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Gute Lehre verwirklichen – jetzt handeln!

I) Analyse

Deutschland ist kein Vorzeigeland, wenn es um die Qualität der Lehre an Hochschulen geht und durch die starke Verschulung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat sich die Situation in den letzten Jahren eher noch verschlimmert. Die derzeitige Situation ist unter anderem von einem häufig sehr schlechten Betreuungsverhältnis zwischen Studierenden und Lehrenden geprägt. Einer Massenabfertigung gleichende Vorlesungen mit mehr als tausend Studierenden, monatelange Wartezeiten auf Sprechstundentermine, fehlende fachliche und soziale Studienberatung und Umstellungen auf Multiple-Choice Klausuren sind nicht gerade ein Aushängeschild für gute Lehre. Auch die Verfügbarkeit und Qualität von Räumlichkeiten und Materialien lassen häufig zu wünschen übrig. Einer der Gründe für diese Misere ist schlicht und ergreifend eine Mangel an finanziellen Mitteln. Abgesehen von der Tatsache, dass in Deutschland ohnehin zu wenig Geld in Bildung und Forschung fließt, kommt an Hochschulen ein Gros der Mittel der Forschung zugute, die Lehre hingegen kommt meistens zu kurz.

Neben finanziellen Problemen werden oft auch mangelnde didaktische Kompetenzen der Lehrenden beklagt. Auch der tollste Hörsaal und die kleinste Seminargruppe erfüllen ihren Sinn nicht, wenn DozentInnen es nicht schaffen, Wissen und Kompetenzen zu vermitteln und für ihr Fach zu begeistern. Die Problematik, dass gute Lehre an Hochschulen eher Mangelware ist, ist schon lange in der Öffentlichkeit angekommen, es werden viele Maßnahmen diskutiert, doch geändert hat sich bisher wenig.

 

II) Gute Lehre braucht ein solides Fundament!

Gute Lehre hängt von unglaublich vielen Faktoren ab – ein Zusammenspiel von fachlich aktuellen Informationen vermittelt mit innovativen Lehr- und Lernformen von motivierten, fachlich wie didaktisch hoch qualifizierte DozentInnen in geeigneten Räumlichkeiten an interessierte Studierende, die sich durch Gebührenfreiheit und eine gesicherte Studienfinanzierung frei ihren Studien widmen können sind nur einige wesentliche Punkte, die zu guter Lehre an Hochschulen beitragen. Bevor eine Diskussion um die besten Lehrmethoden oder die angebrachte Menge an Didaktikschulungen der DozentInnen Sinn macht, ist es jedoch wichtig, geeignete Rahmenbedingungen an den Hochschulen zu schaffen.

 

Kapazitäten ausbauen – Betreuungsverhältnisse verbessern!

Als Studierendenverband liegt die Forderung nach einer Verbesserung der Betreuungsrelationen an den Hochschulen natürlich sehr nahe – je mehr DozentInnen zur Verfügung stehen, desto besser kann individuelle Förderung und Betreuung der Studierenden funktionieren. Diese Forderung begründet sich nicht nur auf den Wunsch der Studierenden nach besserer Betreuung, sondern auch auf Vergleichsstudien mit den Bildungssystemen anderer Länder.

Im Jahr 2008 hat der Wissenschaftsrat in einer Studie die Betreuungsrelationen an deutschen Hochschulen mit den Verhältnissen in der Schweiz verglichen, die in dieser Studie als anzustrebendes Vorbild angesehen wird.[1] Auffällig ist, dass deutsche Hochschulen in allen sechs untersuchten Fächerkategorien bedeutend schlechter sind als das Vergleichsniveau. Das Verhältnis von ProfessorInnen zu Studierenden ist insbesondere in den Sprach- und Kulturwissenschaften mit 1:61 und in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften mit 1:83 erschreckend niedrig. [2]

Es ist nicht verwunderlich, dass ProfessorInnen unter diesen Prämissen eine wirkliche Betreuung der Studierenden gar nicht möglich ist. Demnach ist die Aufstockung der Betreuungsverhältnisse ein erster dringend notwendiger Schritt, der keinen Aufschub erlaubt.

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern eine sofortige Aufstockung der Anzahl der ProfessorInnenstellen in einem solchen Maße, dass das Betreuungsverhältnis das Niveau der Schweiz erreicht. Dies bedeutet bundesweit die Schaffung von 10280 neuen ProfessorInnenstellen alleine an den Universitäten. Dass zu diesen ProfessorInnenstellen auch die Schaffung zusätzlicher wissenschaftlicher und nicht wissenschaftlicher MitarbeiterInnenstellen gehört, versteht sich von selbst.

Langfristig ist eine weitere Analyse notwendig, in wie weit innovative Lehr- und Lernformen, besonderer Betreuungsbedarf in gewissen Studiengängen oder der Einsatz von alternativen Lehrformen (z.B. e-learning) zu einer Anpassung der Stellenanzahlen führen muss.

 

Solange das Haus noch nicht eingestürzt ist, kann man noch drin lernen, oder?

Im Hochschulalltag hat man sich meistens schon damit abgefunden, dass Vorlesungen in absolut überfüllten Hörsälen stattfinden, Kellerräume und Abstellkammern aus der Not heraus zu Büros oder gar Seminarräumen umfunktioniert werden, Barrierefreiheit eine Ausnahmeerscheinung ist und von ansprechender architektonischer Bauweise gleich gar keine Rede sein kann. Vielmehr werden undichte Dächer erst nach langer Zeit repariert, einige Hochschulen haben Fangnetze unter der Decke gespannt, da die Lampen nicht mehr so ganz stabil halten – summa summarum ein recht trauriges Bild, das der Großteil der Hochschulen in diesem Punkt abgibt.

Die Ausstattung der Räumlichkeiten ist dabei häufig nicht viel besser. Es ist in vielen Hochschulen an der Tagesordnung, dass ein Seminarraum von einer Tafel und einem meist defekten Overheadprojektor geziert wird. Mit etwas Glück bringt der Dozent seinen eigenen Beamer mit – die Krönung der medialen Hochschulausstattung. Ein geeigneter Vergleich für die Frage, in wie weit die mediale Ausstattung der Hochschulen angemessen ist, sind beispielsweise Seminare der Erwachsenenbildung. Hier sind Beamer eine Selbstverständlichkeit, Metaplanwände, Flipcharts und Moderationskoffer dürfen auch nicht fehlen. Um an den Hochschulen gute und professionelle Lehre anbieten und Wissenschaft betreiben zu können, muss die Methodenvielfalt der Lehrveranstaltungen deutlich innovativer werden.

 

Aus Sicht der Juso-Hochschulgruppen muss diesem sträflich vernachlässigten Thema endlich mehr Priorität beigemessen werden. Wir fordern kurzfristig eine konsequent bessere Ausstattung der Räumlichkeiten an Hochschulen, die moderne Lehr- und Lernformen erst ermöglichen. Darüber hinaus ist es notwendig die Ausgaben für den Hochschulbau in den nächsten Jahren deutlich zu erhöhen. Dabei muss Schluss sein mit der Politik der notwendigsten Nachbesserungen hin zu einer gezielten Planung, wie durch eine Kombination aus Neubauten und Sanierungen bessere Lernbedingungen ermöglicht werden, z.B. durch ein Mehr an geeigneten Seminarräumen, Gruppenübungsplätzen, etc.

 

Lehre in den Mittelpunkt stellen!

Studierende sind in Berufungskommissionen deutlich unterrepräsentiert. Mit ihrem Stimmenanteil können Sie im Regelfall kaum auf die Entscheidungsfindung Einfluss nehmen.

Allerdings sind Studierende die AdressatInnen dessen, was einen Großteil der zukünftigen Aufgaben der BewerberInnen ausmacht: der Lehre. Problematisch für diese Berufungsverfahren ist, dass nicht ohne weiteres eine „Qualität von Lehre“ gemessen werden kann und somit nicht als hartes Kriterium in diesen Verfahren beachtet wird. Im Gegensatz dazu sind Forschungs- und Publikationsleistungen relativ leicht zu recherchieren und haben häufig überproportionalen Einfluss auf Berufungsentscheidungen.

 

Es scheint der Grundsatz zu gelten: Wer gut forscht und publiziert, wird schon in der Lehre nicht viel falsch machen. Eine hochschuldidaktische Ausbildung bringen nur sehr wenige DozentInnen mit. Wir sind aber überzeugt, dass die Lehrkompetenz der BewerberInnen ein entscheidendes Berufungskriterium sein muss, damit Lehre nicht zur unbedeutenden Nebentätigkeit für ProfessorInnen neben ihren Forschungstätigkeiten wird.

 

Darüber hinaus müssen studentische VertreterInnen deutlich mehr Einfluss in Berufungskommissionen bekommen. Neben einer paritätischen Besetzung des Gremiums nach Statusgruppen an der Hochschule fordern wir ein Veto-Recht der studentischen VertreterInnensowie obligatorische öffentliche Probevorlesungen der BewerberInnen bei denen per Evaluation am Schluss ein Votum einer größeren Zahl von Studierenden eingeholt wird.

 

Gleichstellung im Wissenschaftsbetrieb verwirklichen!

Frauen sind im Wissenschaftssystem nach wie vor benachteiligt. Zwar spiegelt der Anteil der Studienanfängerinnen und Hochschulabsolventinnen fast den Anteil der Frauen in der Gesellschaft wieder, doch bereits nach dem Abschluss des Studiums sinkt der Anteil von Frauen im Wissenschaftssystem dramatisch. Auch in der Verteilung über die Fächer lässt sich immer noch ein eklatantes Missverhältnis konstatieren. Weiterhin sind Frauen in technischen Fächern unterrepräsentiert und in Geisteswissenschaften überrepräsentiert. Dabei gilt: Zu Guter Lehre gehört auch die Gleichstellung der Geschlechter im Studium. Eine Kosequente Politik dahin muss sich auf mehrere Punkte konzentrieren.

 

Die Zahl der HochschullehrerInnen eines Instituts muss paritätisch aus Männern und Frauen bestehen. Dies kann unter anderem über eine konsequente Quotierung der Dozierenden erreicht werden. Wenn Lehrveranstaltungen ausschließlich von Männern gehalten werden, kann sich kein Bewusstsein für die Benachteiligung von Frauen entwickeln.

 

Das Konzept des Gender Mainstreaming muss konsequente Anwendung auf den Lehrbetrieb einer Hochschule finden. Kein Bereich darf davon ausgenommen werden. Sowohl bei Lehrenden, Lehrveranstaltungen, Lehrmitteln und Lehrplänen muss auf geschlechterspezifische Elemente Rücksicht genommen werden, ohne evtl vorhandene geschlechterspezifische Klischees zu bedienen oder zu verstärken. Nur so kann die Ansprache von Frauen verbessert und die Sensibilität gegenüber geschlechterspezifischer Benachteiligungen erhöht werden.

 

Dozierende müssen im Rahmen ihrer didaktischen Ausbildung mit dem Konzept des Gender Mainstreaming vertraut gemacht werden. Eine Anwendung dieses Konzeptes muss für alle Lehrveranstaltungen vorgeschrieben werden. Ein Beispiel hierfür ist geschlechtergerechte Sprache. Im Sinne der Vorstellung eines Querschnittsthemas Gleichstellung müssen Lehrveranstaltungen auf den Einbau von Genderthemen geprüft und ggf. angepasst werden. Lehrmittel müssen auf geschlechtergerechte Sprache verpflichtet werden und auf Klischeehafte Darstellung der Geschlechter verzichten. Lehrpläne müssen bspw. Lehrveranstaltungen mit explizitem Genderinhalten vorschreiben.

 

Gute Lehre braucht eine gute Finanzierung!

Wir erheben den Anspruch, die Lehre an deutschen Hochschulen grundlegend zu verbessern. Die dafür notwendigen Veränderungen können nicht kostenneutral erfolgen. Viele Ideen zur Verbesserung von Lehre, die insbesondere in den folgenden Abschnitten angesprochen werden, sind auch ohne größere Aufwendungen möglich.

Allerdings ist gerade das Aufstocken der Kapazitäten ein Projekt, das deutliche finanzielle Investitionen erfordert. Die Notwendigkeit dieser Veränderungen steht für uns trotzdem außer Frage. Alleine an den Universitäten ergibt sich ein sofortiger Investitionsbedarf von 3,3 Milliarden Euro. Diese setzen sich zusammen aus knapp 1 Mrd. für die zusätzlichen 10280 ProfessorInnenstellen.[3]  Veranschlagt man pro ProfessorIn im Durchschnitt 3 zusätzliche wissenschaftliche MA-Stellen, erfordert dies weitere Aufwendungen i.H.v. knapp 1,3 Mrd. Euro. Für notwendige Fortbildungen der DozentInnen und weitere Materialkosten ergeben sich nach der Studie des Stifterverbandes weitere Forderungen über rund 1 Mrd. Euro.

Um also das gemeinsame Niveau der Betreuungsverhältnisse an Universitäten und Fachhochschulen auf die formulierten Zielvorgaben anzuheben, fordern wir Juso-Hochschulgruppen ein sofortiges Investitionsprogramm von 5 Mrd. Euro jährlich sowie einen massiven Anstieg der Grundmittel der Hochschulen in den nächsten Jahren zur Finanzierung der neugeschaffenen Stellen.

Über die neuen Stellen hinaus gibt es natürlich weiteren Investitionsbedarf, insbesondere beim Hochschulbau: Um nur dem dringendsten Sanierungsbedarf der Hochschulgebäude nachzukommen rechnet die HRK mit einem Bedarf von 25 Milliarden Euro. Hinzu kommen weitere nennenswerte Aufwendungen für den Umbau von Gebäuden auf Barrierefreiheit und zur Schaffung besserer Lern- und Lehrbedingungen.

III) Gute Lehre im Bologna-Prozess

Ein wesentliches Ziel der Studienreform, die seit einem Jahrzehnt in Europa vorangetrieben wird, ist die Verbesserung der Lehre an den Hochschulen. Hier wird unermüdlich von „studierendenzentrierter Lehre“ sowie dringend benötigten neuen „Lern- und Lehrformen“ gesprochen. Betrachtet man jedoch den Erfolg der bisherigen Umsetzung in Deutschland, ist das Fazit leider ernüchternd.

Es wurde vielfach nicht nur verschlafen, innovative Lehrkonzepte an die Hochschulen zu bringen, sondern – vollkommen kontraproduktiv – sorgen in den letzten Jahren vermehrt Anwesenheitspflichten, Prüfungslast und verschulte Studiengänge dafür, dass die Lehre an deutschen Hochschulen sich massiv verschlechtert hat. Ein Ausweg kann dabei jedoch keinesfalls die Beweihräucherung der alten Studiengänge mit der Forderung nach der Rückkehr zu den alten Diplom- und Magisterprüfungsordnungen sein. Vielmehr muss sich unserer Blick stets in die Zukunft richten: Viele Vorschläge, die durch den Bologna-Prozess ursprünglich angestoßen werden sollten, sind richtig, und es bedarf im Wesentlichen dem Mut und der Mittel, dies an die Hochschulen zu bringen statt nur alten Wein in neue Schläuchen unter dem Deckmantel marktwirtschaftlicherer Verwertungslogik zu pressen.

 

Für uns Juso-Hochschulgruppen ist klar: Im nächsten Jahrzehnt muss eine qualitative und inhaltliche Reform der Studiengänge in Deutschland zum Wohle der Studierenden erfolgen. Diese fügt sich in den europäischen Gedanken der Bologna-Reform ein und korrigiert gleichzeitig die fehlgeleiteten Versuche der letzten Jahre die Hochschulen zu Ausbildungsanstalten verkommen zu lassen, in den die Studierenden lediglich Pflichtkurse absolvieren und Zeit absitzen, um so mehr als Kunde denn als essentieller Teil des Wissenschaftsbetriebes zu agieren.

Zentrale Bestandteile, um die Lehre in Deutschland wieder auf die Beine zu bringen, müssen dabei sein:

-   Abschaffung der Anwesenheitspflicht: Wir Juso-Hochschulgruppen sind überzeugt davon, dass Veranstaltungen an der Hochschule so interessant gestaltet sein müssen, dass Studierende aus eigenem Antrieb an ihnen teilnehmen um sich zu bilden. Die Erzeugung von Druck durch Anwesenheitslisten oder ähnliches Drohpotential lehnen wir aufs Schärfste ab! Jeder und jedem Studierenden sollte die eigenständige und eigenverantwortliche Entscheidung zugestanden werden, in welcher Form er oder sie lernen möchte. Studierende sollen sich in ihrem Studium bilden, sich Wissen aneignen und lernen, wissenschaftlich zu arbeiten – in schäbigen Hörsälen bei schlechten DozentInnen Zeit absitzen ist für uns keine erstrebenswerte Qualifikation.

-   Weniger Prüfungslast – Qualität statt Quantität: Vielfach wurde mit der Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen auch eingeführt, dass Studierende am Ende des Semesters binnen weniger Tage eine Fülle an Prüfungen ablegen müssen. Studierende werden hierbei genötigt, innerhalb kürzester Zeit unglaublich viele Informationen für lauter einzelne Prüfungen in sich „reinzufressen“, die sie im Anschluss nicht sinnvoll weiter verwenden können. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern daher eine sofortige Reform der Prüfungspraxis. Dazu gehört eine deutliche Reduzierung der Anzahl der Prüfungen sowie gezieltere studienbegleitende Prüfungen, die darauf abzielen, dass Studierende Zusammenhänge im Fachgebiet verstehen und sich nicht auf das Auswendiglernen von Fakten beschränken.

-   Weg mit dem Muff von 1000 Jahren!

Die zentrale Herausforderung des nächsten Jahrzehnts bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses liegt nicht nur bei der KMK, der HRK oder gar beim BMBF, sondern an den Hochschulen vor Ort. Es muss endlich gelingen eingefahrene Strukturen an den Hochschulen aufzubrechen und die Professorinnen und Professoren davon zu überzeugen ihre Veranstaltungen modernen Gegebenheiten anzupassen. Lernendenzentrierung, Modularisierung und eine größere Befähigung der Studierenden ein Teil des wissenschaftlichen Prozesses zu sein stehen dabei im Mittelpunkt. Solange die DozentInnen an den Hochschulen nicht bereit sind, sich diesen Herausforderungen zu stellen und ihre bisherige Form der Lehre zu reformieren, kann keine Studienreform der Welt erfolgreich sein.

 

IV) Wie soll Gute Lehre aussehen?

Befasst man sich mit dem Thema „Gute Lehre“ muss man sich zunächst einmal die Frage stellen, was gute Lehre eigentlich ausmacht und wie wir sie uns vorstellen. Neben den Rahmenbedingungen, die zunächst gegeben sein müssen, gibt es auch in der Lehre an sich viele Bereiche, die zu dem Gesamtbild guter Lehre beitragen:

 

a) Gelungene Organisation und Koordination des Studiums!

Gute Lehre beginnt mit einer gelungene Organisation des Studiums. Es bedarf einer zeitlichen Koordination sowie einer inhaltlichen Abstimmung der Lehrveranstaltungen aufeinander, die in einem sinnvollen und erkennbaren Zusammenhang zueinander stehen sollten. Außerdem sollte die Verständlichkeit der Studien- und Prüfungsordnung und deren Nachvollziehbarkeit durch die Studierenden gewährleistet sein.

 

b) Flächendeckende Angebote der Betreuung und Einführung!

Auch die Betreuung der Studierenden zählt im weiteren Sinne zur Lehre. Gerade in der Studieneingangsphase ist ein spezielles Betreuungsangebot sinnvoll und notwendig, um Information, Orientierung und Bindung zu vermitteln. Daran anschließen sollen sich studienbegleitende Tutorien. Entscheidend ist, dass Betreuung zeitnah und individuell stattfindet und von den Lehrpersonen selber bestritten wird, die hierfür eine spezielle Schulung in Form von Kursen in Qualifizierungsprogrammen erhalten haben.

 

c) Fachliche Lehrqualität!

Selbstverständlich gehört zu guter Lehre eine hohe fachliche Qualität der Veranstaltungen. Veraltete Materialien oder seit zehn Jahren unveränderte Vorlesungen spiegeln oft nicht mehr den aktuellen Wissensstand wieder und haben in Lehrveranstaltungen nichts verrloren! Stattdessen müssen aktuelle Forschungsergebnisse Einzug in die Lehre finden, was nur durch eine Verzahnung von Forschung und Lehre geschafft werden kann.

 

d) Didaktische Lehrqualität!

Gute Lehre kann nur stattfinden, wenn die didaktische Vermittlung des Lehrstoffes und der Kompetenzen klappt. Dozierende müssen neben ihrer fachlichen Kompetenz auch große Kompetenzen im Bereich der Hochschuldidaktik haben, um strukturierte, ansprechende und gehaltvolle Veranstaltungen anbieten zu können, die über einen sturen Frontalunterricht hinausgehen. Es geht nicht nur darum, zu lehren, sondern auch darum, das Lernen zu ermöglichen.

 

Erlernen selbstständigen und wissenschaftlichen Arbeitens, kritisches Denken fördern!

Ziel guter Lehre sollte nicht nur eine reine Wissensvermittlung sondern vor allem auch eine Vermittlung von Kompetenzen und überfachlichen Qualifikationen sein. Studierende sollen lernen, selbstständig und wissenschaftlich zu arbeiten. Hierfür ist es nötig, im Studium Freiräume für selbstständige Arbeit zu lassen, bei der die Dozierenden nur unterstützend zur Verfügung stehen sollten. Eine wissenschaftliche Herangehensweise an Fragestellungen sollte durch Forschungsteilnahme vermittelt werden.

Neben dem selbstständigen Arbeiten sollte im Studium immer das kritische Denken und Hinterfragen gefördert sowie ein Problem- und Methodenbewusstsein entwickelt werden. Auch Strukturierungsfähigkeit und Selbständigkeit sind Ziele des Studiums. Lehre soll zum Nachdenken animieren und dazu, auch mal um die Ecke zu denken. Das Selbststudium sowie das Lernen in Kleingruppen soll gefördert werden.

 

Einbeziehen der Studierenden!

Nur wenn Studierende in den Lehrprozess mit einbezogen werden kann gute Lehre stattfinden! Studierende und Lehrenden sind aktive Partner in einem gemeinsam zu gestaltenden Lernprozess. Raum für Diskussionen und eine Mitgestaltung der Veranstaltungen durch die Studierenden gehören ebenso dazu wie von den Studierenden alleine und in Eigenorganisation durchgeführte Seminare, Tutorien, Workshops oder kleine Forschungsprojekte.

 

e) Forschungsteilnahme ermöglichen, Forschungsbezug und Praxisbezug herstellen!

Es ist höchst bedenklich, dass rund ein Drittel der Studierenden den qualitativen Gehalt der Forschungsteilnahme in ihrem Studium gar nicht beurteilen kann, weil offensichtlich dazu keine Erfahrungen vorliegen. Mehr als ein Drittel kommt außerdem in diesem Punkt zu einer negativen Einschätzung. Zu guter Lehre gehört, Studierenden schon während des Studiums die Möglichkeiten einer Forschungsteilnahme zu bieten sowie den Forschungsbezug in der Lehre herzustellen. Gute Dozierende spannen außerdem einen Bogen zwischen Theorie und Praxis, wobei je nach Studiengang auch in das Studium integrierte Praktika helfen können.

 

f) Rückmeldungen und Orientierung für die Studierenden und Lehrenden!

Zu guter Lehre gehört auch, dass Lehrende Rückmeldung geben. Ähnlich wie in der Schule sind Noten und Prozentzahlen dafür in der Regel ein wenig geeignetes Mittel. Jedem und jeder Studierenden sollte regelmäßig eine individuelle Rückmeldung und Orientierung gegeben werden, um zu erkennen, in welchen Bereichen Fortschritte zu sehen sind, wo Schwerpunkte liegen könnten und in welche Richtung es weitergehen soll. Im Dialog mit den Studierenden sollen die Lehrenden über die Qualität ihrer Veranstaltung reflektieren und diese so sicher stellen.

 

g) Blick über den Tellerrand ermöglichen!

Gute Lehre beinhaltet auch viele Blicke über den Tellerrand. Zum einen durch die Möglichkeit, ein breit gefächertes Spektrum an Veranstaltungen zu besuchen, die auch über den eigenen Studiengang hinaus gehen, zum anderen aber auch, in dem Dozierende selber die Verknüpfung zu verwandten Bereichen herstellen und Probleme auch mal aus anderen Perspektiven beleuchten.

 

h) Gutes Lernklima schaffen!

Zu einem guten Lernklima gehören ausreichend große und gut ausgestattete Räumlichkeiten genau so wie kleine Lerngruppen, eine Akzeptanz der Studierenden als gleichwertige Diskussionspartner durch die Lehrenden und ein Klima wechselseitiger konstruktiver Kritik. Nicht dazu gehört ein starker Zeit- und Leistungsdruck.

 

V) Instrumente zur Verbesserung der Lehre

a) Qualitative Studienreform

Zur Umsetzung guter Lehre gehört für uns Juso-Hochschulgruppen auch eine qualitative Studienreform. Ausgehend von einem emanzipatorischen Bildungsbegriff müssen endlich die Forderung nach selbstbestimmtem Lernen und die Entwicklung von Kritikfähigkeit im Vordergrund jeglicher Reformdiskussionen stehen! Nur so kann umfassende Bildung maßgeblich zu gesellschaftlicher Partizipation beitragen, deshalb darf das Studium in Zukunft nicht mehr auf dem alleinigen Erwerb von Faktenwissen in streng getrennten Fachrichtungen beruhen.

Leitideen für eine qualitative Studienreform müssen sein:

 

Interdisziplinarität: Zur Lösung komplexer Probleme ist mehr als nur das Wissen aus einer Disziplin notwendig. Das Studium muss stärker interdisziplinär ausgerichtet und die Grenzen zwischen den einzelnen Fächern neu definiert und durchlässiger gestaltet werden.

 

Projektorientierung: Die oft willkürlichen Aufspaltung zu lösender Probleme zwischen "Theorie" und "Praxis" oder entlang der Grenze zwischen den einzelnen Spezialdisziplinen ist nicht nur schlichtweg unsinnig, sie führt auch dazu, dass wesentliche Aspekte des Studiums (z.B. Forschungsfolgenabschätzung, Wissenschaftskritik und -ethik) kaum integrierbar sind. In einem stärker an der Arbeit in Projekten orientierten Studium können komplexe Lösungswege exemplarisch erprobt und auf andere Probleme übertragen werden.

 

Aufhebung der Grenzen zwischen den verschiedenen Hochschultypen: Durch die Entwicklung eines durchlässigen, horizontal differenzierten Bildungssystems mit unterschiedlich gewichteten Theorie- und Praxisanteilen wird eine institutionelle und selektive Trennung zwischen verschiedenen Hochschulformen  überflüssig.  Innerhalb eines Projekts ist es sinnvoll, dass die Lernenden sowohl von ihrer Schwerpunktlegung her (Anwendungsorientierung vs. theoretische Fragestellungen) als auch was ihre Fachrichtung angeht unterschiedlich ausgerichtet sind, denn so können sie am besten voneinander profitieren. Insofern läuft die Projektorientierung auf das Konzept einer modifizierten Gesamthochschule hinaus.

 

Modularisierung des Studiums und didaktische Lehrformen: Module sind in unserem Verständnis in sich abgeschlosssene, problemorientierte Studienelemente, die es ermöglichen, in einem vorgegebenen Rahmen obligatorischer Studienanteile konsekutiv, kombiniert oder einzeln studieren zu können. Innerhalb der Module sollte die Entscheidung über verschiedene didaktische Lehrformen je nach Problemlösungsziel des jeweiligen Studienabschnittes in freier Vereinbarung zwischen Studierenden und Lehrenden getroffen werden. Für die Belegung der Module soll den Studierenden möglichst viel Wahlfreiheit eingeräumt werden, damit sie ihren individuellen Neigungen Rechnung tragen können. Statt zeitlich geballter Abschlussprüfungen am Ende eines Semesters soll es eine studienbegleitende Zertifizierung der Module geben.

Eine solche offene und durchlässige Gliederung des Studiums soll für die Studierenden mehrere Zugangs- und Abgangsmöglichkeiten schaffen und so das Prinzip vom klassischen in sich geschlossenen Studiengangs ersetzen.

 

Schlüsselqualifikationen“: Die Hochschulen müssen in allen Phasen des Studiums Veranstaltungen zu solchen Bereichen anbieten, die sich nicht einzelnen Disziplinen oder Studiengängen zuordnen lassen und deshalb im Moment im Studium deutlich zu kurz kommen.

 

b) Neue Lernkonzepte durch veränderte Lehrkonzeptionen

Ein großes Problem in der Lehre an deutschen Hochschulen ist, dass viele DozentInnen die Hochschule immer noch als eine Institution ansehen, die, neben der Forschung, in erster Linie den Studierenden Wissen „übermitteln“ soll. Hier wird allerdings das Mittel (die Lehre) mit dem Zweck (studentisches Lernen zu ermöglichen) verwechselt.

 

Neue Lernkonzeptionen verwirklichen

Lernkonzeptionen, die Wissen als etwas von außen eingegebenes sehen, das von Studierenden aufgenommen und abgelegt wird um reproduziert werden zu können, sind völlig veraltet! Viel mehr sollen der Sinn und die Bedeutung des Wissens eine zentrale Rolle spielen (Verstehen, etwas auf andere Weise sehen, sich als Person verändern[4]). In diesen Lernkonzeptionen beeinflusst der/die Lernende selber aktiv die Ausgestaltung des individuellen Wissens. Nur ein solches Tiefenlernen bedeutet die wirkliche Auseinandersetzung mit einer Aufgabe. Eine Leistungsorientierung ist dabei völlig unangebracht, da sie eine Fokussierung auf das Ergebnis, also eine Zensur, mit sich bringt, und die Aufgabe, eigentlich das Entscheidende, lediglich zum Mittel zum Zweck degradiert wird. Lernergebnisse müssen daher nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ erhoben werden. Es ist nicht unbedingt entscheiden, wie viel gelernt wurde, sondern vor allem auf welche Weise. Viel Faktenwissen ohne das Verstehen von Zusammenhängen, das nach kurzer Zeit sowieso wieder vergessen wird, kann auf kurze Sicht zwar ein hohes quantitatives Wissen sein, ist aber qualitativ so mangelhaft, dass der Lernzuwachs auf lange Sicht gegen null läuft.

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern daher eine Form der Lehre die das Tiefenlernen ermöglicht, in dem die Studierenden selber aktiv die Ausgestaltung des individuellen Wissens wahrnehmen. Das geht nur mit einer studierendenzentrierten Lehre.

 

Der Einfluss der Lernumgebung

Leider finden wir an deutschen Hochschulen häufig Bedingungen vor, die vorhandene Interessen und die intrinsische Motivation von Studierenden reduzieren, anstatt sie zu fördern und auszubauen. Dazu zählen u.a. das Einengen von Spielräumen und von Wahlmöglichkeiten (heute verschärft durch die zunehmende Verschulung insbesondere der BA/MA-Studiengänge), Rückmeldungen über den Lernfortschritt, die als massive Kontrolle erlebt werden sowie ein Unterrichtsklima, das durch mangelnde Partnerschaftlichkeit und mangelnde Kooperation charakterisiert ist.[5]

Wir Juso-Hochschulgruppen fordern daher eine Lernumgebung, in der die Dozierenden angemessene und hilfreiche Rückmeldungen geben, klare Lernziele formulieren und den Studierenden sagen, was sie von ihnen erwarten, Gelegenheit zu Fragen geben und Zeit für Beratungsgespräche haben, versuchen, die studentischen Lernschwierigkeiten zu verstehen und den Studierenden Möglichkeiten zu unabhängigem Lernen (sowohl was als auch wie sie lernen) einräumen.

 

Studierendenzentrierte Lehrkonzeptionen entwickeln

Theorien gehen davon aus, dass Qualität der Lehre nicht unbedingt von einzelnen didaktischen Fähigkeiten abhängt, sondern eher von den allgemeinen pädagogischen Zielvorstellungen, der motivationalen und kognitiven Einschätzung der Studierenden und der Überzeugung der/des Dozierenden in Bezug auf seine/ihre eigene Rolle als HochschullehrerIn[6]. Die existierenden unterscheidbaren Lehrkonzeptionen reichen von der dozierendenzentrierten Informationsvermittlung bis zur studierendenzentrierten Erleichterung des Lernens. Es reicht also nicht aus, den Dozierenden neue Lehrmethoden anzutrainieren, man muss ihre zugrunde liegenden Lehrkonzeptionen berücksichtigen und verändern, um eine grundlegende Veränderung ihrer Lehrpraxis erreichen und somit gute Lehre etablieren zu können. Daher fordern wir, dass ein Qualifizierungsprogramm auch Angebote zu Theorien des Lehrens- und Lernens beinhalten muss, in dem pädagogische Zielvorstellungen und die Rolle der Dozierenden diskutier werden.

Wir Juso-Hochschulgruppen wollen Lehren als interaktiver Prozess, in dem der/die Dozierende auch TutorIn ist, der/die Lernen ermöglich. Studierende konstruieren ihr Wissen in dem von Dozierenden gesetzten Rahmen selbst, der/die Dozierende ist für die Entwicklung der Studierenden als Personen und für die Entwicklung und Veränderung ihrer Konzeptionen verantwortlich. Die Aufgabe der Lehrenden muss darin gesehen wird, Lernumgebungen zu schaffen, in denen studentisches Lernen ermöglicht und erleichtert wird, denn gute Lehre bewirkt studentisches Lernen auf hohem Niveau.

Um die Lehrkonzeptionen der Dozierenden zu verändern bedarf es viel Zeit. Entsprechende Seminare sollten zunächst dafür sorgen, dass DozentInnen ihre eigenen Lehrkonzeptionen - und gegebenenfalls auch die Diskrepanzen zwischen geäußerter Theorie und dem tatsächlichen Lehrverhalten - bewusst werden, und ihnen dann vermitteln, dass es qualitativ unterschiedliche Lehrkonzeptionen gibt und welche Konsequenzen diese auf das studentische Lernen haben. Danach sollte am Aufbau einer neuen Lehrkonzeption gearbeitet werden. Dafür können zum Beispiel Videos mit Beispielen zu verschiedenen Lehrstrategien gezeigt werden, die von Studierenden kommentiert und dann von den Dozierenden diskutiert werden.

Entscheidend ist, dass Dozierende nicht nur wissen, dass in der Hochschullehre auch qualitative Ziele verfolgt werden, sondern dass sie dieses Prinzip auch umsetzen. Neben der Veränderung der eigenen Lehrkonzeption ist es auch Aufgabe der Dozierenden, Lernsituationen zu schaffen, in denen auch die Studierenden die Gelegenheit haben, ihre Lernkonzeptionen zu entwickeln und zu verändern.

Maßnahmen zur Qualitätssicherung in der Lehre sollten deshalb in Zukunft auch die Strategien und Konzepte der Dozierenden, zum Beispiel mit Hilfe von Lehrportfolios, mit einbeziehen.

 

c) Didaktische Qualifizierung der Lehrenden

Um eine qualitative Studienreform zu verwirklich und Lehr- und Lernkonzeptionen zu verändern ist es schlussendlich notwendig, Anforderungen an die didaktische Qualifizierung der Lehrenden zu stellen.

 

Einrichtung bzw. Ausbau von hochschulischen Fortbildungseinrichtungen und Fachzentren für Hochschullehre

Zur Durchführung eines Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramms sollen Fortbildungszentren eingerichtet werden. Hier sollen Ergebnisse der Lehr- und Lernforschung rezipiert und genutzt werden, um ein umfassendes Programm für Dozierende und solche, denen diese Aufgabe bevor steht, anzubieten.

Um auf die Bedürfnisse einzelner Fachbereiche einzugehen sollen Fachzentren eingerichtet werden, in denen FachvertreterInnen gemeinsam mit anderen ExpertInnen aus der Lehr- und Lernforschung, der Psychologie und der Erziehungswissenschaft an einer fachspezifischen Weiterentwicklung der Lehre arbeiten.

Einführung eines flächendeckenden hochschuldidaktischen Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramms

Um in der Lehre etwas zu verändern ist es entscheidend, bei den Menschen anzusetzen, die lehren. Hierfür bedarf es eines umfassenden, systematischen, gestuften und individuell anpassbaren Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramms, das Methoden des Lehrens und Lernens vermittelt, Lehrende von der Promotion bis zum Ende der Lehrtätigkeit mit einbezieht und eine kontinuierliche Weiterbildung ermöglicht.

Ein solches Programm soll sich an all diejenigen richten, die an den Hochschulen lehren, und zwar auf allen Status- und Qualifikationsebenen, und verschiedene Kompetenzbereiche und –stufen umfassen. Für uns Juso-Hochschulgruppen könnte ein Qualifizierungs- und Fortbildungsprogramm in etwa folgendermaßen ausgestaltet sein:

Auf einer Grundebene müssen studentische Lehrende, die als studentische Beschäftigte beispielsweise Tutorien übernehmen, auch ohne eine spätere Lehrtätigkeit anzustreben, mindestens eine grundlegende Einführung in die Didaktik erhalten. In dieser müssen u.a. Ziele und Methodik der Lehrveranstaltung herausgestellt werden.

Die erste Kompetenzstufe soll einen Einstieg in die Lehre, zum Beispiel für Promovierende, ermöglichen. Schwerpunkte sollten die Planung und Durchführung von ersten Lehrveranstaltungen, die Definition von Lernzielen und Methoden zur Aktivierung Studierender sein.

Die zweite Kompetenzstufe dient dem Aufbau von Lehrkompetenz und richtet sich an AnfängerInnen/AssistentInnen mit erster Lehrerfahrung. Hier soll es zusätzlich um die Planung und Organisation der eigenen Lehre, kooperatives und individuelles Lernen, Methoden zur Unterstützung studentischen Lernens, die Gestaltung und Durchführung von Prüfungen sowie Konzepte der Qualitätssicherung- und -entwicklung gehen.

Die dritte Kompetenzstufe stellt den systematischen Aufbau von Lehrkompetenz mit einem Lehrportfolio dar und richtet sich an Lehrpersonen, die eine Hochschullaufbahn anstreben und ihre Lehrkompetenzen sichtbar machen wollen. In verschiedenen Kursangeboten und Hospitationen soll die Lehrkompetenz erweitert und mit Hilfe eines Lehrportfolios reflektiert werden. Diese Kompetenzstufe sollte erreicht worden sein, wenn eine Professur angetreten wird.

Die vierte Kompetenzstufe richtet sich schließlich an erfahrene Lehrpersonen, Professorinnen und Professoren, Privatdozierende und Post-Docs. Lehrkompetenzen sollen Professionalisiert und Theorien des Lehrens und Lernens erarbeitet werden.

Nach bzw. neben diesen vier Kompetenzstufen soll es ein Programm zur individuellen Vertiefung von Lehrthemen mit einer breiten Palette hochschuldidaktischer Themen geben, das sich an Lehrende der grundständigen Studiengänge richtet. Hier kann es zum Beispiel um Fragen der Entwicklung neuer Lehrkonzepte oder ganzer Studiengänge, das Management von Studiengängen sowie weiterführende Fragen der Studierendenberatung und -betreuung gehen.

Über die Kursangebote hinaus sollte es weitere Unterstützung für die kontinuierliche

Entwicklung der eigenen Lehrkompetenzen geben, zum Beispiel in Form von Mentoring-Programmen für Nachwuchskräfte.

Für die verschiedenen Kompetenzstufen soll ein zunächst deutschlandweites, später auch auf europäischer Ebene einheitliches Zertifizierungssystem entwickelt werden. So sollen zum einen ähnliche Standards erreicht werden, zum anderen können erlangte Qualifikationen beim unter WissenschaftlerInnen doch sehr häufig vorkommenden Hochschulwechsel mitgenommen werden, um darauf weiter aufbauen zu können. Außerdem sollen gewisse Qualifizierungsgrade verpflichtend für das Erlangen verschiedener Positionen sein. Eine Berufung ohne jegliche Form der didaktischen Qualifizierung darf es nicht mehr geben!

 

d) Lehrpreise und die Exzellenzinitiative der Lehre

Dass der Glaube an eine künstlich durch Exzellenzinitiativen und ähnliche Maßnahmen herauszubildende gesellschaftliche Elite unsinnig ist, wissen wir nicht erst seit gestern. Der Gipfel einer fehlgeleiteten Denke der letzten Jahre war die Exzellenzinitiative der Lehre, die 2008 vom Stifterverband ausgelobt wurde. Demnach soll es in Deutschland zehn Universitäten und Fachhochschulen geben, die innovative Lehrkonzepte entwickeln. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern hingegen, dass allen Studierenden die bestmögliche Lehre zu Gute kommt und sich nicht nur 10 Hochschulen Gedanken um gute Lehre machen. An allen Hochschulen in Deutschland muss der Stellenwert der Lehre steigen. Dozentinnen und Dozenten müssen regelmäßig ihre Lehrkonzepte überdenken und weiterentwickeln. Generell ist der Wettbewerbswahnsinn von DFG und Stifterverband als nicht zielführend abzulehnen. Durch einen gezielten Austausch unter WissenschaftlerInnen können diese Lehrmethoden dann optimiert werden. Dies wäre weitaus erfolgsversprechender als zu glauben, dass kleine Förderbeträge an zehn versprengte deutsche Hochschulen konzeptlos zu verteilen die Lehre in ganz Deutschland verbessern würden.

Genauso wenig wie die Exzellenzinitiative der Lehre des Stifterverbandes geeignet ist um die Lehre nachhaltig und flächendeckend zu verbessern können Lehrpreise einen ausreichenden Anreiz für ProfessorInnen sein, der Lehre einen höheren Stellenwert in ihrer Arbeit zu geben. Stattdessen sollen Arbeitsbereiche von Hochschulen, die sich besonders um gute Lehre bemühen, finanzielle Unterstützung bekommen. Solange ProfessorInnen für gute Leistungen in der Forschung Reputation, verbesserte Ausstattung und besseres Gehalt ernten, aber für Engagement in der Lehre lediglich  ein gutes Gewissen oder bestenfalls noch ein Lehrpreis der Hochschule zu holen ist, wird sich der Stellenwert der Lehre nicht verbessern.

Während dotierte Lehrpreise ein erster Schritt sind um die Lehre in den Fokus der ProfessorInnen zu rücken fordern Juso- Hochschulgruppen, dass sich das Engagement in der Lehre für ProfessorInnen künftig auch Abseits von Wttbewerben in der Ausstattung der Lehrstühle und Fachbereiche niederschlägt.

 

VI) Qualität von Lehre sichern und verbessern

Verbesserung der Lehre kann nur mit geeigneten Instrumenten zur Qualitätssicherung betrieben werden. Unter diesem Schlagwort verstehen wir Juso-Hochschulgruppen explizit mehr als Alibi-Evaluationen von Lehrveranstaltungen, die als Papiertiger in den Schubladen der Dekanate verstauben. Wir fordern, dass Qualitätssicherung endlich ernst genommen wird und insbesondere ein ernsthaftes und unabhängiges Feedback der Studierenden die Lehre der zukünftigen Semester gestaltet.

Mit untragbaren Zuständen, wo DozentInnen die Evaluation ihrer eigenen Veranstaltung organisieren und auswerten muss endgültig Schluss sein. Um vernünftig und unabhängig die Lehre zu evaluieren, wird ein professionellerer Ansatz benötigt, der nicht von den Hochschulen alleine betrieben wird. Wir fordern daher, dass diese von unabhängigen externen Evaluierungsinstituten unterstützt werden. Diese Institute sollen in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachbereichsräten auf angemessene Weise die Daten von den Studierenden erheben und diese auswerten. Im Anschluss sollen diese Auswertungen dann zurückgegeben werden in die Fachbereichsräte, wo über notwendige Konsequenzen wie Überarbeitung des Veranstaltungskonzeptes, räumliche Veränderungen, Didaktikfortbildungen für DozentInnen oder andere Maßnahmen entschieden wird.

Die Daten, die von den Studierenden erhoben werden, müssen unbedingt Aussagen über folgende Merkmale enthalten:

-         Angaben zu den Lehrmethoden der DozentInnen und wie die Studierenden diese einschätzen

-         Angaben zum Lernfortschritt durch die Veranstaltung / das Modul

-         Angaben zur räumlichen Situation

-         Ermittlung des realen Workloads einer Veranstaltung / eines Moduls

 

Neben der Evaluation ist die Akkreditierung zur Feststellung der Studierbarkeit von Studiengängen ein elementarer Bestandteil der Qualitätssicherung. Trotz erheblicher Mängel in den derzeit gängigen Verfahren ist die Akkreditierungspraxis unter starker Beteiligung von Studierenden weiter auszubauen.

 

Es ist gelebte Praxis in Deutschland, dass über Lehreevaluation und Akkreditierung hinaus keinerlei Qualitätssicherung stattfindet. Meist werden diese beiden Maßnahmen auch nur sehr unbefriedigend durchgeführt und fokussieren sich viel zu stark auf die Lehre im engsten Sinne. Doch auch die Studienbedingungen und organisatorische Fragen müssten evaluiert werden, um das Studium für die Studierenden zu verbessern. Die Angemessenheit räumlicher und technischer Gegebenheiten der Hochschulen, Beratungsangebote und Verwaltungsabläufe sowie letztlich auch Wohn- und Versorgungseinrichtungen schaffen ebenso notwendige Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Studium.

Es ist daher notwendig, dass jede Hochschule ein eigenes Qualitätsmanagementsystem aufbaut und eine eigene Abteilung der Hochschule sich um diese Themen kümmert. Nur durch erhebliche Anstrengungen auch in diesem Bereich kann Lehre dauerhaft verbessert werden. Die bisherigen Alibi-Maßnahmen der meisten Hochschulen müssen endgültig der Vergangenheit angehören!

Außerdem ist die Einbindung der Studierenden in die Maßnahmen der Qualitätssicherung noch deutlich ausbaubar. Denn schließlich sollte die Lehre auf die Bedürfnisse derjenigen eingehen, für die sie gemacht wird – die Studierenden.



[1] Quelle: Empfehlungen zur Qualitätsverbesserung von Lehre und Studium, Wissenschaftsrat 2008

[2] Hier handelt es sich um die Betreuungsrelation Studierender innerhalb der Regelstudienzeit je hauptberuflichem Professor

[3]  

Fächergruppe

Anhebung des Betreu-ungsverhältnisses um

Anzahl neuer Professuren

Kosten in Millionen Euro

Sprach- und Kulturwissenschaften

52%

2635

237,2

Jura / Wirtschafts- und Sozialwissenschaften

107%