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Eckpunkte für eine Neugestaltung der Studieneingangsphase

Das deutsche Hochschulsystem befindet sich seit einigen Jahren in einem der größten Umstrukturierungsprozesse der letzten Jahrzehnte. Leider wird dabei nur auf eine Verkürzung der Studienzeit und auf eine Verknappung der Studieninhalte abgezielt, wesentliche Probleme des Hochschulsystems werden dabei außer Acht gelassen: Die hohe soziale Selektivität beim Übergang von der Schule zur Hochschule, eine inakzeptable Zahl von Studienabbrüchen (insbesondere in den ersten beiden Semestern), häufige Fachrichtungswechsel, sowie ein kaum vorhandenes bzw. mangelhaftes Beratungsangebot an Schulen, wie auch an den Massenhochschulen. Aufgrund dieser verkürzten Betrachtungsweise fordern die Juso-Hochschulgruppen, dass die zurzeit mit aller Gewalt betriebene Studienstrukturreform zu einer überlegten und sinnvollen Überarbeitung und Veränderung des bisherigen Studiensystems und zum Abbau seit langem bestehender Mängel genutzt wird. Besonders wichtig und notwendig ist die Umgestaltung des Studieneingangs. Viele Studierende treffen ihre Entscheidung für die Wahl eines Studiengangs ohne ausreichende Beratung und Informationen. Dies führt gerade in den ersten beiden Semestern zu Unsicherheiten mit schwerwiegenden Folgen, die später nur schwer oder gar nicht mehr revidiert werden können. Deshalb ist eine Neugestaltung des Studieneinstiegs dringend erforderlich.

Hochschulzugang öffnen – Chancengleichheit verbessern

Die Öffnung der Hochschule bleibt unser Ziel. Studium und Weiterbildung sollen auch für diejenigen zugänglich werden, die ihre Befähigung im Beruf oder durch andere gesellschaftliche Tätigkeiten erworben haben. (Berliner Grundsatzprogramm der SPD) Das deutsche Bildungssystem in seiner heutigen Form ist nicht in der Lage, allen Menschen gleiche Bildungschancen zu ermöglichen. Die Öffnung der Hochschulen ist und bleibt deshalb ein klassisches Ziel sozialdemokratischer Politik. Die Juso-Hochschulgruppen fordern schon lange kurzfristig die uneingeschränkte Zulassung von Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung zu allen Studiengängen– und längerfristig auch für Menschen ohne Berufsausbildung. Deshalb muss die Studieneingangsphase so umgestaltet werden, dass auch Menschen ohne Abitur die gleichen Möglichkeiten wahrnehmen können wie AbiturientInnen. Der erste Schritt muss sein, formale Zugangsbeschränkungen aufzuheben, um den Zugang zu den Hochschulen, insbesondere für Menschen mit alternativen Bildungsbiografien, zu ermöglichen. Dies allein reicht jedoch nicht aus. Die Studieneingangsphase muss so konzipiert sein, dass alle StudienanfängerInnen ihre in ihrer bisherigen Bildungsbiografie erworbenen Kenntnisse und Fertigkeiten einbringen und nutzen können – unabhängig davon, ob es sich überwiegend um Schulwissen oder um im Berufsleben erworbenes, praktisches Wissen handelt. Insbesondere Universitäten sind heute sehr theoretisch orientiert – ein wissenschaftlicher Praxisbezug fehlt insbesondere zu Studienbeginn oft völlig. Aber gerade in diesem Feld können Menschen mit Berufsausbildung ihre bisher erworbenen Kenntnisse einbringen. Die ersten beiden Fachsemester müssen daher so gestaltet werden, dass alle Studierenden die Möglichkeit haben, danach auf einem vergleichbaren Stand zu sein. Das bedeutet gerade bei unterschiedlichen vorherigen Bildungsbiografien von Studierenden, dass deutlich individuellere Lernformen und kleinere Lehrveranstaltungen von den Hochschulen angeboten werden müssen, damit Studierende unter Umständen vorhandene Rückstände während der Studieneingangsphase schließen können, ohne dadurch benachteiligt zu werden. Dabei ist darauf zu achten, dass alle Studienleistungen anerkannt werden. Ein am „work load“ der Studierenden ausgerichtetes Kreditpunktesystem ist eine mögliche Form, wie dies umgesetzt werden kann. Die durch die Öffnung des Hochschulzugangs an die Hochschulen gestellten Herausforderungen sind nicht neu, da es schon heute teilweise erhebliche Unterschiede zwischen den Vorkenntnissen der einzelnen StudentInnen gibt. Dass AbiturientInnen besser für ein Hochschulstudium geeignet wären als Menschen mit Berufsabschluss, lässt sich nicht belegen. Hier muss es zu einem Paradigmenwechsel kommen. Wo heute die Nachweispflicht für die so genannte Studierfähigkeit immer stärker auf die Studierenden verlagert wird (z.B. durch Nachweis des Abiturs und in Auswahlverfahren), da müssen in Zukunft die Hochschulen in die Verantwortung genommen werden, um Menschen mit unterschiedlichen Vorkenntnissen ohne Zugangshürden gerecht zu werden. Daher lehnen wir Auswahlverfahren ab, denn sie verstärken die bereits vorhandene soziale Selektivität des Hochschulsystems.

Eine für alle – die Orientierungsphase

Wir wollen erreichen, dass die Zahl von Studienabbrüchen und Studienfachwechseln auf Grund von Fehleinschätzungen bei der Studienplatzwahl stark reduziert wird. Die Studie zum Studienabbruch des BMBF von 2002 stellt abschließend fest, dass insgesamt rund 30% der Studierenden ihr Studium abbrechen. Um diesen Problemen zu begegnen, müssen die ersten beiden Semester zu einer fächerübergreifenden und interdisziplinär ausgerichteten Orientierungsphase umgestaltet werden. Unter fächerübergreifend verstehen wir, dass sich StudienanfängerInnen nicht bereits bei ihrer Immatrikulation für einen speziellen Studiengang entscheiden, sondern diese Entscheidung erst nach den ersten zwei Semestern treffen. Damit können die Studierenden einen ausführlichen Überblick über verschiedene Fächer gewinnen, bevor sie sich dann für ein konkretes Studienfach entscheiden. Während der Orientierungsphase wählen die Studierenden aus dem gesamten Studienangebot ihre Lehrveranstaltungen aus. Die Hochschulen unterstützen sie dabei mit individuellen Beratungsangeboten. Damit wird die Interdisziplinarität der Studieneingangsphase gewährleistet und eine Orientierung für die spätere Wahl des Studiengangs auf Grundlage von Einblicken in verschiedene Disziplinen ermöglicht. Die ersten beiden Semester setzen sich somit inhaltlich aus verpflichtenden Modulen und Wahlmodulen zusammen. Die angebotenen Veranstaltungen müssen so aufgebaut sein, dass Studierende mit beruflichen Vorkenntnissen ihre Schwerpunkte in theoriezentrierten Veranstaltungen wählen können und adäquat AbiturientInnen verstärkt in praxisbezogenen Veranstaltungen, so dass ein Ausgleich der unterschiedlichen Ausgangsvoraussetzungen der Studierenden gewährleistet wird. Die zunehmende Formalisierung der Studienordnungen und Häufung bzw. Verstetigung von Prüfungen (alles zählt für den Abschluss), die Androhung oder Einführung von Studiengebühren, die fehlende Studienfinanzierung und die Verkürzung und Verschulung der Studiengänge verhindern zunehmend eine inhaltlich qualifizierte Studienfachwahl. Daher sind die Leistungsanforderungen zu senken, Benotungen abzuschaffen, Prüfungen zu reduzieren. Alle in der Orientierungsphase erbrachten Studienleistungen werden im später zu wählenden Studiengang angerechnet. So erhalten die Studierenden in der Orientierungsphase einen Einblick in verschiedene Studienfächer und können somit eine fundierte Studienfachwahl treffen. Dabei ist eine inhaltlich fundierte Studienfachgestaltung durch Politisierung, Demokratisierung und Orientierung an der selbstbewussten, forschenden Eigentätigkeit der Studierenden zu erarbeiten. Damit kann bei Bedarf ein Wechsel ohne großen Aufwand und Verlust von Studienleistungen vorgenommen werden. Auch eine spätere Revision der Entscheidung für einen speziellen Studiengang nach der Orientierungsphase wird so erleichtert. Dabei ist darauf zu achten, das BAföG entsprechend zu ändern, so dass eventuelle Ansprüche durch einen Fachwechsel nicht verwirkt werden. Die derzeitige Regelung spätestens zum vierten Semester den Studiengang begründet gewechselt haben zu müssen ist abzuschaffen. Erst am Ende des 2. Semesters soll die Entscheidung über das konkrete Studienfach getroffen werden. Zu diesem Zeitpunkt haben die Studierenden sich einen Überblick über das Fächerspektrum verschaffen können. Die Orientierungsphase soll dazu dienen, sich einen Überblick über Studium, Wissenschaft und Fachbereiche zu verschaffen. Es geht nicht darum, in erster Linie abprüfbares Wissen anzusammeln. Daher lehnen wir eine Abschlussprüfung am Ende der Studieneingangsphase (wie dies der Wissenschaftsrat fordert) ab, da diese ausschließlich als Selektionsmechanismus wirkt.

Kleinere Lehrveranstaltungen sind notwendig – Massenveranstaltungen abschaffen

Gerade in der Studieneingangsphase werden die Grundlagen für das weitere Studium gelegt. Deshalb sollten zu diesem Zeitpunkt vor allem Lehrveranstaltungen angeboten werden, in denen Wissen selbst erlernt und erarbeitet wird, anstatt ohne relevantes eigenes Zutun im Frontalunterricht gelehrt werden. Eine wichtige Ergänzung sind Tutorien und Übungen zur eigenständigen Vertiefung des Lehrstoffs. Voraussetzung dafür ist aber, dass TutorInnen didaktisch geschult werden. Da der Lerngewinn von Vorlesungen gering ist, lehnen die Juso-Hochschulgruppen solche verschulten Massenveranstaltungen ab und treten für kleine Lerneinheiten wie Seminare, Tutorien, Colloquien und Übungen an Hochschulen ein. Diese ermöglichen es, den eigenständigen Erwerb von Wissen mit einer individuellen Betreuung durch die Lehrenden zu verbinden. Zu Beginn des Studiums sollten Techniken zum selbstständigen Wissenserwerb und wissenschaftlichen Arbeiten vermittelt werden. Diese bilden die Grundlagen für den Erfolg des weiteren Studiums. Neben diesen Studieninhalten sollten den Studierenden die inhaltlichen Grundlagen des gewählten Fachbereichs vermittelt werden, ihnen durch Module aber auch schon die Möglichkeit gegeben werden, einen Teilbereich zu vertiefen, ohne an diesen Schwerpunkt für das restliche Studium gebunden zu sein. Dies schließt eine große Wahlfreiheit im Sinne einer fächerübergreifenden Studieneingangsphase ein und widerspricht der Festlegung auf starre Stundenpläne.

Studieneingangsphase nutzen für wissenschaftsorientierte Grundlagenausbildung

Entscheidend ist, dass von Beginn des Studiums an und damit auch in der Orientierungsphase Methoden des wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt werden. Das legt die Grundlagen für das Verständnis von Wissenschaftlichkeit. In einer späteren Phase des Studiums wird der wissenschaftliche Bezug vertieft durch eigenständige, forschungsorientierte Projektarbeit. Schon von Beginn des Studiums an sollen in den Lehrveranstaltungen praktische Bezüge zu dem vermittelten Wissen hergestellt werden. Ebenso ist auf die vorhandenen Kenntnisse der Studierenden einzugehen, z. B. auf bereits vorhandene Berufskenntnisse. Zu leistende Praktika sind wissenschaftlich durch die Lehrkräfte zu betreuen und die darin erworbenen Kenntnisse in das Studium zu integrieren und für dieses nutzbar zu machen. Auf diese Weise wird praktisches Wissen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpft. Bereits vom ersten Semester an muss eine kritische Auseinandersetzung mit wissenschaftlicher Methodik und Erkenntnistheorien stattfinden. Dazu gehören neben der historischen Einbettung des Faches unbedingt ethische Fragen und die Vermittlung eines theoretischen Pluralismus. Nur so sind Studierende in der Lage, sich bewusst und kritisch mit Studieninhalten auseinander zusetzen und nicht einseitig durch Meinungen der Lehrenden beeinflusst zu werden.

StudienanfängerInnen nicht allein lassen – Beratung und Betreuung

Die Übergänge zwischen den einzelnen Bildungseinrichtungen erweisen sich immer wieder als ein Problem. Unzureichende Informationen über das Studium, mangelnde Beratung und geringe oder gar nicht vorhandene Vernetzung zwischen Schule und Hochschule führen oft zu Fehleinschätzungen und damit zum Abbruch, Fachwechsel etc. Daher fordern wir eine bessere Organisation der Übergänge, an der sowohl die (Berufs-)Schulen als auch die Hochschulen beteiligt werden müssen. An den Schulen muss es analog zur Berufsberatung auch eine qualifizierte Beratung zum Studium geben, die in regelmäßigen Abständen freiwillig in Anspruch genommen werden kann. Dazu sollen Lehrerinnen und Lehrer durch Fortbildungsmaßnahmen befähigt werden, damit sie den Schülerinnen und Schülern die Anforderungen und Profile der Studiengänge näher bringen können. Studierende sollen dafür gewonnen werden, an den Schulen Erfahrungen über ihr Studium weiterzugeben. Diese Art der Beratung darf den Schülerinnen und Schülern nicht nur einmalig in ihrer Schulzeit zur Verfügung stehen, denn oft ändern sich die Vorstellungen und Wünsche in Bezug auf die Berufswahl. Ebenso muss die Berufs- und Studienberatung der Bundesagentur für Arbeit (in den Berufsinformationszentren) dringend verbessert werden. Dadurch könnten schulische Beratungsangebote ergänzt und ausgebaut werden. Schülerinnen und Schülern muss die Möglichkeit gegeben werden, an der Hochschule eine Art „Schnupperstudium“ zu absolvieren. Das Schnupperstudium soll möglichst nah an die realen Anforderungen des späteren Studiums reichen und einen Eindruck davon vermitteln, was auf angehende Studierende zukommt. Dabei ist eine sozialverträgliche Lösung für Schülerinnen und Schüler in ländlichen Gebieten weit ab jeder Hochschule zu gewährleisten. Dieses „Schnupperstudium“ soll zweiteilig aufgebaut sein, wovon der erste Teil verpflichtend ist. Im ersten, in der Schulzeit liegenden Teil soll ein erster Eindruck vom Studium, den Anforderungen, Berufsperspektiven, Möglichkeiten der individuellen Gestaltungen und Risiken vermittelt werden. Im zweiten, nicht verpflichtenden Teil, soll während der Schulferien spezieller auf das Studium eingegangen werden. Hier sollen die Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, den „Alltag“ des Studiums kennen zu lernen: Arbeitsbelastung, Art der Lehre und des Lernens etc. Weiterhin müssen die jetzigen „Hochschul-Informationstage“ einen stärkeren Studienbezug aufweisen: Es ist die Pflicht der Hochschule, die Studieninteressierten und besonders die Neuimmatrikulierten gründlich zu informieren, insbesondere über Organisation und Inhalt der Studienfächer. Die zentrale Studienberatung auf Hochschulebene soll als erste Anlaufstelle dienen und an kompetente AnsprechpartnerInnen in den Fachbereichen und Instituten weitervermitteln. Daher fordern wir, dass von Seiten der Hochschule/ des Fachbereichs sichergestellt wird, dass sachkundige FachstudienberaterInnen vorhanden sind. Eine gute Koordinierung zwischen zentraler Studienberatung, Institut/ Fachbereich, Studierendenvertretung und Fachschaften ist notwendig, um eine angemessene Beratung der Studierenden sicherzustellen. Bei Studierenden besteht ein besonderer Betreuungsbedarf in den ersten Wochen des Studiums. Durch MentorInnenprogramme oder TutorInnenprogramme muss gewährleistet werden, dass Studierende in dieser kritischen Phase der ersten Wochen persönliche AnsprechpartnerInnen finden und so Unterstützung erhalten. Die Hochschulen haben diese Aufgabe in Kooperation mit den Studierendenvertretungen und Fachschaften wahrzunehmen, sie darf nicht allein auf die Fachschaften abgewälzt werden. Diese Betreuung trägt maßgeblich dazu bei, dass sich die Studierenden in den ersten Wochen und Monaten an den Hochschulen zurechtfinden. Um die Studierenden zu betreuen und Studienabbrüchen entgegenzuwirken, muss die Hochschule eine Beratung bei psychischen Problemen, aber auch zu sozialen Themen sicherstellen. So können kleine Hürden überwunden werden, die sich sonst im Laufe des Studiums zu unüberwindbaren Problemen auftürmen. Für die Betreuung der ausländischen Studierenden müssen feste AnsprechpartnerInnen und eine ausreichende Betreuung gesichert sein, vor allem bei der Erledigung der amtlichen Formalitäten und der Organisation des Lebens in der Studienstadt.

Packen wir’s an – das Hochschulstudium zukunftsfähig gestalten

Die besonders zu Studienbeginn auftretenden Probleme wie die hohe soziale Selektivität und hohe AbrecherInnenzahlen müssen jetzt angegangen werden. Dazu ist eine Neugestaltung der Studieneingangsphase notwendig, um den Anforderungen einer gerechten Bildungspolitik zu genügen. Mit den aktuell laufenden Umgestaltungen des Studiums wird vor allem der Druck auf die Studierenden erhöht. Grundlegende Probleme des Studiensystems werden jedoch nicht angegangen oder ausgeblendet. Der Hochschulzugang muss jetzt geöffnet werden – die Zulassung von Menschen mit abgeschlossener Berufsausbildung ist dringend notwendig und muss kurzfristig angegangen werden. Die ersten Semester des Studiums müssen breiter und fächerübergreifend ausgestaltet werden. Die mit einer Reform der Studieneingangsphase notwendigerweise einhergehenden Änderungen müssen als Kriterien für eine fortschrittliche Studienstrukturreform zugrunde gelegt werden. Dazu legen die Juso-Hochschulgruppen diese Eckpunkte vor und fordern die Sozialdemokratie auf, diese umzusetzen.