieht die Ergebnisse der Studie als großen Erfolg, insbesondere in der frühkindlichen Bildung sowie in der Sekundarstufe II. Auch der Übergang zwischen Ausbildung und Berufstätigkeit wird als positiv bewertet. Doch die Ergebnisse im Bereich der Hochschulbildung fanden keinerlei Erwähnung. Sie sind besorgniserregend und zeigen, dass sich in den letzten Jahren in Bezug auf schon lange notwendige Veränderungen nur wenig im Hochschulbereich getan hat.

Wir brauchen mehr Geld in der Bildung!

Dem von der OECD vorgeschlagenen Lösungsvorschlag stellen wir uns entschieden entgegen. Gebühren im Bildungssystem lehnen wir konsequent ab - sei es in der KiTa, an Schulen oder Hochschulen. Sie bewirken finanziell bedingte Selektion und bestärken die soziale Schieflage im deutschen Bildungssystem.  Wir wollen einen freien Hochschulzugang, der nicht vom finanziellen Hintergrund der Studienanfänger*innen abhängt. Dafür müssen Bund und Länder ran!

Seit 2010 haben sich die Bildungsausgaben von Bund und Ländern nicht verändert. Etwa 4,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts werden jährlich für Bildung ausgegeben. Der OECD-Durchschnitt liegt bei 5,3 Prozent. Insbesondere mit Blick auf die Hochschulfinanzierung wirft dieser deutlich niedrigere Prozentsatz bei uns zahlreiche Fragen auf. Warum wurde nicht auf die steigende Zahl von Studienanfänger*innen reagiert? Wie sollen Hochschulen höhere Ausgaben bei gleichzeitig nicht gestiegener Finanzierung durch Bund und Länder bewältigen?

Es muss sich endlich im Bildungsbereich grundlegend etwas ändern. Das Kooperationsverbot wurde durch die Große Koalition bereits aufgeweicht, aber das reicht uns nicht. Gerade der Bund finanziert Hochschulen mit einem undurchsichtigen und wettbewerbsorientierten Paktsystem. Wirklich umfassende Hilfe bietet er dadurch nicht. Erst wenn das Kooperationsverbot ganz gefallen ist, kann auch der Bund sich voll und ganz an der Finanzierung der Hochschulen beteiligen. Bund und Länder müssen gemeinsam eine Strategie entwickeln, wie sie in Zukunft nachhaltig in die Breitenfinanzierung einsteigen wollen. Erst mit einem solchen Finanzierungsmodell können die Lücken in den Hochschulhaushalten effektiv geschlossen werden und die Hochschulen endlich ausfinanziert werden.

Abbruch statt „Akademisierungswahn“

59 Prozent der jungen Menschen in der Bundesrepublik nehmen ein Studium auf. Es sind jedoch gerade einmal 36 Prozent, die dieses Studium auch erfolgreich abschließen. Damit liegt das deutsche Bildungssystem weit hinter dem OECD-Durchschnitt (50 Prozent). Dass rund ein Viertel aller Studienanfänger*innen ihr Studium frühzeitig abbrechen, ist alarmierend. Diese Zahlen zeugen davon, dass sich die Hochschulbildung endlich aus ihrem eigenen Korsett befreien muss. Studiengänge sind immer noch zu selektiv und kompetitiv gestaltet. Die Belastung ist seit der Bologna-Reform deutlich gestiegen und verschulte Studiengänge lassen keinen Freiraum für individuelle Bedürfnisse im Studium. Studienstrukturen müssen sich öffnen und individuell anpassen lassen, damit alle Studierenden die Chance haben, diese so zu gestalten, wie sie es möchten.

Als Reaktion auf diese Zahlen war einmal mehr die Sprache vom „Akademisierungswahn“. Als Argumentationsgrundlage dafür diente lediglich die hohe Zahl der Studienanfänger*innen. Dass rund ein Viertel davon ihr Studium nicht erfolgreich abschließen, fand dabei keine Erwähnung. Diese große Differenz deutet für uns auf keinen „Akademisierungswahn“, sondern viel mehr auf die oben genannten Probleme hin.

Die Ergebnisse zur Aufnahme eines Masterstudiums zeigen auch auf eine eher nüchterne Lage auf. 24 Prozent aller jungen Menschen schließen erfolgreich ein Masterstudium ab. Die Differenz zwischen den 59 Prozent Studienanfänger*innen und den erfolgreichen Masterabsolvent*innen ist sehr deutlich. Natürlich braucht nicht jede Person ein Masterstudium für ihre berufliche Zukunft, aber gerade hier wird deutlich, dass es nicht für alle Bachelorabsolvent*innen Masterplätze gibt. Die Suche nach einem Masterstudienplatz ist immer noch geprägt von hohen NC’s und besonderen Anforderungsprofilen. Wir müssen an unserer Forderung festhalten, dass Masterplätze nachhaltig ausgebaut werden und für alle Studierenden verfügbar sein müssen.

Hochschule für alle?

Hochschulen müssen sich aber auch endlich für die ganze Gesellschaft öffnen. Immer noch sind es gerade einmal 14 Prozent junge Menschen, die sich für ein Studium entscheiden. Im OECD-Durchschnitt sind es 22 Prozent aller jungen Menschen, die als erste in ihrer Familie ein Studium aufnehmen. Diese Differenz zeigt erneut, wie selektiv das Bildungssystem gestaltet ist. Gerade an der Finanzierung scheitert der Studienwunsch noch allzu oft. Das „BAföG-Reförmchen“ von Bildungsministerin Wanka kratzt gerade einmal an der Oberfläche des Problems. Nur durch ein eltern- und altersunabhängiges BAföG als Vollzuschuss, das sich am tatsächlichen Bedarf der Studierenden orientiert,  kann garantiert werden, dass sich alle Menschen ein Studium tatsächlich leisten können.

Frauen* an Hochschulen

Die Zahlen der OECD-Studie zeugen davon, dass Frauen* noch lange keine Gleichstellung im Hochschulsystem erfahren. Von den Studiumswünschen bis zur Erwerbstätigkeit nach dem Abschluss zeichnet sich kein gutes Bild ab.

Wanka lobte während der Vorstellung der Studie insbesondere die Erfolge, die Bildungspolitik im Bereich der MINT-Fächer verzeichnen konnte. Was sie verschwiegen hat, ist die Stellung von Frauen* in diesen Fächern. Den zukünftigen Studierenden wird dabei oftmals ein traditionelles Rollenbild von zuhause aus mitgegeben: Eltern von Jungen erwarten zu 39 Prozent, dass ihr Sohn in einem MINT-Fach immatrikuliert sein wird. Bei Mädchen* sind es gerade einmal 14 Prozent der Eltern. Diese Zahlen beweisen, dass die MINT-Fächer gesellschaftlich nach wie vor als männlich dominierten Raum wahrgenommen werden. Unter den Studierenden im MINT-Bereich spiegelt sich das gleiche Bild wider. Gerade einmal ein Viertel aller Studierenden in diesen Fächern sind weiblich*. Hier muss endlich mit Stigmata gebrochen werden. Dieser Prozess muss dabei schon in der Schule angestoßen werden, indem diese Felder nicht mehr als männlich geprägte Räume vermittelt werden. Studienbroschüren müssen frei von Sexismen gestaltet werden und es müssen Programme entwickelt und ausgebaut werden, um MINT-Fächer für Frauen* zu öffnen.

Nur 42 Prozent der Promovierenden sind Frauen*, der OECD-Durchschnitt liegt bei 48 Prozent. Auch hier zeigt sich wieder, dass die Hochschule noch lange kein Raum der Gleichstellung ist. Promotionen müssen flexibler gestaltet werden können, wir brauchen langfristig angelegte Beschäftigungsverhältnisse und wir brauchen endlich eine feste Frauen*quote  von mindestens 50% in allen Bereichen für Promotionen. Gleiches muss darüber hinaus für Professuren gelten.

Gerade einmal 84 Prozent der Frauen* gehen einer Erwerbstätigkeit nach einem erfolgreichen Hochschulabschluss nach. Im Gegensatz dazu sind es 91 Prozent der männlichen Absolventen. Diese Kluft ist für uns nicht hinnehmbar und seigt, dass in unserer Gesellschaft immer noch ein verkrustetes, einengendes patriarchales Geschlechterbild vorherrscht. Dieses müssen wir endlich aufbrechen! Viele Berufsbilder sind stark männlich geprägt, dies macht den Zugang für Frauen*umso schwieriger. Und selbst, wenn der Einstieg geschafft ist, begegnen viele Frauen* schnell der berühmten "gläsernen Decke", wenn es um Aufstiegsmöglichkeiten geht.

 

Erst wenn veraltete Vorstellungen überwunden sind, kann ein gleicher Zugang mit gleichen Aufstiegsmöglichkeiten für alle hergestellt werden. Neben der Sensibilisierungsarbeit für die Problematik brauchen wir dringend eine feste Frauen*quote von mindestens 50 Prozent für alle Unternehmen und öffentlichen Institutionen auf allen Ebenen.Alles in allem und die Ergebnisse detailliert unter die Lupe nehmend, kann die OECD-Studie „Bildung auf einen Blick 2015: OECD-Indikatoren“ keineswegs so positiv bewertet werden, wie Bundesbildungsministerin Wanka es vorgibt. Vielmehr verdeutlichen die Studienergebnisse, dass enormer bildungspolitischer Handlungsbedarf besteht. Wir wollen ausfinanzierte, allen gleichermaßen zugängliche und feministische Hochschulen!



[1] http://www.oecd.org/berlin/publikationen/bildung-auf-einen-blick.htm

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