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Was unser Schulsystem jetzt leisten muss

Das Schulsystem in der Bundesrepublik stand schon häufig vor großen Herausforderungen wie zum Beispiel der Verarbeitung des sogenannten „Pisa-Schocks“ oder der flächendeckenden Einführung von Ganztagsschulen.

Eine der zentralen Fragen bei Diskussionen um Schule war und ist der Mangel an Lehrkräften. Dabei stehen sich zwei Zahlen gegenüber: auf der einen Seite der demografische Wandel, der in den letzten Jahren einen Rückgang der Geburten aufzeigte. Das Ergebnis war nicht nur die rückgängige Anzahl an Schüler*innen, sondern auch der Abbau von Kapazitäten an den Universitäten. Auf der anderen Seite steht die große Anzahl an Lehrer*innen, die in Rente gehen werden. Über die Hälfte der Lehrkräfte ist über 50 Jahre alt und so ist abzusehen, dass in den nächsten Jahren ein großer Bedarf an neuen Lehrer*innen besteht.

Auch die Zahl der geflüchteten Kinder und Jugendlichen, die wir in der Bundesrepublik und an Schulen herzlich willkommen heißen wollen, wurde nicht mit bedacht. Auch für sie gilt: Bildung ist Menschenrecht! In fast allen Bundesländern unterliegen geflüchtete Kinder der Schulpflicht, selbst wenn der Aufenthaltsstatus unsicher ist – und das ist auch gut so!

Nach Angaben von Lehrer*innenverbänden müssten für rund 300.000 neue Schüler*innen mindestens 20.000 neue Lehrer*innen eingestellt werden. Die Länder dagegen planen aber mit lediglich 8000 neuen Stellen. Große Engpässe sind daher abzusehen, die entweder zur vollständigen Überlastung der aktiven Lehrkräfte führen und/oder aber zur Nicht-Beschulung vieler geflüchteter Kinder. Die neue Präsidentin der Kultusministerkonferenz Claudia Bogedan hält das Problem für weniger gravierend. In der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wirft sie den Lehrer*innenverbänden vor, dass sie den demographischen Wandel nicht einbezogen und sich in der Folge verrechnet hätten. Das Problem des Mangels an Lehrkräften würde sich allein auf die Sprachförderung beschränken.[1] Doch schon jetzt wird in den Ländern für fast alle Fächer Nachwuchs gesucht. So bestätigt sich die Aussage von Claudia Bogedan, dass beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern ohne geflüchtete Kinder Schulen geschlossen werden müssten, bei genauerem Hinsehen nicht. Das Land geht davon aus, dass, auch ohne die zunehmende Zahl Geflüchteter, mehr Lehrkräfte in den nächsten Jahren eingestellt werden müssten.  An Grundschulen ist die Lage besonders prekär, denn schon jetzt werden Studierende früher aus den Hochschulen geholt, um den Mangel auszugleichen. Die Lehramtsprognose verspricht in Mecklenburg-Vorpommern eine hundertprozentige Einstellungschance für Grundschullehramtsstudierende. Und das alles ohne den Einbezug der neuen Zahlen. Die Rechnung von Frau Bogedan geht somit auch in strukturschwachen Regionen nicht auf.

In einem andern Interview erklärt sie, diesem Problem durch die Einstellung von Seiteneinsteiger*innen begegnen zu wollen.[2] Diese Chance ist grundsätzlich zu begrüßen, doch darf nicht bei jedem neuen anstehenden Lehrkräftemangel auf Seiteneinsteiger*innen vertraut werden. Die Grundsteine für ein belastbares Schulsystem müssen schon viel früher gesetzt werden. Es müssen endlich die Kapazitäten der Universitäten erhöht werden, damit dort die neuen Lehrkräfte ausgebildet werden und auf Herausforderungen vorbereitet werden können.

Als Beispiel für eine weitere große Herausforderung wurde die Sprachförderung bereits genannt. Auf dem letzten Bundeskoordinierungstreffen haben wir uns bereits für eine Stärkung der Ausbildung in diesem Bereich ausgesprochen. Dabei ist das Erlernen der deutschen Sprache genauso wichtig wie die Erhaltung der Muttersprache. Hinsichtlich der Lehrkräfte ist eine hohe Sensibilität im Umgang mit verschiedenen Kulturen gefragt. Einige Hochschulen reagierten mit der Schaffung spezieller Kurse für angehende Lehrkräfte, deren Kapazitäten für die hohe Nachfrage jedoch nicht ausreichten. Jetzt sollen Studierende der Germanistik bereits während ihres Studiums in den Beruf starten, um den Bedarf an Lehrkräften zu decken. Hier zeigt sich wieder einmal die katastrophale Fehlplanung einiger Länder, die teilweise zeitgleich Kapazitäten an den Hochschulen im Fach Deutsch abbauen wollen.  Der Kurs einiger Länder in Sachen Lehramtsstudium gleicht einer Irrfahrt.

An den Schulen vor Ort setzen sich die Probleme fort. Es werden Forderungen laut,  geflüchtete Kinder in extra Klassen zu unterrichten und dann zu trennen zwischen Kindern, die sich schnell genug anpassen und den restlichen Kindern, die auf einer Sonderschule unterrichtet werden sollen. Forderungen wie diese würden einer erfolgreichen Integration geradezu aktiv entgegenwirken und wären nur ein weiterer Schritt innerhalb des ohnehin schon segregierenden Schulsystems hin zu mehr Ausgrenzung. Unsere Position zu dieser Art von Beschulung ist eindeutig, denn wir wollen eine inklusive Gemeinschaftsschule für alle. In diesem System hätten alle Kinder die Chance auf eine freie Entwicklung ihrer Persönlichkeit. Zieldifferenter Unterricht soll jedem Kind die Möglichkeit bieten am Ende des Tages etwas zu erreichen, das individuell festgelegt werden muss. Geflüchtete Kinder verdienen die Möglichkeit zu einer Entwicklung, die ihren Lernstand berücksichtigt und sie nicht als rückständig betrachtet.

Wir müssen endlich anfangen die langjährig erforschten Ergebnisse über Inklusion in die Realität umzusetzen. Nur dann können wir der Entwicklung aller Kinder gerecht werden. Mit dem aktuellen Sparkurs der Länder und des Bundes ist eine Umsetzung von inklusiven Ganztagsgemeinschaftsschulen mit multiprofessionellen Teams aus Lehrer*innen, Sonderpädagog*innen, Schulsozialarbeiter*innen, Schulpsycholog*innen, Physiotherapeut*innen und vielen anderen, jedoch nicht möglich.

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