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Ein europäischer Hochschulraum braucht soziale Prioritäten

Die Juso-Hochschulgruppen begrüßen grundsätzlich die Idee des Bologna Prozesses zur Schaffung eines Europäischen Hochschulraumes und das damit verbundene zunehmende Zusammenwachsen der europäischen Hochschulsysteme. Wir Juso-Hochschulgruppen teilen die Überzeugung, dass ein gemeinsamer Hochschulraum, in dem mehr Studierende, Lehrende, Forschende und Arbeitende über nationale Grenzen hinweg mobil sind als dies bisher der Fall ist, ein wichtiger Schritt hin zu einem vereinten, solidarischen und friedlichen Europa ist. Leider wurden in Deutschland die Chancen, die der Bologna-Prozess bietet, bisher nicht für eine qualitative Studienreform - verbunden mit einer dringend notwendigen Öffnung und Demokratisierung der Hochschulen - genutzt. Vielmehr wurde der Prozess hierzulande dazu missbraucht, weitere Selektionsmechanismen, sowohl beim Hochschulzugang als auch während des Studiums zu erreichen und dieses weiter zu reglementieren. Wir Juso-Hochschulgruppen kritisieren die oft einseitige Prioritätensetzung bei der Implementierung des Bologna-Prozesses in Deutschland. So fokussiert sich die Diskussion fast ausschließlich auf die Einführung des zweistufigen Bachelor/Master-Systems und Maßnahmen zur Qualitätssicherung. Der Bologna-Prozess ist jedoch kein "à la carte”-Prozess. Wir fordern daher, dass andere wichtige Bereiche künftig stärker berücksichtigt werden. Wir Juso-Hochschulgruppen sehen neben den weiterhin notwendigen Anstrengungen in anderen Bereichen wie etwa zur Einführung des Bachelor/Master-Systems die folgenden Bereiche als prioritär für die folgenden zwei Jahre an. Diese Bereiche sollen im Londoner Kommuniqué der europäischen BildungsministerInnen angemessen berücksichtigt werden.
  • Die Soziale Dimension darf nicht nur formale, sondern muss tatsächliche Priorität im Bologna-Prozess haben. In Bergen 2005 haben die BildungsministerInnen klargestellt, dass im Bereich der Sozialen Dimension schönen Worten nun Taten folgen müssen. Wir Juso-Hochschulgruppen erwarten eine weitere Priorisierung der Sozialen Dimension im Londoner Kommuniqué. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern die BildungsministerInnen auf, in London ein Aktionsprogramm zur Sozialen Dimension zu beschließen. Die Bologna Follow-Up Gruppe (BFUG) sollte dazu einen Rahmen erstellen, den die Bologna Unterzeichnerstaaten durch detaillierte Nationale Aktionsprogramme ausfüllen. Wir Juso-Hochschulgruppen fordern ferner, dass zur MinisterInnenkonferenz in Leuven 2009 ein Stocktaking im Bereich der Sozialen Dimension durchgeführt wird. Wir fordern, dass diese Zielvorgabe im Londoner Kommuniqué vereinbart wird und durch die BFUG bis 2009 geeignete Indikatoren erarbeitet werden. Um ein Stocktaking und vergleichende Analysen besser zu ermöglichen, fordern wir Juso-Hochschulgruppen eine wesentliche Verbesserung der Datenlage zur wirtschaftlichen und sozialen Situation von Studierenden in Europa. Um das derzeit rund 20 Länder umfassende EUROSTUDENT Netzwerk ausbauen zu können, sollen sich die BildungsministerInnen in London darauf verständigen, in ihren Ländern Sozialerhebungen durchzuführen, die mit EUROSTUDENT kompatibel sind.
  • Seit dem Berliner Kommuniqué 2003 haben viele Länder Qualitätssicherungsmaßnahmen eingeführt oder weiterentwickelt. Um im Bereich der Qualitätssicherung europaweit vergleichbare Verfahren zu erzielen, bedarf es daher nun Maßnahmen, die die Umsetzung der Europäischen Standards und Richtlinien für Qualitätssicherung (Bergen 2005) forcieren. Wir Juso-Hochschulgruppen begrüßen die von den BildungsministerInnen in Bergen begrüßte und von der E4 Gruppe (EUA, EURASHE, ENQA, ESIB) entwickelte Idee eines Europäischen Registers für Qualitätssicherungsagenturen, welches objektive und unabhängige Informationen über Qualitätssicherungsagenturen in Europa bereitstellt. Die Aufnahme in solch ein Register sollte freiwillig für Agenturen sein und diese sollten nur dann aufgenommen werden, wenn sie den Europäischen Standards und Richtlinien entsprechend arbeiten.
  • Die Förderung der Mobilität von Lehrenden und Studierenden ist ein Kernanliegen des Bologna-Prozesses. Die Möglichkeit der Mitnahme von staatlicher Studienfinanzierung (z.B. BAföG) in das Ausland ist eine Kernvoraussetzung, um finanzielle Hindernisse an studentischer Mobilität abzubauen.
  • Wir Juso-Hochschulgruppen fordern außerdem, dass die BildungsministerInnen das Problem aufwendiger und restriktiver Regelungen zur Visa-Erteilung stärker berücksichtigen.
  • Die Einführung des zweistufigen Bachelor/Master-Systems bringt nach wie vor häufig Nachteile für Studierende mit sich. Eine echte Reform der Studiengänge findet meist nicht statt, stattdessen schränken stark reglementierte Studienordnungen freie und flexible Wahlmöglichkeiten ein. Durch Zugangsbeschränkungen haben Studierende nach dem Bachelor oft nicht die Möglichkeit, ein Masterstudium zu beginnen.
Wir Juso-Hochschulgruppen fordern die Aufhebung sämtlicher Zugangsbeschränkungen zum Masterstudium. Stattdessen muss jeder/jedem ein Masterstudium offen stehen, wenn sie/er es wünscht. Wir fordern, dass die Problematik geschlechtsspezifischer Benachteiligungen im Hochschulsystem wieder in den Fokus des Bologna Prozess gelangt. Alarmierend ist, dass sich im Zugang zum Masterstudium bereits eine Unterrepräsentation von Frauen abgezeichnet hat. Wir fordern, dass alle Maßnahmen in ihrer Umsetzung dahingehend kritisch überprüft werden, ob sie gleiche Chancen für Frauen und Männer schaffen oder verringern. Weiterhin haben sich an vielen Hochschulen Problematiken in der Ausgestaltung der BA-Studiengänge ergeben. Oft sind die neuen Studiengänge stofflich massiv überlastet. Zudem ergeben sich starke fachliche Ausdifferenzierungen und Spezialisierungen, die Bachelor-Konzeptionen desselben Faches an verschiedenen Hochschulen schwer vergleichbar machen. Dadurch ergeben sich ebenfalls Probleme in der Anerkennung von ECTS-Punkten, die durch restriktive Anerkennungsverfahren verschärft werden. Wir fordern, dass auf diese Problematik stärker eingegangen wird und Lösungsansätze erarbeitet werden.